Ich war beliebt und damit gefährlich. Gabriele Pauli

Vom Acker und dem Ackermännchen

Was in der Politik von rechts nach links diskutiert wird, kann analog auf die Kirche angewandt werden. In 500 Jahren seit der Glaubensspaltung hat sie Grundlegendes nicht geändert. Hatten die Reformatoren doch recht?

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Andreas Püttmann hat eine Replik auf diese Kolumne geschrieben.

Das Reich Gottes, so hören wir bei Jesus, ist wie ein Acker, in dem ein Schatz gefunden wird. Der Vorbote dieses Reiches Gottes ist die Kirche. Die katholische Kirche. Hat sie vielleicht auch ein paar Schätze im Acker? In Deutschland: Im Moment keine. Die Kirche hat hier keinen Acker anzubieten, sondern einen Ackermann. Er ist Bischof von Trier und hat den Auftrag der Bischofskonferenz angenommen, die Missbrauchsskandale in der Kirche aufzuklären und neue zu verhindern.

Die Nachricht, dass im Bistum Trier mit dem Wissen von Bischof Ackermann aktenkundige Pädophile weiterhin das Priesteramt auch in der Umgebung von Kindern und Jugendlichen ausüben, ist ein Fanal und fettes Siegel dafür, dass die Kirche das Problem in ihr nicht selbst aus eigener Kraft lösen kann. Ackermann ist kein Schatz, sondern eine Hypothek. In seinem Bistum wird er nur noch „das Ackermännchen“ genannt, die Gläubigen gehen in die innere Emigration, die Kirchen leeren sich.

Die Kirche – ein Trümmerfeld

Während der Papst in Lateinamerika eine Kirche besichtigt, die Fortschrittsmotor und Schlichter in maroden Gesellschaften sein kann, fällt in Deutschland der Putz von den Wänden. „Wie liegt die Stadt so wüste“ heißt es in den Klageliedern des Propheten Jeremias. Die Kirche ist ein Trümmerfeld. Verunsicherte Gläubige, sprechunfähige Bischöfe und Priester. Im Jahr 50 nach der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils, das den Katholizismus modernefähig machen sollte (rund fünfhundert Jahre nachdem die Moderne mit der Erfindung des Buchdrucks und der Entdeckung Amerikas begonnen hat), ist diese katholische Kirche im Land des Heiligen Bonifatius ein Leichnam im barocken Gewand.

Die Gründe für Pädophilie sind vielfältig, eine einfache Herangehensweise gibt es nicht. Die Problemlage ist diffizil. Schon klar. Verständnis kann man aufbringen. Aber nicht unbegrenzt. Die Ursachen, die dazu führen, dass die Kirche nicht in der Lage ist, das Problem des Missbrauchs in ihren Reihen zu lösen, haben schon Luther, Calvin und Zwingli benannt. Und so drängt sich mir die Frage auf: Hatte die Reformation nicht doch recht?

Keine Reform der Kirchenstrukturen

Der gelebte Glaube der Kirche hat sich seit der Glaubensspaltung nicht verändert. Noch immer glauben Katholiken an Opfer, Wiedergutmachung, Priester, die zwischen Gott und dem Menschen vermitteln. Sie verehren Heilige und Engel. Katholische Ideale sind Aufopferung, Demut, Selbsthingabe. Die innere Organisation der Kirche, ihre Leitungsform ist unverändert durch den Lauf der Zeit auf uns gekommen. Auch ihre Moral hat die Kirche über die Zeiten erhalten: Ihre Lehre von der Gesellschaft und die Rolle der Familie darin. Besonders intensiv aber hat die Kirche die Liebe zu sich selbst bewahrt, zu dem, was sie glaubt, was ihre Setzung und Stiftung durch Jesus Christus selber und ihre daraus abgeleitete Aufgabe ist.

Das Papsttum hat es verstanden, sich den veränderten Bedingungen der Gegenwart anzupassen. Es wird das ewige Verdienst von Johannes Paul II. sein, dass er die Bestrebungen seiner Vorgänger fortgesetzt und perfektioniert hat, den Nachfolger Petri unter den Vorzeichen einer medialen Gesellschaft als den zu positionieren, der für die Menschenrechte und die Wohlfahrt der Völker eintritt. Eine Reform der Kirchenstrukturen hat diese glaubwürdige Neuausrichtung hingegen nicht bedeutet.

Das Ende des Kirchenbeamtentums

Das Kirchenrecht benennt ganz deutlich in seinem letzten Kanon, was die Aufgabe der Kirche ist, ihre einzige Aufgabe, die Aufgabe, für die ihr Stifter sie vorgesehen hat: das Heil der Seele jedes ihrer Mitglieder. Das heißt: Die Organisation der Kirche, ihre Tätigkeiten, ihr Selbstverständnis muss sich dem unterordnen. Die Kirche hat keinen Zweck für sich, sondern nur im Hinblick auf ihre Mitglieder. Das Reich Gottes bleibt, wenn es einmal gekommen sein wird, für immer, die Kirche hingegen ist vorläufig. Das bedeutet, dass es gegen Gottes Wille ist, ganze Landstriche pastoral veröden zu lassen, weil sich keine Männer mehr finden, die als Zölibatäre in riesigen, großen Pfarrhäusern alleine leben wollen.

Mag sein, dass ein evangelischer Pfarrerhaushalt das Fanal an Spießertum mit Beffchen bedeutet, aber die Ratlosigkeit, mit der sich die Gläubigen über die Jahrhunderte damit abgefunden haben, dass ihre Pfarrer eine Haushälterin, eine Partnerin oder, in neuerer Zeit, einen Partner haben, ist in eine Scheinheiligkeit gemündet, die den Glauben von innen aushöhlt. Dieser ausgehöhlte, scheinheilige Zustand der Kirche wird dadurch konterkariert, dass es die wirklich Zölibatären in ihrer Mitte immer gegeben hat und weiterhin gibt. Diese Menschen zeigen: Zölibatär sein ist auch kein Selbstzweck an sich. Zölibatär sind einzelne, aus einer Liebe zu Gott, die sie verspüren, die aber nicht jeder in derselben Weise, quasi kirchenbeamtentumlich spüren muss, um einen Dienst in der Kirche zu vollziehen, für den eine Weihe nötig ist. Das Ziel der Reflexion des Priesters ist nicht er selbst, sondern der Gläubige, ist nicht der Klerus, sondern die Gemeinde. Das ist reformatorisches Gedankengut, für das sich auch das Zweite Vatikanische Konzil in einer bestimmten Weise erwärmen konnte.

Lieber evangelisch als konfessionslos

Der geweihte Priester arbeitet in einer Diözese mit Mitbrüdern zusammen, die er seit Jahren kennt, mit denen er studiert und über Jahre unter einem Dach im Priesterseminar zusammengelebt hat. Der eine wird irgendwann der Chef des anderen. Ohne Zweifel entstehen dort Loyalität und Verbundenheit, die den klaren Blick auf die Dinge erschweren und verunmöglichen. Gleichzeitig ist die Gemeinschaft der Kleriker die Familie des Priesters. Wie sollte er in einem schwerwiegenden Fall gegen die Familie handeln – die Problematik, die diese Konstellation für den Einzelnen mit sich bringt, bedarf hier keiner weiteren Erklärung. Gleichzeitig hat der Pfarrer in der Gemeinde selten ein Korrektiv (gehabt).

Sollen die innerlich emigrierten Katholiken im Bistum Trier oder in Bayern oder sonst wo in Deutschland nun zum Luthertum konvertieren? Lieber evangelisch als konfessionslos. Der Klerus in Deutschland muss sich eingestehen, dass er nach dem Konzil viel Äußerliches in der Kirche verändert hat. Aber innerlich blieben auf der einen Seite die Hirten und auf der anderen die Herde. Die Botschaft an die Bischöfe ist klar: Entweder jetzt tiefer graben oder einen neuen Acker suchen. Sucht es Euch aus.

Andreas Püttmann hat eine Replik auf diese Kolumne geschrieben.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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