Wir brauchen eine Online-Philosophie

Alexander Görlach27.01.2010Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft

Die Wirkkraft des Internets stellt den Menschen vor grandiose neue Herausforderungen. Klassische Fragen der Philosophie müssen neu gestellt und neu beantwortet werden.

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Wir brauchen eine Online-Philosophie. So wie es eine philosophische Disziplin gibt für das Sein, für den Menschen und für die Erkenntnis. Denn: Wie der Mensch sich erlebt, wie er sich inszeniert, wie er die Welt wahrnimmt, erkennt und Veränderungen bewirkt, wird ihm heute mit dem Netz mitgegeben. Das Netz ersetzt ihn nicht, gibt ihm aber die Kraft, schöpferisch zu sein und seine Anlagen zu nutzen und zu potenzieren.

Wikipedia – was kann ich wissen?

Wir stapeln und horten kein Wissen mehr. Denn Wissen ist überall. Die Leistung ist herauszufiltern, welches Wissen relevant ist. Wissen ist verfügbar. Die Verfügbarkeit des Wissens bedeutet nicht gleichzeitig seine Demokratisierbarkeit. Wissen unterliegt keinem Mehrheitsbeschluss. Die Wissensgesellschaft würde so zu einem Diktat des Mobs oder einer herrschenden Gruppen, die ein bestimmtes Wissen nicht zulassen kann. Werden wir künftig noch Wissen memorieren, Gedichte auswendig lernen, Lieder singen, Gebete sprechen können? Wissen zusammenführen wird das Netz. Wissensgewinn stiftet die Kraft des menschlichen Geistes. Wissen kann man nicht aus dem Kopf auslagern.

Nutzungsbedingungen – was soll ich tun?

Das Netz ist abendländisch, das Netz ist westlich: Es fußt auf dem Glauben an den Einzelnen, seine unveräußerlichen Rechte. Das Netz wirkt demokratisierend. Es hat Kampagnenkraft. Es kann friedliche Revolutionen begründen und es ist imperialistisch. Der Kampf der Kulturen ist ein Kampf um das Netz: Wer Facebook und Google bannt, steht auf der anderen Seite. Er gehört nicht “zu uns”, sondern er ist einer “von denen”.

Algorithmus – was darf ich hoffen?

Die Kombination der Zahl als der Schlüssel zur Welt: Die Araber haben das so gesehen, ebenso der Heilige Augustinus. Wer die richtige Zahlenkombination hat, der entschlüsselt die Weltformel. Programmierer haben ihre eigene Religion. Ihr Credo: Alles ist vorhersehbar: Meine Lebensgewohnheiten schrumpfen zusammen auf einen Code. Der Mensch bleibt ein Mehr als die Summe seiner Gewohnheiten. Es gibt immer Abweichungen. Die Abweichung ist das Unkalkulierbare. Das Unkalkulierbare unterscheidet den Menschen von der Maschine. Das Netz liefert die Daten zu befreiten Entscheidungen.

Die Identität – was ist der Mensch?

Wer sind wir im Netz? Derselbe wie in der Wirklichkeit? Inszenieren wir uns selbst oder der (die), der (die) wir gerne geworden wären? Ein Fall für die Couch oder die Vielzahl der Welten? Das Netz vergisst uns nicht. Unsere Namen werden nie vergehen, die Nachwelt wird wissen, wie wir ausgesehen haben (als wir Babys waren, als Studenten, als Greise). Idealisiert gemalte Porträts sind die Relikte einer Virtualität vergangener Jahrhunderte. Jetzt muss man nur nach uns suchen. Das, was uns zu großen und bedeutenden Menschen macht, wird weiterhin außerhalb des Netzes geschehen. Hoffentlich bekommt niemand einen Pagerank, der ihm (ihr) nicht zusteht. Jeder, der neben uns sitzt, wird künftig wissen, wer wir sind. Virtuelle Realität und wirkliche Wirklichkeit werden nicht mehr nebeneinanderstehen. Du kannst Dich nicht mehr idealisieren. Du musst der werden, der Du bist. Selbstfindung war nie einfach. Es wird nicht leichter.

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