So nicht, Herr Spaemann

Alexander Görlach19.02.2014Gesellschaft & Kultur

Matthias Matussek nimmt sich den Philosophen Robert Spaemann zum Kronzeugen für sein homophobes Weltbild. Zeit für eine Abrechnung im Namen des Herrn.

Matthias Matussek hat in seinem Beitrag “„Ich bin wohl homphob. Und das ist auch gut so.“”:http://www.welt.de/debatte/kommentare/article124792188/Ich-bin-wohl-homophob-Und-das-ist-auch-gut-so.html seine Einstellung zur Homosexualität mit einem Zitat des Philosophen Robert Spaemann begründet:

bq. „Das Natürliche ist auch moralisches Maß für die Beurteilung von Defekten. Nehmen Sie die Homosexualität: Die Abwesenheit der sexuellen Anziehungskraft des anderen Geschlechts, auf dem die Fortexistenz der menschlichen Gattung beruht, ist ein solcher Defekt. Aristoteles nennt das einen Fehler der Natur. Ich sage, es ist einfach ein unvollständig ausgestattetes Wesen, wenn es über die Dinge nicht verfügt, die zu einem normalen Überleben gehören.“

Ordnung ist gut, Unordnung ist schlecht

Folgendes: In die christliche Theologie hat sich, dem antiken Umfeld gemäß, die Vorstellung gefräst, dass alles in der Welt, die Welt selber, einer gewissen Ordnung unterliegt. Diesen Ordo können wir als ein Modell für die Beschaffenheit der Wirklichkeit verstehen, ähnlich wie die Staatsdenker der Neuzeit, Thomas Hobbes, John Locke oder Jean-Jaques Rousseau ihre Sicht auf die Welt modellhaft skizziert haben. Im Christentum heißt der Dreiklang Schöpfung, Kreuzestod und Auferstehung Christi, Jüngstes Gericht. Bei den genannten Philosophen Naturzustand, Vergesellschaftung, Überwindung des Naturzustands.

Das Ordo-Denken wurde im Christentum ein Teil der Theologie. Somit unterlag es keiner Vorläufigkeit eines Modells mehr, sondern wurde als wirklich wahre Beschreibung der Wirklichkeit geglaubt. Die christliche Ordo-Vorstellung hat viele antike, nicht-christliche Quellen. Sie ist eingebettet in die griechische Welt, in der das, was später die Naturwissenschaft im Experiment zu erforschen begann, allein mit Hilfe des menschlichen Geistes durchmessen werden konnte. Dabei sind großartige Zeugnisse philosophischen Denkens entstanden. Und so hat die Christenheit die Vorstellung eines Platon beispielsweise, der die irdische Welt als Schattenwelt, als Abbild einer perfekten, überirdischen Welt verstanden hat, kombiniert mit ihrer Schöpfungslehre und so für die Ohren der Damaligen ein stimmiges Ganzes kreiert.

In dieser neuen Kombination aus antikem und christlichem Denken verfestigt sich die Vorstellung, dass das Natürliche einer Ordnung folgt. Die Ordnung schließt, konsequenterweise, jede Form von Unordnung aus. Mehr noch: Die Ordnung ist gut und kommt von Gott. Die Unordnung ist schlecht und kommt vom Teufel. Hier wird die bipolare Sicht auf die Welt, die antike Lehre der Gnosis, die anders als Platon oder Aristoteles keine philosophische Schule verkörpert, sondern ein spirituelles Phänomen ist, wirkmächtig. „Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis“, heißt es bei Johannes, dessen Schriften als von der Gnosis inspiriert betrachtet werden. Der analytische Ordo-Gedanke wird um eine spirituelle Komponente erweitert.

Im Widerspruch zur Lehre der Kirche

Das antike Weltbild, das gnostische Weltbild, das christliche Weltbild ist ergänzt, erweitert in Teilen abgelöst worden in den 1.700 Jahren, die seit dem Hellenismus vergangen sind. Die modernen Naturwissenschaften haben die Vorstellung vom Aufbau und der Ordnung der Welt verändert. Interessanterweise steht dieses naturwissenschaftliche Weltbild nicht im Gegensatz zur Vorstellung eines Schöpfergottes, der die Vielfalt der Natur und des Kosmos geschaffen haben könnte (also dem Ob), als mit der christlichen Ordo-Vorstellung, die eine Hierarchie in den belebten und unbelebten Dingen annimmt, einen inneren Zusammenhang (also das Wie), der schon längst nicht mehr harmonisierbar ist mit den Erkenntnissen aus den Laboren und dessen Erosion begonnen hat mit den Reisen der großen Entdecker. „Gott würfelt nicht“ – das ist der Satz, der mit größter Bestimmtheit modernes naturwissenschaftliches Paradigma gegen das Ordo-Modell des Christentums stellt.

Es wird also von Herrn Spaemann von einer Ordnung der Welt gesprochen, die in Widerspruch zu dem steht, was wir heute über die Natur der Welt wissen.

Der Ordo-Gedanke steht aber nicht nur im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Naturwissenschaft, sondern auch im Widerspruch zum Zeugnis der Heiligen Schrift und der Lehre der Kirche. Denn: Indem der Ordo-Gedanke die Welt und die Menschen darin eingruppiert, zu Bedingungen und Möglichkeiten voneinander macht, wird das Dasein des Menschen nur in diesen Bezügen sinnhaft. Es findet seine Erfüllung, indem es eine Aufgabe in der Ordnung der Welt übernimmt und ausfüllt.

Zwei dogmatische Disziplinen, zu denen diese Sicht im Widerspruch steht, seien genannt: die Schöpfungstheologie und die Gnadentheologie.

Die Welt entsteht aus dem Willen des Schöpfers, der nach dem biblischen Zeugnis „Es werde“ spricht. Warum er dies tut, entzieht sich unserer Kenntnis. Gott ist frei in dem, was er tut. Der Mensch im Garten Eden seinerseits kennt keine Bestimmung außer der, vor Gott zu stehen, vor Gott zu sein. Dieses Sein ist sein ganzer Sinn. Zu mehr, so scheint es, hat Gott ihn nicht erschaffen. Irenäus von Lyon drückt das im zweiten Jahrhundert ganz trefflich aus: „Die Freude Gottes ist der lebendige Mensch.“

In diesem Sein ist der Mensch ganz aus der Gnade Gottes. Gnade bedeutet nichts anderes, als dass es keine Zwangsläufigkeit für Gott gibt, den Menschen zu schaffen. Der Mensch ist, ganz unverdient und damit völlig frei, in die Welt gestellt, um zu sein. Er muss nichts abliefern oder können, um von Gott geliebt zu werden. Diese Vorstellung von der Gnade ist untrennbar verschmolzen mit der Vorstellung der bedingungslosen Liebe Gottes zum Menschen, von der das Neue Testament an unzähligen Stellen spricht und zu dessen eindrücklichsten Bildern das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ gehört, das auch unter dem Namen „Das Gleichnis vom barmherzigen Vater“ bekannt ist.

Die Liebe genügt sich selber

Robert Spaemann sagt, dass die Liebe von Mann und Frau nur dann vollständig sei, wenn in ihr durch Nachwuchs das Überleben der menschlichen Art sichergestellt wird. Dem ursprünglichen Menschen ist dieser Gedanke fremd. Im Garten Eden, als es die Gesetze von Werden und Vergehen, unter denen wir Kreaturen heute leben, noch nicht gab, wurde weder gestorben noch wurde geboren. Viel wichtiger aber ist: Die Liebe, von der die Bibel spricht, genügt sich selber. Gott liebt den Menschen und in dieser Weise, in diesem konstruierten Naturzustand der Genesis, sind Gott und Mensch aufeinander bezogen – ohne Vorbedingung.

Die Liebe, von der Paulus in den Briefen des Neuen Testamentes spricht, ist eine bedingungslose. Um es klar zu sagen: Nur in diesem bedingungslosen Zustand ist sie vollständig. Der Fortpflanzungsauftrag in der Genesis ergeht ja an alle Kreaturen, nicht nur den Menschen. Damit dürfte klar sein, dass dieses Argument, das Herr Spaemann im treuen Glauben, hier voll auf dem Boden der katholischen Tradition zu stehen, gebraucht, ein biologistisches ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich heidnische Vorstellungen im christlichen Heilsgebäude eingerichtet und so getan hätten, als gehörten sie dazu. Eine Bedingung in der Liebe gibt es nicht.

Es soll ja Paare geben, die nicht in der Lage sind, Kinder zu bekommen. Die Fertilität als Indikator für die Vollständigkeit der Liebe anzunehmen, wir spüren das sofort, ist nicht sachgerecht für die Beschreibung der liebenden Zuneigung von Menschen zueinander. Wer dem biologistischen Argument folgt, leistet einer Darwinisierung des Christentums Vorschub. Es zeichnet unsere christliche Zivilisation gerade aus, dass nicht nur der Stärkere leben darf, sondern auch der Schwache.

Selbstgerecht und großkotzig

Ein Letztes: Wenn eine vollständige Liebe vom Machen, vom Erzeugen und Austragen von Kindern definiert wird, dann ist die Liebe vollständig durchökonomisiert. Die Ökonomisierung, das sogenannte Primat des Ökonomischen, ist die Beulenpest unserer Zeit. Die Kirche ist der einzige Akteur, der einer Komplettdurchsetzung unseres Denkens, Sprechens und Handelns von Parametern der Ökonomie Einhalt gebieten kann – gerade und ausdrücklich deshalb, weil in ihrem Menschenbild der Mensch Mensch ist, ohne erst etwas geleistet haben zu müssen.

Eine Ordo-Rabulistik, die von Polarität in der Schöpfung faselt und die diese angenommene Polarität in Vagina und Penis erblickt, ist nicht nur erschreckend einsilbig, sondern schwachbrüstig, wenn es darum geht, sich selbst aus dem Zeugnis der Schrift und der Tradition der Kirche aufzuweisen. Darüber hinaus ist es selbstgerecht und großkotzig, so gegenüber Paaren aufzutreten, die keine Kinder bekommen können. Wer sich selbst zu sehr in den Vordergrund spielte beim rechten Interpretieren der Schrift, der hat sich bei Jesus stets nicht besonders beliebt gemacht.

Wollen Sie, Herr Spaemann, am Ende der Inquisitor sein, dem Christus auf den Mund küsst?

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