Ein Leichnam im barocken Gewand

Alexander Görlach9.02.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Die katholische Kirche in Deutschland entwickelt einen Hobby-Wahhabismus. Ähnlich dem beklagenswert lähmenden Zustand der Erstarrung in der islamisch-arabischen Welt geriert sich der römische Ableger auf dem Terrain des heiligen Bonifatius als eine rückwärts gewandte Truppe, die sich selbstreferenziell an internen Themen mit Verve abarbeitet, dabei aber den Anschluss an die Gegenwart verpasst hat. Sie präsentiert sich zum Papstbesuch als Leichnam im barocken Gewand.

Die katholische Kirche in Deutschland ist intellektuell ausgezehrt. Das war zu Zeiten der Industrialisierung anders, das war zu Zeiten der ökologischen Bewegung anders, das war im Streit um den Paragrafen 218 in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch anders. Heute findet eine Auseinandersetzung zu Themen wie “PID(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/3724-praeimplantationsdiagnostik, “Sterbehilfe(Link)”:http://www.theeuropean.de/alexander-kissler/3607-sterbehilfe-und-selbstbestimmung, “AIDS-Bekämpfung(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/1708-der-kampf-gegen-aids, Stammzellforschung immer nur im Rückwärtsgefecht und in Ablehnung der Neuerung statt. Kein einziges Mal wird in die Richtung der positiven Möglichkeiten beispielsweise medizinischer Errungenschaften gedacht. Nachdem ich im vergangenen Jahr den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, bei der Verleihung des katholischen Medienpreises über „elektrische Medien“ habe reden hören, in einer Laudatio, in der er in leierndem Singsang auch noch auf Facebook und seine Nachteile zu sprechen kam, habe ich den Zug der Erneuerung ein weiteres Mal in rauschendem Tempo an meiner Kirche vorbeifahren hören.

Stillstand ist der Vorbote des Untergangs

Haben Religionen nicht etwas Bewahrendes, ist dieser Auftrag nicht ihr evolutionärer Vorteil? Ein Vorteil vielleicht, aber nicht ihr Alleinstellungsmerkmal! Wenn Religionen im Status quo einfrieren, sterben sie ab und am Ende aus. Der Untergang der islamischen Welt, als Behauptung von Hamed Abdel-Samad in einem gleichnamigen Buch hervorragend ausgeführt, ist eine interessante Parallele zu den Entwicklungen in der katholischen Kirche in Deutschland. Seine These, dass das Aufbäumen des islamistischen Extremismus nicht der Beginn einer neuen Stärke des Islam sei, sondern Vorbote seines endgültigen Untergangs, basiert wiederum auf Dan Diners These von der versiegelten Zeit: Dort, so Diner, wo Religion, in Rechtsnormen durchkodifiziert, Entwicklung verunmöglicht, tritt totaler Stillstand ein. Ein ebensolches Bild bietet die katholische Kirche in Deutschland: ihre Amtsträger und ihre in Gremien aktiven Laien gleichermaßen. Die Themen sind seit 45 Jahren dieselben, die Akteure, die sie verhandeln, sind dieselben, die Sprache, in der sie die Auseinandersetzung führen, ist dieselbe. Semper idem.

Katholische Wahhabiten im intellektuellen Tiefflug

Im Moment führt die katholische Version des Ying-Yang einen Streit im Vorfeld des Papstbesuchs im September. Politiker der CDU, die selbst aktive Katholiken sind, schreiben einen offenen Brief, in dem sie sich der “Zölibatsproblematik(Link)”:http://www.theeuropean.de/martin-loewenstein/2378-die-unverstaendlichkeit-des-zoelibats annehmen. 144 Theologen formulieren einen “Brandbrief an die Bischöfe(Link)”:http://www.memorandum-freiheit.de/?page_id=35. Sie fordern alles vom Frauenpriestertum bis zur Homo-Ehe. Der Duktus dieser Äußerungen ist, siehe oben, der der 60er-, vielleicht der 70er-Jahre. Entlarvend schon die Vokabeln von Amtskirche und Hierarchie. Sie sind dergestalt kodifiziert, dass sich beide Seiten in totaler Abgeschiedenheit von der Gesamtgesellschaft aneinander abarbeiten können. Nur: Der Untergang des einen bedeutet auch den totalen Bedeutungsverlust des anderen. _Enemy mine._ Geliebter Feind. Entwicklung ist so strukturell verunmöglicht.

Einstige Größe – Kopernikus, Darwin, Mendel

Die ungeschminkte, reine Wahrheit ist, meine Damen und Herren im abgeschiedenen professionalisierten Kirchendiskurs, dass der Glaube an Gott immer weniger plausibel ist – ganz egal, ob der Glaube an den Gott der Christenheit oder den der Muslime. Von den Himmelswesen und Erdgeistern, von denen der Dalai Lama gerne bei seinen Deutschlandbesuchen spricht, müssen wir hier gar nicht erst anfangen. Die Fragen heute sind andere als die Mitte der 60er-Jahre. War der Glaube an Gott irgendwann einmal plausibeler? Das steht auf einem anderen Blatt. Die christliche Religion hatte aber über Jahrhunderte die Dynamik und das Potenzial, über ihr unablässiges Fragen nach dem Urgrund der Welt die Naturwissenschaften zu bereichern. Nicht umsonst wurden einige der größten Entdeckungen der neuzeitlichen Naturwissenschaften von christlichen Theologen gemacht: Kopernikus, Darwin, Mendel. (Ich bitte an dieser Stelle, geneigte Leserbriefschreiber, mich in den dafür vorgesehenen Spalten unter dieser Kolumne mit Hinweisen auf bspw. Galileo Galilei zu verschonen. Das ist hier heute mal nicht der Gegenstand der Abhandlung.)

Näher, mein Gott, zu Dir – der Titanic-Song nun auch zum Untergang des deutschen Katholizismus

Die Neugierde auf Mehr war ein Näher-zu-Gott und nicht das Gottseibeiuns des dauerhaften Dammbruchs, von dem heute bei jeder technologischen Neuerung die Rede ist. Fides quaerens intellectum – der Glaube, der die Vernunft befragt. Der größte Gelehrte der Gegenwart, der sich auf dieser philosophischen Ebene mit dem Zueinander von Entwicklung und Bewahrung, Vernunft und Glaube beschäftigt, ist Joseph Ratzinger. Das läuft so manchem Mentalitätswahhabiten im deutschen Klerus gar nicht gut rein, ändert aber nichts am Wahrheitsgehalt dieser Aussage. Das Zweite Vatikanum war eine Reaktion auf das Erste Vatikanum, das 1870 schon 200 Jahre verspätet auf die Entwicklungen der neuzeitlichen europäischen Moderne einzugehen versuchte. Wie kann man stilbildend sein, wenn man immer einige Jahrhunderte zu spät ist?

Leichnam im barocken Gewand

Die katholische Kirche in Deutschland kann erst wieder an Kraft gewinnen, wenn sie sich traut, aus der Nische ihrer selbstreferenziellen Diskurse auszubrechen und den Mief der Filterkaffee-mit-superfetten-Milchdöschen-ich-bin-so-gottverdammt-kritisch-Runden zugunsten eines Aufbruchs zurück in die Weiten der Weltkirche hinter sich lässt. Die Kirche, so sagten es die Theologen des Zweiten Vatikanums, sei „semper reformanda“ – sich stets erneuernd. Daran sollen sich die Konzilsfossile beider Seiten in Deutschland einmal erinnern.

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