Macht Licht!

Alexander Görlach24.12.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Wir brauchen eine neue Form der Agitation – denn Gegenstand des Journalismus’ ist die Welt und nicht der Journalismus selber.

Mein Wort des Jahres ist „Journalismus“.

Wenn eine Branche mit sich allein beschäftigt ist, entgleitet ihr eines Tages ihr Gegenstand. Der Gegenstand von Journalismus ist auf der einen Seite die Welt, so wie sie ist und auf der anderen die Welt, so wie sie sein sollte. Die eine Seite der Medaille sind die Nachrichten, die andere Seite der Kommentar. Der Gegenstand des Journalismus, die Welt, wurde zunehmend mehr vom Gegenstand Journalismus verdrängt. Journalismus, der Journalismus zum Gegenstand hat.

Dass es soweit gekommen ist, ist nicht allein die Schuld des Journalismus. Die Umbrüche des vergangenen Jahrzehnts haben Fragen aufgeworfen, von denen keine bisher zufriedenstellend beantwortet wurde. Die dringlichste Frage lautet: Wer möchte noch in welcher Form für Journalismus bezahlen? Gleich danach kommt die zweite Frage: Braucht unsere Gesellschaft noch Journalismus? Natürlich bejaht diese Frage jeder, der im Journalismus arbeitet. Man fragt ja auch nicht die Frösche, ob man den Sumpf trocken legen soll. Beide Fragen werden dann, meist von Frank Schirrmacher in der FAZ, so miteinander verknüpft: Da die Gesellschaft Journalismus braucht, möge sie auch bitte dafür aufkommen und ihn bezahlen.

Eine neue Form der Agitation

So übersieht unsere Branche den Kern des Problems. Die Krise des Journalismus liegt zwischen den beiden Seiten der Medaille, zwischen Nachricht und Kommentar. Die Zeiten, in denen Journalismus Parteilichkeit war, sind vorbei. Von Parteien (mit)geführte publizistische Produkte sind ebenso Geschichte wie das Schreiben des Journalisten für eine politische Sache der Vergangenheit angehört. Die reine Nachrichtlichkeit als Gegenausschlag des Pendels ist die Konsequenz. Dabei merkt jeder Journalist, dass er beim Beschreiben der Wirklichkeit, beim Blick auf den Gegenstand Welt, selber angefragt ist, er oder sie sich positionieren muss: Wie sieht man selbst den Klimawandel? Wie steht man zum Mindestlohn? Machen Subventionen Sinn? Muss die EU mehr Flüchtlinge aufnehmen?

Der Journalismus braucht hierzulande eine neue Form der Agitation! Es muss stärker polarisiert werden. Es muss mehr gewusst werden. Es muss gekämpft werden für eine Sache, die als gut erkannt worden ist.

Dass das nicht geschieht, sieht man an den häufig gleichklingenden Tenören der Meinungsseiten. Die einzige Brechung ist dabei die Glosse, die hier und da noch intoniert wird. Aber dann so überdreht, dass nicht klar ist, ob ein Sprachspiel oder wirklich eine politische Agitation ihr Ziel ist. Wenn die Heute-Show das kritischste ist, was sich der politische Journalismus in Deutschland noch leisten möchte, ist alles gesagt (Anmerkung des Verfassers: Ich liebe die Heute-Show).

Gegenstand von Journalismus ist die Welt

Mit Agitation meine ich das, was vom lateinischen _agere_ her gemeint ist: tun, machen, betreiben. Eine politische Agitation ist die Aufforderung etwas zu tun, etwas zu machen. Entweder mit politischem Inhalt und / oder verbunden mit einer Aufforderung an die Politik. Selbstverständlich muss sich die politische Agitation auch an Vertreter der Wirtschaft, der Banken, der Gewerkschaften, der Kirchen richten. Überall dort, wo der Journalist wohlbegründet Missstände aufdecken und aufzeigen kann. 

Dabei kommen nicht immer nur schöne und gefällige Lesestücke oder Reportagen heraus. Ein solcher Journalismus zeitigt Resultate, die nicht als leicht verdauliches Häppchen im Frühstücksfernsehen taugen oder als Nascherei beim Surfen über die eine oder andere Newsseite.

Der Gegenstand von Journalismus ist die Welt. Sie ist oft genug ein trauriger Ort, bestimmt durch das, was der Mensch auf ihr treibt. Journalismus muss hier existenzialistisch sein. Zutiefst verzweifelnd an diesen Umständen mit dem Impetus, diese aufdecken und ändern zu wollen. Wir sitzen hier nunmal, eine klassische Position des philosophischen Existenzialismus, alle im selben Boot. Da wir – nachweislich – nicht kollektiv Selbstmord begehen, ist es uns darum gelegen, dass wir hier gut und gelingend zusammen leben.

Gegenstand des Journalismus ist die Welt und nicht der Journalismus selber. Der Journalismus ist ein Handwerkszeug zur kritischen Erschließung, Dekonstruktion und Wiedererrichtung der Welt.

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