Wahrheit und Meinung

Alexander Görlach11.08.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Gibt es eine objektive, unumstößliche Wahrheit? Oder brechen sich Wahrheitsansprüche im Diskurs an den Behauptungen der anderen. Meinung oder Wahrheit? Die Antwort auf diese Frage hat massive Auswirkungen auf unser Menschenbild.

Für die Macher eines Debatten-Magazins stellt sich diese Frage unvermeidlich: Gibt es eigentlich die Wahrheit? Unserem Selbstverständnis nach verhandeln wir Sachverhalte ja diskursiv, das heißt: subjektive Überzeugungen stehen miteinander im Wettstreit. Die Argumentation gewinnt der, der die besten Argumente glaubhaft vorträgt. Argumente werden vorgetragen mittels der Sprache. Sie stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Person, die sie äußert. Mit der linguistischen Wende in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurde – was heute eine Selbstverständlichkeit ist – erstmals Sprache als etwas verstanden, was nur in einem bestimmten Kontext sinnvoll ist. Sprechen ist also mehr als nur Laute äußern, Sprechen ist ein Selbstvollzug. Sprechen ist Handeln. Das heißt auch, dass Sprechen immer subjektiv ist.

Das Ende des Objektiven

Im Zusammenhang von Sprechen – Denken – Welt gibt es somit nichts Objektives mehr, das uns als Gegebenes gegenübertreten könnte. Kinder aktualisieren nicht etwa eine vorgegebene Datenbank an Sprache in ihrem Hirn, wenn sie zu sprechen beginnen, sondern sie lernen die Welt. Ihre Welt, ihre subjektive Welt. Diese neuen Erkenntnisse setzen den alten Wahrheitsbegriff einem krassen Stresstest aus. Wahrheit bedeutete immer etwas Objektives innerhalb der Welt oder etwas Größeres über uns außerhalb der Welt. Von beidem kann nach der linguistischen Wende nicht mehr gesprochen werden. Davon unterschieden wurde die bloße Meinung; also im Prinzip die Materie, aus der ein Meinungs- und Debattenmagazin aufgebaut ist.

Erst Kopernikus, dann Darwin und Freud – und jetzt das!

Die linguistische Wende ist daher die jüngste Kränkung, die der Mensch nach Kopernikus, Darwin und Freud ertragen muss. Sie ruft ihm nichts anderes zu, als dass er zu mehr nicht taugt, als eine wohlbegründete Meinung zu formulieren, mehr nicht. Er, der Mensch, ist also nicht Adressat einer wahren Offenbarung oder Erkenner einer größeren Wirklichkeit, die ihn umgibt. Er konstruiert seine Wirklichkeit mit Hilfe der Sprache. Er schafft das intersubjektiv mit den anderen Teilnehmern seiner Sprachgemeinschaft und darüber hinaus mit allen Menschen, mit denen er qua Gattung dieselbe kognitive Grundausstattung teilt. In der Welt gibt es also nur noch Dinge, die in einem intersubjektiven Diskurs Wahrheitsfähigkeit erlangen, es gibt aber keine objektive Wahrheit, deren Erkenntnis den Schlüssel zum Verständnis der gesamten Wirklichkeit darstellt. Uns tritt also keine Welt objektiv entgegen, sondern wir sind immer schon Teil der Welt. Die Welt wird durch uns, was sie ist. Wenn wir sterben, stirbt mit uns die Welt, so wie wir sie gesprochen haben. Das hat viele Konsequenzen; lassen Sie mich zwei nennen:

Der Weg, die Wahrheit und das Leben

Das eingeübte Zusammenspiel von Wort und Tat wird mit der linguistischen Wende obsolet. Für die Alten war ein weiser, gerechter Mensch einer, der glaubhaft das, was er als wahr erkannt hat, mit seinem Leben ins Werk gesetzt hat. Auf diese Weise hat die Antike ihre Heroen definiert und die junge Kirche ihre Heiligen. Christus wird in der spätantiken Theologie der Wahre, weil er mit dem Wirken seines Lebens die Botschaft seiner Predigt bestätigt. Er spricht von der Feindesliebe und vergibt dann aber auch selbst seinen Peinigern. Diese Überzeugungen, so müssen wir heute sagen, finden wir nicht außerhalb unserer Selbst auf oder sie finden uns, etwa in Form einer göttlichen Gnadenwahl, auf. Sie entstehen in uns und werden Wirklichkeit, wenn wir sie sprechen oder sie sind Wirklichkeit, indem wir in der Lage sind, sie sprechend zu denken. Eine zweite Konsequenz ist die der Unterscheidung von Gut und Böse. Das ist eine nicht unerhebliche Frage. Der Heilige Thomas kann in der Scholastik sagen, dass es ethisch ist, das Gute zu tun und das Böse zu meiden, es zurückzuweisen. Das Gute und das Böse hingegen füllt er inhaltlich nach den Maßgaben der Glaubenslehre, was gut und was böse sei. Wird das Gute manifest in Gott, das Böse im Teufel? Oder lebt die Anlage zu dem, was wir gut und böse nennen, in unserem Denken, Sprechen und Handeln, fügt sich durch die Erfahrungen unseres Lebens zusammen?

Konzepte, die uns überdauern

In beiden Fällen würde die Mehrheit der Leser sicher intuitiv sagen, dass dem nicht so ist: Weder steht die Wahrheitsfähigkeit eines überzeugenden Menschen, der seine Strahlkraft durch die Übernahme von Werten bezieht, von denen er sagt, dass sie göttlichen Ursprungs seien – Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer und Mutter Teresa genügen als Beispiele – infrage, noch würde diese Mehrheit sich der Behauptung anschließen, das Gut und Böse keine fest zu bestimmenden Größen seien. Wie damit umgehen? Es gibt sicher Konzepte, von denen wir sagen können, dass sie größer sind als wir, weil sie uns überdauern. Und wir können uns intersubjektiv auf einen Kodex von Handlungen und Haltungen einigen, die unser menschliches Zusammenleben steuern, und die definieren, was gut und was böse ist. Es gibt sicher Menschen, die uns beeindrucken, weil sie durch ihre kognitive und empathische Kraft Dinge zu formulieren in der Lage sind, die viele andere Menschen inspirieren. Gibt es also eine ewige Wahrheit? Manchmal reicht es schon aus, zu einer wohlbegründeten Meinung zu gelangen.

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