Umsonst ist nicht gratis

Alexander Görlach25.04.2013Wirtschaft

Warum funktioniert es in den seltensten Fällen, wenn Start-ups für Dienstleistungen, die bis dato umsonst waren, auf einmal Geld verlangen? Hier kommt die Erklärung.

Die sogenannte Umsonstkultur im Internet hat vor allem die Kultur- und Medienindustrie getroffen, also Musik, Film, Zeitung. Es ist keineswegs so, dass andere Sparten davon unberührt blieben. Die Wahrnehmung, dass die Dinge, die im Internet zu finden sind, generell umsonst sind, ist weit verbreitet. So fragt ein älterer Teilnehmer einer Diskussionsveranstaltung in der renommierten American Academy in Berlin den Google-Chef Eric Schmidt, warum denn bei Google Mail Werbung eingeblendet sein müsse. Dass er da eine Dienstleistung gratis angeboten bekommt, Speicherplatz, scheint er gar nicht zu registrieren. Schmidt weist ihn darauf hin und ergänzt, dass es zudem noch die Möglichkeit gäbe, die Werbung ganz zu deaktivieren. Der Fragesteller ist immer noch empört.

Umsonst sagen, gratis meinen

Es gibt einen Unterschied zwischen „umsonst“ und „gratis“; beide Wörter sind nur der oberflächlichen Betrachtung nach synonym. Meint „umsonst“, dass man für etwas nichts geben muss, meint „gratis“, dass man etwas zugeeignet bekommt. In gratis steckt gratia, was aus dem Lateinischen mit „Gnade“ und „Ansehen“ übersetzt wird. Nun ist Gnade nicht wirklich mehr verbreitet in den Aktiva des Sprachschatzes vieler Menschen. Gnade meint, dass man etwas bekommt, wofür es keinen Kaufpreis gibt. Ansehen hat etwas mit Wertschätzung zu tun. Das dem anderen Zugeeignete wird mit großer Geste überantwortet. Das sind Zuschreibungen, die einem nicht zwingend sofort einfallen, wenn man an seinen Google-Mail-Account denkt oder an die Empfehlungen nach einem Einkauf bei Amazon.

Wahrscheinlich ist es so, dass wir oft „umsonst“ sagen, aber „gratis“ meinen. Anders lässt sich nicht erklären, warum viele Menschen richtig gekränkt sind, wenn etwas auf einmal nicht mehr umsonst ist, eine Dienstleistung wie ein Termin- und Aufgabenordner beispielsweise. Wenn etwas nicht mehr umsonst ist, dann kostet es künftig etwas – kein Grund, hier emotional zu werden! Die emotionalen Reaktionen rühren daher, dass man sich in seinem Ansehen versehrt fühlt. Etwas mit großer Geste kaufpreislos Zugeeignetes wird auf einmal etwas kosten. Es wird aus dem Olymp des Unbezahlbaren in die Gosse der geschäftigen Welt gestoßen und mit ihm plumpst auch etwas von der Ehrerbietung in den Dreck, die der Beschenkte bis dato gefühlt hat.

Das erklärt, warum das Umstellen von gratis (es ist immer gefühlt gratis, auch wenn umsonst gesagt wird) auf kostenpflichtig (was übrigens nicht das richtige Pendant zu gratis ist. Der richtige Ausdruck wäre vielmehr: eine Sache/Dienstleistung ist bepreist) meist nicht den gewünschten Effekt hat.

Man kann nicht alles kaufen

Eine Umsonstkultur ist der Todesstoß für Anstand, Moral und Sitte in einer Gesellschaft. Denn die Dinge, die man konsumiert, haben ihren Preis. Eine Gratiskultur hingegen ist unerlässlich für jede menschliche Gemeinschaft, die diesen Namen zu Recht tragen möchte: Nicht alles ist bepreisbar, es gibt Dinge, die uns unverdient zufallen. Und: Nein, man kann nicht alles kaufen. All das steckt in gratis drin. Verrückt, was für einen Unterschied kleine Wörter manchmal machen, oder?

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