Geiles Gymnasium

von Alexander Görlach7.07.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Im deutschen Schulsystem ist einiges im Argen: 40 Prozent eines Hauptschuljahrgangs machen keinen Abschluss. Die Fähigkeiten der Schüler unterscheiden sich radikal zwischen Ost und West, zwischen CDU- und SPD-geführten Bundesländern. In Ermangelung eines Konzepts für eine neue Bildungspolitik wird das Gymnasium zum Feind erklärt und soll in einem Einheitsschultyp aufgehen.

Bildung ist das einzige ideologische Thema, das weite Teile der Bevölkerung in Aufruhr und Rage versetzen kann. Längere Laufzeiten für AKWs? Na ja, nicht besonders beliebt. Aber ein Aufstand? Nie! Hotelgewerbe-Entlastung in Zeiten klammer Kassen? Ein laues Lüftchen. Das Maximum an öffentlicher Geißelung hier: Schaut her, die Mövenpick-Partei. Mehr nicht. Wenn aber die Grundschule von vier auf sechs Jahre Dauer verlängert werden soll, fegt ein Bürgerentscheid über die Stadt Hamburg hinweg, der die CDU bei der nächsten Wahl zum Stadtparlament ordentlich Stimmen kosten wird. Wenn das Gymnasium von neun auf acht Jahre verkürzt wird, kostet das die CSU die Alleinherrschaft im Bayernland. So sieht es aus. Nichts hat in der Schuldebatte so sehr zur Emotionalisierung getaugt wie das Drohbild der Gesamtschule. In NRW soll dieser Schultyp nach dem Willen der rot-grünen Minderheitsregierung aus dem Dornröschenschlaf geküsst und mit Hilfe der Linkspartei wiederbelebt werden. Die SED-Nachfolgepartei wird sich leicht für die egalitäre Bildungsform begeistern lassen.

Burberry gegen Ballonseide

Schon zu meiner Schulzeit ging die rheinland-pfälzische SPD-Kultusministerin Götte auf Werbetour für die Gesamtschule. Sie blitzte damit an meiner Schule, der städtischen Lateinschule, dem Humanistischen Rudi-Stephan-Gymnasium in Worms, ab. Ich habe noch gut einige meiner Lehrer im Ohr, die bei der großen Debatte in der Sporthalle nicht hinter dem Berg hielten, für die SPD zu stimmen, aber die Gesamtschule, die treibe die Gleichförmigkeit auf die Spitze. Nichts, aber auch gar nichts hat sich an der Debatte um die Schulen seitdem geändert: Das Gymnasium gilt bei seinen Gegnern immer noch als Hort, an dem sich die Bessergestellten vom Rest der Gesellschaft abkoppeln. Die Hauptschule ist in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung immer noch der vermaledeite Ort, in dem die Mehrheit der Schüler auf eine Rolle als vom Sozialstaat alimentierte Feinrippunterhemdenträger vorbereitet wird. Burberry gegen Ballonseide. Die Datenlage ist verwirrend: Mal heißt es, die deutsche Gesellschaft sei in Sachen Bildung so undurchlässig wie eine Betonwand. Auf der anderen Seite heißt es, das Negativbeispiel eines ungebildeten Menschen in Deutschland von einst – das katholische Mädchen vom Lande – gäbe es schon längst nicht mehr, die Gesellschaft sei durchlässiger geworden. Wem soll man da Glauben schenken?

Die Sechs in Chemie mit der Eins in Reli ausgeglichen

Von der Spitze der Gesellschaft droht kein Ungemach. Die Abschaffung des Gymnasiums verbessert die Lage nicht. Denn die Behauptung, dass der, der in Englisch gut ist, vielleicht in Mathe schlechter ist und daher einen anderen Schwierigkeitsgrad im Unterricht benötigt, greift ins Leere. Die Möglichkeit, Ausgleich zu schaffen, gibt es doch schon lange: Unzählige Male habe ich meinen Sechser in Chemie mit dem Einser in Religion ausgeglichen. Es gibt aber bei Schülern ein allgemeines Niveau, das sie zum Besuch der einen oder anderen Schule befähigt. Das fängt schon vor dem Besuch der Grundschule an. Bislang ist es so, dass der, der den untersuchenden Medizinern noch nicht reif genug erscheint, nicht etwa auf einen anderen Typ Grundschule geschickt wird, sondern einfach ein Jahr warten muss, in der Hoffnung, dann so weit zu sein. Schulen sollen den Menschen aber bilden und nicht für effiziente und gerade benötigte Produktionsprozesse fertigen. Schule bedeutet Befähigung zur Freiheit, Erlernen von kritischem Denken. In der Schule spätestens lernen wir auch, dass Menschen mit unterschiedlichen kognitiven Begabungen ausgestattet sind. Daher ist ein mehrgliedriges System nötig, um dem Rechnung zu tragen. Wir brauchen eher mehr Schultypen und Abschlüsse als weniger. Diese müssen gesellschaftliche Anerkennung erhalten. Jemand, der aus einer bildungsfernern Familie kommt und einen Abschluss macht, in der Schule oder im Beruf, der verdient mehr Anerkennung, weil er es ohne positive Rollenbilder geschafft hat, sich aus sich selbst heraus zu motivieren. Da müssen wir hin. Wir können es uns nicht erlauben, dass 40 Prozent eines Hauptschuljahrganges ohne Abschluss die Schule verlässt. Da geht Talent verloren. Es geht aber nicht verloren, weil zwei Straßen weiter zur gleichen Zeit die Schüler am Gymnasium ihr Abitur machen.

Bildung verpflichtet

Warum arbeiten sich dennoch so viele am Gymnasium ab? Vielleicht weil der Wunsch nach Gleichheit bei den Deutschen besonders verbreitet ist? Wir reden gerne und viel von der deutschen Mittelschicht. Doch dort wird darauf geachtet, dass der andere ja nicht besser ist in irgendetwas, dass er nicht länger und weiter weg in Urlaub fährt und dass er kein größeres Auto hat als man selbst. Häufig bestimmt Neid das Leben dort. Diese Todsünde macht die Mittelschicht zu einer Spießerhölle. Der Kampf um das Ende des Gymnasiums ist ein Schaukampf. Er löst kein Problem. Er spielt mit dem Ressentiment gegenüber „denen da oben“. Klassenkampf im Bildungswesen. Mein ehemaliger Schulleiter gibt seit seiner Pensionierung Unterricht für Kinder aus bildungsfernen Familien. Es gibt viele Projekte, die aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft kommen, die versuchen und helfen, diesen Kindern zu zeigen, was Bildung bedeutet und dass man es mit Bildung schaffen kann, zu Erkenntnis, Anerkennung und einem bestimmten Maß an Wohlstand zu kommen. Bildung verpflichtet. Das habe ich am Gymnasium gelernt.

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