Kein Mensch kommt zu großen Vermögen nur durch seine eigene Arbeit. Uwe Knüpfer

Wieder im Rennen

Wie lange muss man pausieren, bevor man nach einer Insolvenz wieder offiziell ran und etwas gründen darf? In Deutschland streitet sich die Politik darüber.

Scheitern gibt es ja nicht, das haben wir nicht zuletzt auch in dieser Kolumne festgestellt. Alles ein Mentalitätsproblem. Wer sich als gescheitert empfindet, der kann auch nicht überzeugend auftreten, könnte man sagen – und würde damit zu kurz greifen. Denn neben dieser, sagen wir, gefühlten, Ebene gibt es eine handfeste, eine juristische. Wenn es in Deutschland mit einer Gründung nicht klappt, dann müssen die geschäftsführenden Gründer in der Folge sechs Jahre pausieren. Vorher ist es ihnen nicht wieder erlaubt, eine Company zu führen. Ist ja kein Problem – dann geht die Kreativität einfach sechs Jahre auf Erholung, Urlaub, langes Sabbatical.

“Wirtschaftsminister Philipp Rösler”: hat sich unter anderem zu dieser Problematik im Gespräch mit dem Start-up-Gründer Philipp Herrmann beim UdL Digital Talk gestritten. Dieses von Cherno Jobatey moderierte Format bringt einmal im Monat einen politischen Akteur mit einem aus der Start-up-Industrie zusammen, und das nun seit mehreren Jahren. Es sind Formate wie diese, die beide Welten aufeinander zu geführt haben.

Und dennoch liegt nach etlichen Diskussionsrunden noch einiges im Argen. Herrmann, der im kalifornischen Stanford seinen Abschluss und sich danach im Silicon Valley einen Namen gemacht hat, geht den Politiker an: In den USA werde man von potenziellen Investoren immer gefragt, wann man das letzte Mal gescheitert sei. Aus dem Scheitern, so die dieser Frage zugrunde liegende Philosophie, lerne man. In Deutschland werde die Nase gerümpft. Das wäre dann wieder die gefühlte, die emotionale Ebene.

Scheitern darf kein Geschäftsmodell werden

Derselbe Investor müsste in Deutschland allerdings sechs Jahre warten, bis ein Gründerteam wieder mit einer neuen Idee auf ihn zukommen könnte beziehungsweise vom Gesetzgeber her dürfte. Nun, so viel Zeit hat kein Investor der Welt. In anderen Ländern sind die Karenzzeiten deutlich kürzer. Die Politik scheint – das legt zumindest Röslers Reaktion nahe – hier Handlungsbedarf erkannt zu haben. Dennoch möchte er sich in der Diskussion nicht darauf festlegen, ob man den Zeitraum auf drei Jahre verkürzen könnte. Und er lässt durchblicken, dass die Änderung auf drei Jahre womöglich an seinem – derzeitigen – Koalitionspartner im Bundestag scheitern würde.

Einig sind sich beide Diskutanten, dass das Scheitern als solches nicht zu einem Geschäftsmodell werden könne. Ein Risiko liege auch bei den Gründern, das sie mit dem Gründen eingehen und das in eine Konsequenz mündet, sollte die Insolvenz das Ende des Start-ups bedeuten. Wie lange Rösler und Herrmann an diesem Abend über diesen Aspekt diskutieren, zeigt, dass es ein Thema ist, das die Branche bewegt – relevant ist eine Änderung allerdings nicht nur für die Start-ups, denn die Regel gilt ja für Unternehmen aller Branchen.

Mögen die Leute doch die Nase rümpfen, wenn einer scheitert, der Gesetzgeber sollte es nicht.

Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte
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