Ich glaube nicht mehr an die Selbstheilungskraft der Märkte. Josef Ackermann

Der große Wurf

Die größte Qualität einer Freundschaft ist die Nachsicht. Ein echter Freund ist kein Freizeitmittel, damit man nicht alleine ins Kino oder zu einer Party muss.

Ein echter Freund hat Ecken und Kanten, und damit muss man leben wollen. Freundschaft ist ein nie abgeschlossener Prozess.

Friedrich Schiller schreibt in seiner „Ode an die Freude“: „Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein“ und stellt damit heraus, dass die innige Freundschaft, neben der Suche nach einem Partner („Wer ein holdes Weib errungen“), zum Sinn einer erfüllten und gelungenen Existenz gehört.

In der Konsequenz heißt das nicht, dass wir nur einen Freund, einen besten Freund haben können. Es scheint ja heute noch mannhaft, zu betonen, dass man ein, zwei, vielleicht allerhöchstens drei echte Freunde hat. Diese Behauptung von Exklusivität verdeckt meiner Meinung nach nur die Tatsache, dass es eben schwer ist, mehr Menschen zu finden, auf deren Schrulligkeiten und Extravaganzen man sich einlassen möchte – und umgekehrt.

Freude kann man nie genug haben

Die deutsche Sprache weiß einen Ausweg aus der selbst gestellten Exklusivitätsfalle Freundschaft. Neben der Aussage „jemand ist mein Freund“ gibt sie uns „ich bin mit ihm befreundet“ als Möglichkeit an die Hand. Befreundet sein ist eine Verlaufsform. Zwei sind auf dem Weg der Freundschaft, aber eben noch nicht Freunde im Schiller’schen Wortsinn. Dennoch sprechen beide hier von einer wertvollen Beziehung.

Dieser kleine, schlichte Ausdruck ermöglicht es überhaupt erst, dass verschiedene Freundschaften nebeneinander bestehen können: Wie könnte man denn die Freundschaft zu einem Schulfreund aus dem Gymnasium, den man seit dem zehnten Lebensjahr hat, mit einem Freund vergleichen, mit dem man seit fünf Jahren jeden Morgen im Ruderboot sitzt, trainiert und gemeinsam Wettkämpfe bestreitet? Man darf diese beiden nicht miteinander vergleichen und schon gar nicht gegeneinander aufwiegen. Mit dem einen wie mit dem anderen ist man befreundet. Und: „befreundet“ gibt einem Neuankömmling auch noch eine Chance. Niemand sagt, dass einem der große Wurf nicht erst mit vierzig oder fünfzig gelingt.

Zu schade, wenn man diese Gelegenheit versäumen würde, nur weil man mal gehört hat, dass man nur so und so viele gute Freunde haben kann. Echte, gute Freunde, die einen auf dem Lebensweg begleiten, kann man wirklich nie genug haben.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

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