Fürchtet Euch nicht

Alexander Görlach12.02.2013Gesellschaft & Kultur

Der Papst hat mit seinem Rücktritt den römischen Zentralismus beendet. Die Kirche bricht jetzt auf in eine demokratische Zeit.

Der Papst ist zurückgetreten. Damit ist der Interimspapst aus Marktl am Inn in die Geschichtsbücher eingegangen. Er hat das Petrusamt so entmystifiziert, ihm den göttlichen Nimbus entzogen. Denn wenn es einmal einen Papst a.D. und einen amtierenden Papst geben wird, ist Papst-Sein irgendwie von dieser Welt und nicht mehr ganz so entrückt, wie es in den vergangenen Jahrhunderten gewesen ist.

Der Fixstern der katholischen Kirche, der Papst, existiert nicht mehr. Denn den Schritt, den Joseph Ratzinger am 11. Februar im Jahre des Herrn 2013 gegangen ist, werden andere Päpste nach ihm gehen. Die nun offenen Fragen erklären, was gemeint ist: Bekommt der Papst emeritus Leibwächter, ein Büro, einen Fahrer? Wenn er stirbt, bekommt er dann das Begräbnis eines Papstes? Werden überall auf der Welt die Glocken für ihn läuten? Wird er seinen Nachfolger mitwählen? Oder wird er gar die Wahl anleiten und auf eine Stimme verzichten? Wie wird man ihn ansprechen – seine Heiligkeit a.D.?

Schluss mit der Quasi-Vergötterung des Petrusamtes

Damit hat Benedikt XVI., der in den Augen seiner Kritiker nur ein Beton-Papst war, das Tor aufgemacht für “weitere Reformen in der katholischen Kirche”:http://www.theeuropean.de/maria-von-welser/5543-reform-der-katholischen-kirche–2. Denn das häufigste Argument, das gegen Reformen in der Una Sancta vorgebracht wird, ist das: Natürlich können wir dieses oder jenes ändern – aber wer traut sich schon, eine jahrtausendealte Tradition abzuschneiden?

Der Papst hat eine Tradition beendet, nämlich die der Quasi-Vergöttlichung des Petrusamtes. Damit hat er mit einem Federstreich in Trümmer gelegt, was seit Bonifaz VIII. seit dem Jahr 1300 nahezu alle Päpste mit großem Elan vorangetrieben haben: die Ausweitung der päpstlichen Macht. Gemeint ist nicht ihre spirituelle Vorrangstellung, die nie in Abrede stand, sondern eine echte, weltliche Macht: Der Papst spricht heute bei nahezu allen Bischofsernennungen auf der ganzen Welt das entscheidende Wort. Alle Augen richten sich auf den Heiligen Stuhl, wenn eine wichtige theologische Frage im Raum steht. Die Päpste haben über die Jahrhunderte ihre Macht gefestigt, 1870 hat das “Dogma von der Päpstlichen Unfehlbarkeit”:http://www.theeuropean.de/alexander-kissler/5433-kirchengruender-richard-williamson in Glaubens- und Sittenlehre der Kirche diese Entwicklung feierlich auf die höchstmögliche irdische Stufe gehoben. Benedikt XVI. reißt dieses Bauwerk ein. Ob er sich dessen bewusst ist, muss an dieser Stelle noch offen bleiben.

Viele Katholiken sind mit der Gewissheit aufgewachsen, dass ein Papst nicht zurücktritt. Er ist ein unumschränkter Souverän, der Christus nachfolgt bis zum Tod. Das Purpur in den Gewändern der Kardinäle weist auf das Blut der Märtyrer hin. Sie haben mit ihrem Blut, das den Sand in der Arena des Kolosseums gefärbt hat, Zeugnis abgelegt für ihren Glauben an einen gekreuzigten und von den Toten auferstandenen Messias und Gottessohn. Johannes Paul II. hat es als sein Martyrium begriffen, bis zum Tode Papst zu bleiben. Joseph Ratzinger lehnte dies nun in einem revolutionären Akt ab. Er hat sein Gewissen befragt und nicht die Tradition der Kirche. Dieser Teil seiner kurzen Ankündigung zum Amtsverzicht ist einer Bombe gleich geplatzt! Dass die höchste Autorität des Christenmenschen das Gewissen ist, ist katholische Lehre und nicht etwa ein Eigengut des Luthertums. Gleichwohl ist die Reformation zum Teil über der Frage nach der Autonomie des Gewissens gegenüber dem kirchlichen Lehramt ausgebrochen. „Hier stehe ich und ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ Der Papst hat sich beim Abwägen zwischen Gewissen und Tradition für das Gewissen entschieden. Gewaltig.

Zugleich wusste Benedikt schon am Beginn seines Pontifikats, dass er niemals in die Spuren seines Vorgängers würde treten können. In Erinnerung geblieben von seiner ersten Ansprache an die Gläubigen ist vor allem das fast schon zum geflügelten Wort gewordene „Ich bin nur ein einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn“. Zuvor aber sagte er: „Nach dem großen Johannes Paul haben die Kardinäle mich gewählt.“

Als Johannes Paul II. noch lebte, machten immer wieder Gerüchte die Runde, der Papst aus Polen könne zurücktreten. Eine unbedachte, aber richtige Aussage von Joseph Ratzinger heizte die Diskussion an. Der Kardinal sagte, dass es die Möglichkeit gäbe, dass ein Papst zurücktrete. Diesen Passus im Kirchenrecht hatte kein Geringerer als eben jener Johannes Paul selbst eingefügt, unter der Ägide keines geringeren Vorsitzenden der Glaubenskongregation als Joseph Ratzinger. Er wusste also, was er sagte. Und gleichzeitig, so wird berichtet, weinte der Kardinal, als er das nächste Mal mit dem Papst zusammentraf, über seine unbedachte Aussage. Der öffentliche Diskurs hatte sich des Satzes bemächtigt und in weiteren Interpretationszyklen hatte es so geklungen, als würde der Kardinal aus Deutschland dem Papst den Rücktritt nahelegen. Joseph Ratzinger ist ein feinsinniger und ein sensibler Mensch.

Veränderung macht Angst

Wie geht es für die Kirche weiter, nachdem Benedikt XVI. die isolierende Vormachtstellung des Papsttums beendet hat? Wenn nicht mehr der Papst in der Kirche herrscht, wer dann?

Die Kirche wird im 21. Jahrhundert eine Kirche der verschiedenen Geschwindigkeiten werden. In einem Teil der Welt wird es dann vielleicht verheiratete Priester geben, in einem anderen nicht. Alles wird katholisch genannt werden. Das Konzil wird wieder die originäre Leitungsversammlung der Kirche werden. Der Papst wird ihm vorstehen und es moderieren. Aber er ist dann im vollsten Wortsinn der primus inter pares, der erste unter seinen Brüdern, nicht weniger, nicht mehr.

Diese großartigen Möglichkeiten, die nun entstehen, werden viele in der Hierarchie der Kirche “als Gefahr”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/11664-der-papst-die-titanic-und-die-csu empfinden. Hinter den Kulissen fürchten viele um ihre Ämter und fragen sich, ob der altbewährte Kurs in der Kirche weiter geführt werden wird. Veränderung macht Angst. Das betrifft auch viele Katholiken, nicht nur die Frommen, sondern auch die, die nicht ganz so fromm sind. Das hat es noch nie gegeben, dass ein Papst zurücktritt. Wer wird die Verunsicherung in Zuversicht ummünzen? Sollte der Wanderprediger aus Galiläa sich wirklich für diese Kirche interessieren, es gäbe keinen besseren Moment als den jetzigen, um es zu zeigen. Gehört doch zu seinen Lieblingsweisheiten, darf man dem Neuen Testament glauben, der Aufruf „Fürchtet Euch nicht“.

Wer wird nun Papst? Wie wird sich das Leben von Benedikt XVI. wenden, wenn er ab dem 1. März dieses Jahres wieder Joseph Ratzinger sein wird? Ein Konklave, obwohl der Papst noch lebt? Niemand hätte damit gerechnet, dass dieser Papst uns noch einmal überraschen wird. Er hat uns allen eine lange Nase gedreht.

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