Wir streben nicht nach der Weltherrschaft. Klaus Kott

Ausgespielt

In der Politik ist es wie beim Backgammon: Das Spiel geht bis zum letzten Zug.

Nun, da die neue Bundesregierung zum ersten Mal im Schloss Meseberg zusammenkommt, um die künftige Arbeit zu koordinieren, schreiben die Kolleginnen und Kollegen vom „Fehlstart“, den die GroKo hingelegt habe und dass man sich jetzt unbedingt zusammenraufen müsse. Sie analysieren auch, wer von den Regierungsparteien sich in den ersten vier Wochen an der Macht am besten positioniert habe.

Ein Blick zurück auf Schwarz-Gelb oder die vorangegangene Große Koalition zeigt: Wir haben immer geschrieben, dass es sich um einen Fehlstart handele. Bei Schwarz-Gelb beispielsweise haben wir kurz nach Beginn der Koalition schon über deren Ende nachgedacht. Es gab etliche Kommentatoren, die darauf gewettet hätten, dass das keine vier Jahre hält.

Sozialdemokratischer Eifer

Bei der Regierung jetzt wird ein ähnliches Gedankenspiel gemacht: Was, wenn Sigmar Gabriel in zwei Jahren Kanzlerin Merkel per Misstrauensvotum entmachtet und in ein rot-rot-grünes Bündnis einwilligt, das ihn zum Kanzler macht? Selbstverständlich kann man diese Gedanken-Akrobatik machen.

Nur: Nichts davon wird eintreten. Die Kanzlerin, so sehen das die Deutschen, regiert das Land gut. Die SPD, so sieht das Sigmar Gabriel, muss verlässlich Politik machen und etwas abliefern. Nur so lässt sich der Eifer, mit dem die Sozialdemokraten in den ersten Wochen ihrer Regierungszeit agieren, erklären.

Es ist nämlich mitnichten so, dass die Deutschen den Nachfahren Willy Brandts bescheinigen, eine gescheite Regierung unter ihrer Führung zusammenzustellen. Sonst wären die beiden letzten Bundestagswahlergebnisse nicht ein so großes Desaster – ja sie waren ein Desaster – für die SPD geworden.

Spielen Sie Backgammon?

Nun wird darüber spekuliert, ob die SPD sich in eine bessere Position gebracht habe, da sie in den ersten Wochen das politische Geschehen dominiert habe. Spielen Sie Backgammon? Falls ja, verstehen Sie sofort, worauf ich hinaus will. Falls nicht, schreibe ich Ihnen hier auf, was es mit diesem Brettspiel und der GroKo auf sich hat.

Beim Backgammon bewegen Sie Ihre Steine gegen die eines weiteren Spielers. Am Ende sollen sich alle Steine im je eigenen Feld befinden. Die Steine ihrerseits werden durch die Ergebnisse des Würfelns bewegt.

Bei einer solchen Spielanordnung ergibt es sich von selbst, dass Sie rausgeworfen werden, wieder von neu beginnen, einen Wall gegen die Steine Ihres Gegners (der ja auch Mitspieler genannt werden kann) aufbauen. Am Schluss, wenn alle Steine im eigenen Feld sind, räumen Sie die Steine ab; nehmen sie ganz aus dem Feld. Auch durch Würfeln.

Bis zum letzten Zug

Im Hinblick auf die aktuellen Spekulationen heißt das: Das GroKo-Backgammon wird vier Jahre lang gespielt und nicht nur vier Wochen – und erst am Ende entscheidet sich, wer von den beiden Mitspielern, Union oder SPD, das Rennen macht.

Dabei ist es im Backgammon wie im richtigen Leben: Die Spieler brauchen Strategie und Glück. Denn wie die Würfel fallen, das können Sie nicht beeinflussen. Sie können sich nur durch strategische Überlegungen darauf vorbereiten. Manchmal müssen Sie das Würfelglück des anderen einfach nur hinnehmen und leiden wie ein Mann. Manchmal bewundern Sie die Strategie des Kontrahenten. Und im nächsten Spiel gewinnen Sie dann wieder.

Da, wo Glück und Strategie vonnöten sind, ist nichts sicher: weder der Sieg noch die Niederlage. Sie spielen bis zum letzten Zug. Nicht aufgeben, auch wenn das Spiel schon verloren scheint. Es wird immer bis zum letzten Zug gespielt. Das Spiel hat noch gar nicht begonnen; beide Mannschaften stellen ihre Steine auf und feilen an ihrer Strategie.

Doppelter Verlierer

Übrigens: Wenn Sie Ihre Steine abgeräumt haben, bevor Ihr Gegner einen Stein ausgewürfelt hat, zählt der Sieg doppelt. Das heißt im Jargon „Gammon“, was von einer veralteten Form des Substantivs game abgeleitet ist, dem Spiel. Sie haben, könnte man sagen, ausgespielt. Hat Ihr Gegner noch einen Stein im Feld, siegen Sie sogar dreifach.

Um das zu schaffen, muss schon viel Glück auf viel strategisches Können treffen. Man sieht es einem Spiel zu Beginn nicht an, ob einer der beiden am Ende total abgehängt und der doppelte Verlierer ist. Insofern sollten sie alle auf der Hut sein, in Meseberg, bei ihrer Kabinettsklausur.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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