Verfolgt, verdrängt, vergessen

Alexander Görlach10.08.2014Gesellschaft & Kultur

Wir begegnen der Christenverfolgung in der arabischen Welt mit Apathie. Diese selbstgerechte Bequemlichkeit des Westens ist seine größte Schwäche.

Während wir uns überlegen, wo wir an diesem Sonntag unsere Seele baumeln lassen und die Sommerzeit genießen können, ist der Tag des Herrn im Nahen Osten für viele Christen ein weiterer trauriger Tag in einer Kette anscheinend nicht enden wollender schmerzlicher Tage. Für uns im Abendland ist das nicht vorstellbar, wo wir doch religiös tolerant sind und wegen der Jungfernhaut einer gewissen Maria, die vor über zweitausend Jahren einen Herrn Jesus geboren hat, nicht mehr in den Krieg ziehen oder uns prügeln würden.

Wir haben unser Lehrgeld bezahlt. Wir wollen uns daher zurücklehnen und uns am religiösen Erbauungstag, den uns die christliche Tradition auch heute noch im Internetzeitalter als arbeitsfreien Tag kredenzt, nicht damit auseinandersetzen, dass andere für eine solche Toleranz nicht zu haben sind.

Und was tun wir? Nichts

Wenn es einen großen Verlierer der arabischen Revolution gibt, dann sind es die Christen in der Region. Die ISIS-Fanatiker haben dem, was seit dem Jahr 2011 dort vor sich geht, nun die Krone aufgesetzt. Die Namen der christlichen Kirchen, ihrer Patriarchen, die bedroht sind, klingen für uns hier im Westen fremd. Sie tragen fremdartige Gewänder in orientalischen Farben. Sie sehen auf den Fotos, die wir von ihnen sehen, auf keinen Fall wie Verwandte aus.

An der Wiege des Christentums erlebt eben diese Christenheit, die uns so fremd erscheint, dass es Kräfte gibt, die ihr nicht wohlgesinnt sind, die sie hassen und die ihr Ende möchten. Und was tun wir: nichts. Wir wollen nicht. Uns ist alles, was mit Religion zu tun hat, ein bisschen peinlich. Vor allem sind uns Leute peinlich, die Religion ernst nehmen.

Als Unionspolitiker wie Wolfgang Schäuble und Volker Kauder vor zwei Jahren dafür warben, verfolgte Christen aus Syrien aufzunehmen, wurden sie regelrecht in der Öffentlichkeit zerfleischt – von Leuten aus einigen lautstarken, linken und grünen Kreisen. Man dürfe die Christen nicht bevorzugen, nur weil wir hier zufällig auch Christen sind. Es hat nur noch der gut gemeinte Rat gefehlt, doch einfach zu konvertieren, damit man Ruhe hat vor dem ganzen Religionsgedöns.

Der Westen ist zu lax

Es geht nicht um einen Solidaritätsbonus mit den Angehörigen derselben Religion. Es geht darum, dass man verfolgten Minderheiten helfen und ihnen Schutz bieten muss. Und zwar da, wo sie zu Hause sind. Dies gilt vor allem dann, wenn man, wie der sogenannte Westen, nicht wenige Vertreter hat, die bei jeder Gelegenheit gefragt oder ungefragt die Verteidigung der Menschenrechte als ihre Aufgabe und Verpflichtung beschreien.

Wir unterstützen die bedrängten Christen nicht, weil wir zu lax sind, weil uns das, was vermeintlich weit weg von unserer Wohnungstür passiert, nicht tangiert. Wir müssen den Urlaub buchen, einkaufen gehen, Fußball schauen. Doch auch bei uns werden religiöse Minderheiten verfolgt. Die jüdische Kultusgemeinde kann ein Lied davon singen. Der Israel-Palästina-Konflikt wird auch in Europa ausgetragen.

Wir gehen als Nächste unter

Der Wunsch, der am Ende des Kalten Krieges vorgetragen wurde, dass wir nun in ein ideologiefreies Zeitalter gehen würden, war nicht mehr als ein frommer. Die Bequemlichkeit des Westens ist daher im Moment seine größte Schwäche. Wir halten uns für die Auffinder der universellen Werte wie Glaubens- und Meinungsfreiheit, aber wenn es darum geht, sie zu verteidigen, sind wir sehr selektiv. Das werfen uns viele Menschen vor, nicht nur in der sogenannten islamischen Welt, auch aus Russland ist zu vernehmen, dass man die Doppelstandards, die der Westen setzt, verstörend findet.

Wir verteidigen weiter und unbeeindruckt unseren Besitzstand, die anderen sind uns egal. Die Apathie, mit der wir den Nachrichten der Christenverfolgung in der arabischen Welt begegnen, ist ein unzweideutiger Beleg dafür, dass wir selbst als Nächste untergehen: der Westen mit all seiner schalen Selbstgerechtigkeit.

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