Allahs Halbmond über Bellevue

Alexander Görlach6.10.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Der Islam gehört nicht zur Geschichte Europas, die Muslime aber sehr wohl zur Gegenwart Deutschlands. Es ist grotesk, nach Jahrhunderten der Ablehnung jetzt die jüdisch-christliche Tradition gegen den Islam in Stellung zu bringen. Wir müssen lernen, mit einer neuen religiösen Minderheit zu leben und sie als Bürger anzuerkennen.

Der Bundespräsident wird überinterpretiert. Christian Wulff sagte in seiner Rede: “Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.” Damit hat das Staatsoberhaupt keine theologische Aussage gemacht, er hat auch nicht die Prägekraft des Christentums für die Gegenwart des Landes relativiert. Er hat ein Signal an die Muslime senden wollen: Ihr gehört zu unserer Gesellschaft. Wir Deutschen müssen lernen, mit einer religiösen Minderheit zu leben. Und wir sollten es besser machen als in den Jahrhunderten, in denen Juden und Christen in Feindschaft nebeneinander her existiert haben. Wenn heute das “jüdisch-christliche Erbe” beschworen und sogar in Stellung gegen den Islam gebracht wird, dann steht dieses Bekenntnis auf den Trümmern der Schoah. Es ist das “Nie wieder” der Christenheit, deren Ablehnung des Judentums in das Fanal unserer Zivilisation, dem millionenhaften Mord an den Juden durch die Nazis, geführt hat. Es wäre absurd, die Behauptung zu wiederholen, die Türken seien nun die neuen Juden Europas. Es wäre aber zur selben Zeit töricht, zu glauben, dass sich Intoleranz und gesellschaftliche Ausgrenzung nicht wiederholen könnten.

Der Gott der Christenheit im Grundgesetz

Die christliche Tradition hat Deutschland geprägt. Unter den Trümmern des Kriegs bargen die Väter und Mütter des Grundgesetzes die Überlieferung des christlichen Glaubens. Die “Verantwortung vor Gott” steht in der Präambel unserer Verfassung. Gemeint ist der Gott der biblischen Tradition. Kein anderer. Das kann man so festhalten, denn 1948 dachte wirklich niemand an millionenfachen Zuzug aus der islamischen Welt. Muslime heute können aber – wenn sie wollen – in der Anrufung unseres Gottes auch ihren Gott erblicken. Das wird man ihnen ohne Zweifel zugestehen dürfen. Wir Europäer haben viel diskutiert über das jüdisch-christliche Erbe und darüber, ob es Erwähnung in der europäischen Verfassung finden solle. Vertreter von islamischen Interessenverbänden forderten damals lautstark, auch der Islam gehöre in die Aufzählung. Das ist mit einem Wort: falsch. Europa hat sich in seiner Geschichte immer wieder des Islam erwehrt. Die christliche Religion, die auf ihr fußende Kultur sieht manche Dinge in der Welt nicht irgendwie und nur ein bisschen anders als der Islam. Sie sind diametral verschieden: das Menschen-, Gesellschafts-, Welt- und Gottesbild.

Tradition ist das eine, Wandel das andere

Der Islam und die Muslime in Europa werden ihren Platz finden müssen in einer Welt, die auf anderen Grundlagen als die ihnen einstmals vertraute steht. Der Islam geht in seiner Vorstellung davon aus, vorherrschend zu sein. Muslime sollen idealerweise dort leben, wo der Islam Majorität ist. “Der Islam herrscht und wird nicht beherrscht” – so lautet ein Satz aus der islamischen Tradition. Tradition ist aber eben nur das eine, Wandel das andere. Muslime, die hier leben, sind geistig mobiler als Beduinen des 7. Jahrhunderts. Auch das wird man den Muslimen ohne Weiteres zugestehen dürfen. Der bevorstehende Wandel kann sehr fruchtbar werden. Der Prozess dazu beginnt gerade erst. Islamische Religionslehrer werden an den Universitäten ausgebildet. Religionsunterricht wird eingeführt. Moscheen werden gebaut und islamische Grabstätten errichtet. Diesen Wandel innerhalb des Islam in Deutschland verunmöglichen wir, wenn wir mit der gesellschaftlichen Ausgrenzung weitermachen.

Was ist das Eintrittsbillett in unsere Gesellschaft?

Am Ende profitiert unser Land. Natürlich müssen wir deutlich machen, wo unsere Grenzen liegen. Natürlich müssen wir sagen, dass wir nicht islamisiert werden wollen. Natürlich müssen wir radikale und ewig gestrige Imame ausweisen. Aber wer glaubt denn ernsthaft, dass die stille Mehrheit der Muslime in Deutschland das nicht genauso sieht? Die Gesellschaft muss vor allem das Vertrauen der muslimischen Jugendlichen wieder gewinnen, die sich in Scharen radikalisieren, weil sie keine Teilhabe an unserer Gesellschaft erlangen. In einer Verfilmung des Lebens von Gustav Mahler sagt der Komponist: “Der Taufschein ist das Eintrittsbillett in die europäische Gesellschaft.” Wie viele Juden haben sich taufen lassen, um überhaupt mitspielen zu können in Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft? Und heute schmücken wir uns mit unserer “jüdisch-christlichen” Vergangenheit? Wir sind nur dann eine großartige christliche, demokratische und freiheitliche Gesellschaft, wenn wir die Muslime, die hier als anständige Bürger leben, auch Bürger im Vollsinn sein lassen. Das ist die Kraft, die Wahrheit und der Charme der Freiheit, die am Ende jede starrsinnige Ideologie, auch den Islamismus, überwinden wird. Das ist das Deutschland, in dem der Bundespräsident die Muslime willkommen geheißen hat. Es kann auch ihr Deutschland werden. Sie müssen ein Teil davon werden wollen und wir müssen sie einen Teil davon werden lassen.

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