Wie der FOCUS zur FDP der Medienbranche wurde | The European

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Alexander Görlach27.07.2011Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Wolfram Weimer sollte den Focus neu erfinden. Schnee von gestern. Focus-Gründer Markwort und Urgestein Baur werden das Magazin so weiter führen, wie es vor Weimer gewesen ist. Warum noch mal wollte Burda eigentlich einen neuen Chefredakteur?

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Das Gerücht geisterte schon länger umher: Der Verleger werde unruhig, hieß es. Er sei sich unsicher, ob der von Wolfram Weimer eingeschlagene Kurs für den Focus der richtige sei. Nun ist es offiziell: Burda und Weimer werden wieder getrennte Wege gehen. Vor einem Jahr, als Weimer zum Focus ging, wären die interessanten Fragen doch die gewesen: Geht sie auf die Strategie, aus dem Focus ein politisches Wochenmagazin für die Konservativen zu machen, ein Blatt mit intellektuellem Anspruch, klug und gut aufgeschriebenen Geschichten aus dem politischen Berlin? Braucht Deutschland ein zweites Nachrichtenmagazin neben dem SPIEGEL?

Salon gegen Marktplatz

Diese Fragen wurden nicht beantwortet in dem knappen Jahr, in dem Wolfram Weimer Chefredakteur von Focus war. In der Berichterstattung konnte es vielmehr nur um die Konstellationen und Machtspiele gehen, die er im Haus auszutragen hatte: Mit Weimer im Ring waren der übermächtige Herausgeber Helmut Markwort und sein gut vernetzter Mit-Chefredakteur Uli Baur. Es ging um das Vermächtnis der vergangenen 20 Jahre Focus ebenso wie um die Gestaltungsmacht für die kommenden. Im Prinzip meinten Markwort und Baur, das Magazin müsse so bleiben wie es war: Ein Nutzwertmagazin. Nutzwertiges ist aber ins Netz abgewandert. Nirgendwo mehr wie auf diesem Gebiet besorgen die Konsumenten die Nutzwertgeschichten selber: Wie funktioniert eine neue Kamera? Was halten sie vom neuen Modell der Soundso-Klasse/Serie? Vom Gesundheitscheck bis zur Reisebuchung: Alles ist im Web mit Foren und Empfehlungen versehen – wozu da noch ein Heft?

Die FDP der Medienbranche

Wolfram Weimer wollte aus dem Focus ein bürgerliches Pendant zum SPIEGEL machen. Selbiges hatte er zuvor mit dem Cicero, wie ich finde erfolgreich, umgesetzt. Dabei sollte es nicht nur darum gehen, rechts zu stehen, wo der SPIEGEL links ist. Der neue Focus sollte intellektuelle und kluge Beobachtung liefern, debattig sein und politisch. Salon gegen Waschsalon, Herrenhaus gegen Marktplatz. Aus diesen gegensätzlichen Entwürfen konnte nichts aus einem Guss werden. In jedem Start-Up herrscht die Maxime, Ziele explizit zu machen und genau zu definieren. Ebenso muss das Produkt bei einer Firmengründung genau definiert sein. Beides war beim Focus nicht der Fall, der Aufprall an der Wand vorprogrammiert.

Zweimal ja

Der Verlag wollte einen Cut; er war mit der Performance von Helmut Markwort offenkundig nicht mehr zufrieden. Was dann kam: Die alte Spitze wurde nicht wirklich entlassen, die neue konnte nicht wirklich effektiv handeln. So gesehen ist der Focus die FDP der Medienbranche. Nun zu den beiden eigentlichen Fragen: Ja, unser Medienmarkt kann ein zweites, gutes Wochenmagazin vertragen. Und ja: Natürlich braucht ein anspruchsvoller und wichtiger Markt wie der deutsche ein Pendant gegen die publizistische Macht des SPIEGEL. Nichts gegen die Hamburger Kollegen, aber Konkurrenz erhöht den Erfolgsdruck. Am Ende gewinnen dadurch die Leser.

Triumph und Todesstoß

Für sein Umbau-Konzept des Heftes hätte Wolfram Weimer die volle Unterstützung des Verlegers gebraucht. Zu einem solchen Neuanfang passt nicht die wöchentliche Kolumne des alten Chefredakteurs auf der letzten Seite, während die beiden neuen Chefredakteure sich auf weniger Platz das Editorial am Beginn des Heftes im Wechsel teilen müssen. Die Personal-Nummer an der Spitze des Magazins war der entscheidende Fehler. So wie die Macher der deutschen Vanity Fair nur einen gravierenden Fehler gemacht haben, das Heft jede Woche bringen zu wollen, hat Burda eigentlich nur diesen einzigen Fehler gemacht. So musste man von Anfang an in Richtung München fragen: Warum wolltet ihr eigentlich einen neuen Chefredakteur, wenn es jetzt doch mit Markwort und Baur weitergeht? Am Ende gibt es nur Verlierer: Der Verlag, weil er sein einziges politisches Magazin nicht zukunftsfähig machen konnte. Uli Baur, weil er als dem Vergangenen verhaftet scheint. Wolfram Weimer, weil er nicht zeigen konnte, was er aus dem Focus hätte machen können. Halt, einen Gewinner gibt es doch: Helmut Markwort. Doch sein Triumph ist der Todesstoß für den Focus. Die FDP zieht 2013 auch nicht mehr in den Bundestag ein. _Disclosure: Der Autor war unter Wolfram Weimer der Online-Ressortleiter von Cicero._

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