Der Fußball ist einer der am weitesten verbreiteten religiösen Aberglauben unserer Zeit. Umberto Eco

Wir wissen gerade nichts

Es ist falsch, die Proteste in Ägypten, Spanien, Griechenland in einen Topf zu werfen. Die einfachen Erklärungsmuster in den Nachrichten-Medien zeigen, dass wir in einer Schwellenzeit leben, in der Dinge nicht mehr nacheinander, sondern vielfach gleichzeitig passieren. Unsere Vorstellung von Zeit und Geschichte verändert sich – deshalb fehlen uns die Worte.

Was können wir wissen? Die Frage Kants ist überzeitlich gültig. Mein Kollege Martin Eiermann hat sie gestern – implizit – aufgegriffen, als er über die Unfähigkeit der Medien geschrieben hat, die neue Ereignisse in Echtzeit kommentieren und dabei mit kurzen Schlüssen und Allgemeinplätzen nicht sparen. Die Proteste in Spanien werden – es muss schnell gehen – zusammengebracht mit Tunesien, Ägypten, den Menschenrechten, der Euro-Krise und in einem Mix aufbereitet dem verdutzten Leser dargereicht.

Abgesehen davon, dass gute Deutung Abstand und Reflexion braucht, stellt sich mir im Moment eine viel grundlegendere Frage: Können wir die Dinge, die uns im Moment geschehen, überhaupt einordnen? Denn auch wir in einem Meinungs- und Debattenmagazin, die sich den Abstand zu den Ereignissen und die nötige Zeit zur Reflexion gönnen, stehen im Moment vor Geschehnissen und Ereignissen, die schwer einzuordnen sind.

Was denken die Deutschen?

Was verrät uns die Diskussion um den Wutbürger, um S21, um sinkende Wahlbeteiligung, um das Ende von SPD und FDP, den Sieg der Grünen denn nun wirklich? Was können wir mit Gewissheit sagen oder ausschließen? Was wissen wir – die Medienschaffenden, der Wissenschaftsbetrieb, die Politik – wirklich über das Gesamt der Gemeinschaft, die uns umgibt, die 82 Millionen Deutschen? Jeder von ihnen hat eigene Motivationen, eine eigene Biografie, eigene Interessen. Wie partizipieren diese Menschen am politischen System, das weit weg von ihren Wohnstätten in den fernen Landeshauptstädten oder im noch ferneren Berlin in großen, langsamen Mühlen arbeitet?

Kranke interessieren sich allerhöchstens für Gesundheitspolitik, Bauern allerhöchstens für Landwirtschaftspolitik. Der Blick für das große Ganze fehlt – nicht, weil das Landeier sind, sondern weil die Wirklichkeit überkomplex ist. Wir in Berlin verstehen die Gefüge außerhalb der Hauptstadt auch nicht mehr – das Stichwort Föderalismus reicht schon, um nun eventuell krawallbereite Widersprecher in ihre Schranken zu weisen.

Mittelalterliche Bauernhäuser und Flachbildschirme teilen das gleiche Los

Wenn wir in der Presse etwas über Hartzer oder Migranten lesen, dann können Sie, liebe Leser, sicher sein, dass in mehr als 90 Prozent der Fälle der Schreiber kein Migrant ist, in nahezu 100 Prozent der Fälle der Journalist kein Hartz IV bezieht. Es versteht sich von selbst, dass der Autor viel von dem, was er denkt, das die Wirklichkeit des Migranten/ Hartz-IV-Empfängers sei, mit in den Text gibt. Gleichzeitig sind die beschriebenen Gruppen selbst nur begrenzt sprechfähig. Welches echte Bild von der Wirklichkeit soll dabei herauskommen?

Martin Eiermann hat einen Satz von Thomas Carlyle zitiert (und kritisiert), dass Geschichte ausschließlich aus den Biografien großer Männer bestünde. Der Satz ist in seiner Ausschließlichkeit immer noch richtig, wenn man sich vor Augen führt, dass einige die Realitäten der Anderen beschreiben. Über ganz, ganz viele Menschen wird berichtet, sie können sich nicht selber äußern. Kein mittelalterliches Bauernhaus steht heute mehr, ebenso haben die Flachbildschirme der Unterschicht eine begrenzte Lebenszeit.

Die Geschichte ist keine Gerade

Geschichte, so meint der studierte Historiker Eiermann, entfalte sich nicht aus sich heraus, sondern werde gestaltet. Nichts ist vorherbestimmt, es gibt keinen Plan, den die Geschichte selber verfolgte. Genau so ist es! Deshalb haben wir für den Epochenumbruch im Moment auch keine Zuschreibungen. Wir leben in einer Schwellenzeit, in der wir das, was wir tun, noch nicht gleichzeitig der kritischen Reflexion unterwerfen können. Wir alle nutzen das Web, neue Kommunikationstools und wissen dabei noch nicht um die Veränderungen, die dadurch entstehen. Durch diese neuen Kommunikationsmittel erleben wir all das, was in der Welt um uns herum geschieht, gleichzeitig und nicht mehr hintereinander.

Wir haben im Westen seit Augustinus Geschichte aber linear beschrieben – dass wir selber gerade unsere Kultur umkonfigurieren, ist nicht weiter tragisch. Es ist nur elementar und lässt uns für eine bestimmte Zeit ratlos zurück. Stehen die Proteste der Arbeiter in Griechenland und die Proteste der Jugendlichen in Spanien wirklich in einem Zusammenhang? Kann man die Entwicklung in den beiden Ländern reduzieren auf ein paar übergeordnete Beweggründe? Fukushima und der neue deutsche Atomausstieg stehen in einem Zusammenhang – hier ist es aber umso schwerer, rational zu erklären, wie dieser Zusammenhang entstanden ist. Schwerer deshalb, weil es eines der guten, ersten Beispiele ist, die zeigen, wie die neue Gleichzeitigkeit die Abfolge und Linearität von Ereignissen ablöst.

Die Geschichte ist keine Gerade. Wir bewegen uns nicht von einem Anfang auf ein Ende zu. Ein Satz hat nicht zwingend einen Anfang und ein Ende. Wir sind vorübergehend außerstande zu beschreiben.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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