Vollendung

Alexander Görlach21.03.2013Gesellschaft & Kultur

Wenn die Wissenschaft in neue Räume vor stößt, wirft das Fragen auf. Fragen, die bis zur Existenz und darüber hinaus gehen.

Es war die Ankündigung des Jahres: Man werde, so der Forscher Charles Church, in der Lage sein, aus DNS-Material den Neandertaler zu rekonstruieren. Die neueste Technik macht es seiner Auffassung nach möglich, unsere Vorfahren aus ihren konservierten Resten wieder zum Leben zu erwecken. Nach dem Beben, das auf das Interview folgte, hat sich der Wissenschaftler von seiner Aussage distanziert.

Eine mögliche Umsetzung dieses Vorhabens mag noch weit in der Zukunft liegen. Aber hat Charles Church seine These grundsätzlich aufgegeben? Wohl kaum. „Epurr si muove“ – „Und sie bewegt sich doch“ – soll Galileo Galilei in seinen Bart gebrabbelt haben, als er nach seinem Widerruf die Aula der Inquisition verließ. Zornig. Gewiss. Er hat seine Überzeugung nie wirklich geändert, sondern sich dem öffentlichen Druck gebeugt.

Denn wenn die Wissenschaft dem Menschen neue Räume erschließt, ging und geht das nicht ohne Verunsicherung und Anfeindung. So ist in Amerika Erkenntnisfeindlichkeit gesellschaftsfähig, was der immer noch aufgeheizte und erbittert geführte Streit um die Evolutionslehre Charles Darwins’ und ihren vermeintlichen Widerspruch zur biblischen Lehre belegt. Wie kann Wissenschaft die Menschen mitnehmen, wie kann sie für sich Sensoren dafür entwickeln, was man praktisch tun darf, unabhängig von dem, was man theoretisch tun kann?

Wir fragen deshalb in unserer Titel-Debatte zur Zukunft des Menschen unsere Autoren, allesamt Wissenschaftler, genau danach: Welche ethischen Implikationen hat wissenschaftlicher Fortschritt? Uns ist dabei wichtig, keinen Forschungsverboten das Wort zu reden. Aber verlangen möchten wir, dass die Wissenschaftler sich bei ihrem Arbeiten mit den Fragen der Ethik, der Moral, des Zusammenlebens und des Menschenbilds beschäftigen. Und ihre Forschung in diesen Kontext stellen und sich der Diskussion aussetzen.

Unser Selbstbild steht auf dem Spiel

Erst recht, wenn es um nicht weniger als die Optimierung des Menschen geht, das so genannte „Enhancement“. Nicht in dem Sinne von Hörgeräten oder Herzschrittmachern, die dem Menschen helfen, sein Leben weiterzuführen. Gemeint sind Optimierungen, die ihn besser machen als er zuvor war. Fremdsprachen-Chip im Hirn, übernatürliche Sehstärke: Alles scheint in der nahen Zukunft möglich zu werden.

Aus diesem Enhancement ergeben sich Fragen, die uns alle angehen. Wenn sich Gesellschaften entwickelt haben, damit wir uns in sozialer Weise gegenseitig stützen, brauchen wir diese Gesellschaft dann überhaupt noch, wenn der Einzelne selbst so optimiert ist, dass er alles aus sich heraus schafft?

Menschenbilder sind immer in Bewegung. Seit der heidnischen Antike gab es die Vorstellung, dass man Menschen besitzen kann. Sklaverei war normal und wurde nicht in Frage gestellt. Es war von dort aus ein weiter Weg bis zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Menschen haben dabei die Sicht auf sich und andere immer weiter geführt.

Im allgemeinen Diskurs bemühen wir gerne das christliche Menschenbild als Grundlage für unser Zusammenleben. Das ist dünnes Eis, auf dem wir uns bewegen. Längst schon ist ein erbitterter Kampf darum ausgebrochen, ob dieses Menschenbild noch haltbar ist. Zu viele wirtschaftliche Interessen sind mit der Durchsetzung aller Möglichkeiten neuester Forschung verbunden, als dass man sich in den Finanzzentralen und Konzernen mit philosophischen Petitessen und metaphysischen Setzungen befassen möchte.

Dabei steht etwas auf dem Spiel, was mehr Wert hat als alle Firmenbilanzen zusammen: wie wir uns selbst sehen, wie wir den anderen Menschen sehen und wem in der Zukunft unsere Empathie, Sorge und Solidarität gelten wird.

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