Petition gegen „Ideologie des Regenbogens“ | The European

Wir können alles, außer christlich

Alexander Görlach13.01.2014Gesellschaft & Kultur

In der Schule soll nur noch über christliche Sexualmoral gesprochen werden. Über nichts anderes. Es könnte sonst die Jugend auf Abwege bringen. Klingt nach Russland, ist aber Baden-Württemberg.

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Gemeinfrei

Zum einen outet sich ein ehemaliger Fußball-Profi als homosexuell, zum anderen schaut das ganze Land auf eine Petition in Baden-Württemberg, deren Unterzeichner sexuelle Vielfalt, also unter anderem Homosexualität, nicht auf den Lehrplänen verschiedener Schulfächer sehen möchten. Das Outing von Thomas Hitzlsperger wird bis in die höchsten Spitzen von Politik und Gesellschaft gewürdigt und gepriesen, die Petition etwas verschämt zur Kenntnis genommen. Außer von den rund 90.000 Menschen, die sie unterzeichnet haben. Sie fordern, dass der Schulunterricht auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes zu erfolgen habe. Sexuelle Vielfalt solle nicht in Fächern wie Deutsch oder Ethik zur Sprache kommen, Sexualität nur im Biologieunterricht.

Liegt Stuttgart in Russland?

Vor allem aber wehren sich die Initiatoren gegen eine Indoktrinierung durch die Regenbogen-Mafia, gemeint sind wohl die Grünen, die sie als eine Haupt-Lobbygruppe für nicht-traditionelle Lebenskonzepte ausgemacht haben. Mit gemeint ist aber auch eine nicht näher benannte und spezifizierte Menge an Gruppen und Personen, die es sich zum Ziel gemacht haben scheinen, die Schulen zu infiltrieren und die Kinder mit unorthodoxen Sichtweisen zu manipulieren. Die Argumentation erinnert ein wenig an Russland, wo das Sprechen über homosexuelle Orientierung verboten ist. Wenn man nicht über Homosexualität spricht, dann werden die Kinder auch nicht homosexuell, das ist die einfache Rechnung hinter diesem Ansinnen. Liegt Stuttgart in Russland?

Kinder und Jugendliche erleben die Verbindung zwischen Mann und Frau, ob in der Form der Ehe oder ohne Trauschein, als Standard. Nicht, weil es eine Landesverfassung und der dortige Verweis auf das christliche Menschenbild so vorschriebe, sondern weil es die Realität ist. Jemand reise also nach Stuttgart und verkünde: Auch in der nicht-christlichen Welt schlafen Mann und Frau miteinander, sie gehen auch feste Bünde ein, die unserer anständigen christlichen Ehe durchaus vergleichbar sind. Zwischen 90 und 95 Prozent der Menschen überall sind heterosexuell, die anderen homosexuell oder etwas dazwischen.

Mir scheint, dass man selbst das nach dem Willen der Petitionsinitiatoren nicht mehr sagen darf. Denn das könnte ja einen Adoleszenten zu der Frage bewegen: „Bin ich vielleicht auch schwul?“ Dieser Gedanke gilt anscheinend schon als schwierig, als Beginn einer Abirrung. Nur so lässt sich die Angst vor dem Sprechen über Phänomene beschreiben, die sich doch tatsächlich erdreisten, in der Welt zu sein. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Man wolle verhindern, dass die Kinder indoktriniert werden, heißt es. Nun, die Einzigen, die zu einer Form der Indoktrination an der Schule in der Lage sind, sind die Kirchen. In Indoktrination steckt Doktrin. Also die Lehre. Die Kirchen haben aus Gründen das Recht, konfessionellen Bekenntnisunterricht an weltlichen Schulen anzubieten. Alle anderen Fächer haben es mit sich stets wandelnden Gegenständen zu tun. In Wissenschaft und Technik verändert sich ständig etwas, die Geschichtswissenschaft, die Sozialwissenschaften, alles unterliegt dem Wandel. Und somit auch die Gesellschaft. Und mit der Gesellschaft wandelt sich die Schule.

Sicher fußt unsere Gesellschaftsordnung auf dem christlichen Menschenbild. Es ist aber mehr als eine Binse, dass sich dieses Menschenbild im Lauf der Geschichte gewandelt, angepasst, verändert hat. So müsste sich mit ihm auch der Religionsunterricht wandeln. Keine Ahnung, was in der Ferne, im tiefsten Baden-Württemberg im Religionsunterricht gelehrt wird. Ich meine, dass christlicher Religionsunterricht sensibel machen muss für die Minderheiten, für die, die alleine nicht stark genug sind. Ich bin mir nicht sicher, aber ein gewisser Jesus von Nazareth hat das getan. Die Christen, die von ihm her ihren Glauben und ihren Anspruch an die Gesamtgesellschaft formulieren, müssten sich vor diesem Hintergrund als Anwälte dieser Menschen sehen und nicht als ihre Ankläger.

Nicht auszudenken!

Aber hey, Ihr Petitionschristen, wenn die Botschaft des Nazareners Euch nervt, einfach eine weitere Petition verfassen und die Bergpredigt in der Schule verbieten oder gleich das ganze Neue Testament. Wo kämen wir denn da hin, wenn das Gelaber von Nächsten- und Feindesliebe von dem durchgeknallten Zottler, der garantiert ein schwerer Kiffer war, ungefiltert unsere Jugend begeistert? Die fangen am Ende noch an, die Schwuchteln so zu lieben wie sich selbst. Nicht auszudenken.

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