Die Taliban als Friedensbringer

Alexander Görlach13.01.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischöfin Margot Käßmann, fordert von der Politik ein Ende des Krieges in Afghanistan und wünscht sich mehr Fantasie, wenn über die Strategien, die dem Land einen gerechten Frieden bringen sollen, entschieden wird. Christen haben dabei nur die Option, gegen den bewaffneten Einsatz zu stimmen, findet die Geistliche.

Frau Käßmann irrt. Es geht in dem Konflikt, dem Krieg in Afghanistan, nicht um die Frage eines gerechten Friedens, den die Bischöfin sich wünscht, sondern um die Frage, ob der bewaffnete Kampf, der dort geführt wird, den Kriterien eines “gerechten Krieges” entspricht.

Eine Frage der sozialen Gerechtigkeit

Wo liegt der Unterschied? Hier in Deutschland müssen wir uns fragen, ob der Friede, in dem wir leben, vollends gerecht ist. Das ist in besonderem Maße eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Sie ist die Grundlage und Garantie für den Frieden einer Gesellschaft. In Afghanistan: Ist der Krieg, der dort geführt wird, (noch) gerecht? Ob und wenn ja in welchem Umfang darf beispielsweise mit toten Zivilisten kalkuliert werden. Die Lehre vom gerechten Krieg, vom Bellum iustum, ist in der Geschichte der Kirche immer eine harte Konfrontation mit der Wirklichkeit gewesen. Seit das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reiches wurde, mussten sich die Theologen mit der Frage plagen, inwieweit der Staat in angemessener Weise Gewalt ausüben darf gegen andere. Zuvor war Pazifismus die Haltung der Christen: Wer an Jesus glaubte, verrichtete keinen Dienst an der Waffe!

Das Leben als Kampf

Dabei ist das Bild vom Kampf auch den Christen geläufig: sowohl in Form des inneren Kampfes als auch in der Frage der äußeren, bewaffneten Auseinandersetzung. Beide Formen bezeichnet der Islam als Dschihad. Die Bibel ist voller Sentenzen, die das Leben als Kampf bezeichnen. Der Heilige Martin, der den Mantel teilt (sozialer Friede!) und der mit den Laternen, sagt nach seiner Bekehrung, dass er nicht mehr ein Soldat des römischen Kaisers, sondern ein Soldat Christi sei. Was hilft das einer Kirche, die Pastorinnen mit gebatikten Stolen in die Arena schickt, bei ihrer Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob es einen gerechten Krieg gibt. Was hilft das einer Kirche, die sich “mehr Fantasie” wünscht für den Frieden, “für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen”, wie Frau Käßmann in ihrer Neujahrspredigt gesagt hat. Die Lehre vom gerechten Krieg definiert – formale – Kriterien, nach denen bewaffnete Konflikte klassifiziert werden können. Internationale Entitäten, die Vereinten Nationen, haben für den Einsatz in Afghanistan ein Mandat erteilt. Ist Fantasie ein juristischer Begriff? Wie stehen die Taliban zu alternativen Friedensmodellen? Eines übersieht Frau Käßmann: “Der Friede besteht nicht darin, dass kein Krieg ist.” Das ist richtig: Wenn morgen keine Soldaten mehr im Land wären, würde aus Afghanistan deshalb noch kein Friedensreich. “Der Friede”, heißt es in dem Zitat aus einem Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils weiter, “ist ein Werk der Gerechtigkeit.” Das heißt: Es gibt nur einen Frieden in einem Land, wenn es dort gerecht zugeht. Diese Gerechtigkeit muss man sich erkämpfen, wenn es nötig ist. Oder glaubt hier jemand, dass die Taliban gerechte Friedensbringer sind?

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