Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu. Ödön von Horváth

Menschen, die auf Hitler starren

Eine Ent-Dämonisierung tut unserem Umgang mit der NS-Zeit gut – denn es waren keine Boten aus der Hölle, die damals wüteten. Mit Hitler sind wir Deutschen aber noch lange nicht fertig.

Hitler verkauft sich gut – als Magazincover, als Kinoplot oder in Satireform. Siebzig Jahre nach Kriegsende läuft dem Publikum immer noch der Schauer über den Rücken. Die Schwarz-Weiß-Bilder, die über die Leinwand flimmern, zeigen uns das Deutschland unserer Groß- und Urgroßeltern, in das wir uns nicht hineindenken können, aber das wir dennoch verstehen möchten.

Wir sind nicht entschieden: Zum einen ist das Dritte Reich – Gott sei Dank – lange Geschichte. Zum anderen streiten sich Gelehrte und Öffentlichkeit über Monate, ob es eine kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ geben darf. Die Angst sitzt tief, dass sich noch einmal ein Dämon erheben könnte, dass aus den Buchstaben, die so viel Unheil angerichtet haben, sich noch einmal Unheil über die Welt ergießt.

Mit Hitler sind die Deutschen lange noch nicht fertig. Und das nicht nur in einem akademisch-historischen Sinne. Als Walter Moers mit dem Cartoon „Adolf, die Nazi-Sau“ Hitler zu einer Comicfigur machte, war die Öffentlichkeit ratlos: ob dadurch nicht die Gefahr einer Verniedlichung des Diktators bestünde, wurde diskutiert. Auch die Fotokunst „Pissende Nazis“ von Andreas Mühe, die uniformierte Nazi-Darsteller auf dem Obersalzberg zeigt, hat einige verstört: Darf man an historischer Stätte mit dem Nationalsozialismus spielerisch umgehen?

Die Frage ist berechtigt, denn um persiflieren zu können, muss man das Original kennen. Und da wissen wir: Den Jugendlichen von heute sind die Nazizeit und der Holocaust fern. Zeitzeugen sind nicht mehr Familienangehörige, die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte tritt aus dem Bewusstsein der nachwachsenden Generation hinter die Schranke, die der Einband eines Geschichtsbuchs gemeinhin darstellt.

Knapp siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg steht die Gedenkkultur in Deutschland daher vor einer immensen Herausforderung. Wenn der Roman-Hit „Er ist wieder da“ von Timur Vermes, ein Buch, dessen Plot daraus besteht, dass Hitler im Jahr 2011 in Berlin aufwacht und versucht, seine Propaganda im Internetzeitalter unters Volk zu bringen, im Verkauf 19,33 Euro kostet, dann muss man diese Anspielung erst einmal verstehen. Gleichzeitig drängt sich legitimerweise die Frage auf, ob das Jahr der Machtergreifung heute nur noch für einen Marketing-Gag herhalten kann.

Hitler taugt heute für beides: zur Abschreckung und zur Belustigung. Eine Ent-Dämonisierung tut unserem Umgang mit der NS-Zeit gut. Dort haben keine Dämonen gewütet, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Echte, feiste, irdische Typen von nebenan und keine Boten aus der Hölle.

Die Menschen damals sahen in Adolf Hitler einen politischen Messias. Die Nachkommenden haben versucht, in die eine oder andere Seite zu relativieren: Vom Dämon hatten wir es bereits, eine andere Weise intoniert den Klassiker mit den Autobahnen und dem damit vermeintlich verbundenen Verdienst Hitlers, er habe die Arbeitslosigkeit beseitigt.

Wir Heutigen sehen in ihm – was genau? Wir haben uns diese Frage noch nicht beantwortet.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2014.

Darin geht es u.a. um Hitler: Wir haben den größten Verbrecher aller Zeiten zur Popfigur gemacht. Was dieses „Hitlertainment“ über uns verrät, debattieren u.a. Timur Vermes und Ernst Nolte. In weiteren Debatten geht es um den gerechten Krieg (u.a. mit Egon Bahr) und das Ende der Globalisierung (u.a. mit Thomas Piketty).

Sie können es hier direkt bestellen.

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