Plädoyer für die Menschenwürde

von Alexander Görlach13.04.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Viele europäische Staaten verbieten die Burka, hier in Deutschland wird es wohl nicht so weit kommen. Jetzt ist es an der deutschen Zivilgesellschaft zu artikulieren, dass sie den Ganzkörperschleier für menschenunwürdig hält.

Jetzt verbieten sie die Burka, erst in Frankreich, dann in Belgien. Sicher folgen Ungarn, Österreich und die Schweiz. Und was machen wir in Deutschland? Wir werden den islamischen Ganzkörpervorhang, die Wegschließvorrichtung für die spazieren gehende Muslima, nicht verbieten. Warum? Weil die Hysterie darum unangebracht ist, weil sie sich eine kleine Minderheit von muslimischen Männern für ihre Frauen ausgedacht hat, weil sie eine noch kleinere Minderheit von Muslima freiwillig als Erfüllung eines religiösen Gelübdes trägt.

Die Zivilgesellschaft ist gefragt

Damit ist aber noch längst nicht alles zur Burka gesagt oder zum davon zu unterscheidenden traditionellen islamischen Gewand, das von einer Frau nur die Sehschlitze übrig lässt. Im ersten Absatz ging es mir nämlich nur um das Verbieten dieser Kleidung durch ein Gesetz. Ein solches Verbot lässt sich mit dem Grundrecht auf freie Religionsausübung nicht in Einklang bringen. Die Zivilgesellschaft kann aber, davon ganz abgesehen, eine ablehnende Haltung gegenüber dieser Art der Outdoor-Bekleidung artikulieren. Denn: Eine Bekleidung, die einen Menschen so entwürdigt, wie die hier beschriebene, ist mit unserem Menschenbild, mit der Würde der Person und mit der Vorstellung vom Zusammenleben in unserer Gesellschaft nicht zu vereinbaren. Aus drei Gründen: 1. Nicht umsonst bieten wir jemandem die Stirn, werfen das Auge auf jemanden, wahren das Gesicht. Die Ausdrücke, die Verhalten und Gesicht in Relation setzen, ließen sich noch eine Weile so weiterführen. Wenn jemand sein Gesicht abwenden muss, dann ist das eine Unterwerfungsgeste. Wenn jemand sein Gesicht nicht zeigen darf, dann ist das entwürdigend. 2. Kommunikation geht immer vom Ich zum Du und retour: Wenn ich den anderen nicht sehen kann, kann ich auch nicht mit ihm sprechen. Wer eine Burka, einen Ganzkörperschleier trägt, kann nicht ins Gespräch kommen: mit den Nachbarn genauso wenig wie mit der Kassiererin im Supermarkt oder den Lehrern seiner Kinder. Mit einer Gardine spricht niemand gern. Wie im Kino: Man sieht nur die Füße darunter rausgucken, weiß aber nicht, wer sich dahinter verbirgt. Nicht umsonst gibt es bei uns ein Vermummungsverbot. 3. Welche Botschaft geht denn umgekehrt von der aus, die sich hinter einem Ganzkörperschleier oder einer Burka versteckt: Ich möchte mit dir nichts zu tun haben. Du bist mir egal. Deine Welt, dein Leben ist mir egal. Noch krasser kann man eigentlich nicht bekunden, wie wenig man von dem Land und den Menschen hält, die einen umgeben. Wo man so wenig voneinander erwarten kann, gibt es letztlich keine Solidarität mehr miteinander. Das entspricht nicht unserem Gesellschaftsvertrag.

Personsein verpflichtet zum Sichtbarsein

Bei uns, so kann die Botschaft der Zivilgesellschaft an die Minderheit der Verschleierten sein, darf sich jeder zeigen, ist jeder Person, hat jeder und jede seine Würde. Eine Würde, die einem kein Gott, die man sich auch selbst nicht freiwillig nehmen kann. Das Personsein verpflichtet zum Sichtbarsein, es befreit zum Handeln. Heute. Zusammen mit den Mitmenschen. Das ist das Schönste, das unsere Gesellschaft anbieten kann.

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