Schuld und Schulden

Alexander Görlach19.12.2012Wirtschaft

Das Ganze menschliche Denken ist in der Sprache der Ökonomie organisiert. Die hat uns aber über Jahrhunderte in die Irre geführt. Wir sollten nun darauf hören, was Anthropologie, Soziologie und Philosophie über den Menschen zu sagen haben.

Die Systeme, in denen wir leben, programmieren uns. So ist es auch in der Wirtschaft. Ihre Geschichte wird für die Lehrbücher erst spannend, als Geld und Schulden ins Spiel kommen. Denn Schulden muss man zurückzahlen. So ist es doch, oder? Programmiertes Denken! Was passiert, wenn man Schulden nicht mehr zurückzahlen kann, erleben wir in der Eurozone.

Sollten wir also so weiter machen wie bisher? Die Antwort darauf ist nicht einfach mit einem Schuldenschnitt gegeben. Die mögliche Antwort auf diese Frage wurzelt tiefer. Der Anthropologe David Graeber schreibt in seinem Buch „Schulden. Die ersten 5.000 Jahre“, dass unsere Urväter – lange vor der Erfindung des Geldes – schon Schulden hatten. Und zwar solche, von denen sie wussten, dass sie sie nie zurückzahlen können. Sie fühlten sich schuldig gegenüber ihren Eltern, denen sie nie das Gute, was sie von ihnen empfangen hatten, zurückzahlen konnten. Sie fühlten sich schuldig gegenüber den Göttern. Kein Tieropfer konnte das Aufwiegen, was sie ihnen mit dem Geschenk des Lebens gegeben hatten.

Unsere Ahnen haben einen unheilvollen Kreislauf in Gang gesetzt, seit damals drückt uns die Schuld. Schon in der Antike war der Begriff “gleichbedeutend mit dem der Sünde.”:http://www.theeuropean.de/polonyi-anna/9368-rhetorik-der-schuldenkrise Der ökonomische und der moralische Begriff waren also ein und dasselbe – und das ist so bis heute. Oder warum müssen wir noch mal Schulden zurückzahlen? Das Zurückzahlen ist eine Ehrensache, eine Sache der Moral. Vom Ökonomiebegriff, wie wir ihn kennen, ist in diesem Satz keine Spur.

Um nicht so weiterzumachen wie bisher, müssen wir also unserem Sprechen auf die Schliche kommen. Da wir in Sprache denken, können wir unser Handeln nur ändern, wenn wir das, was die Sprache bezeichnet, hinterfragen und unseren Sprachgebrauch ändern. Die Anthropologen wie Graeber lassen keinen Zweifel daran, dass das schwer werden wird. Auch selbstkritische Ökonomen – “wie der junge Gelehrte Tomáš Sedláček”:http://www.theeuropean.de/tomas-sedlacek/5364-wirtschaft-in-100-jahren–2 – kommen in ihrem Denken zu dem Schluss, dass unser ganzes menschliches Miteinander in der Sprache der Ökonomie organisiert ist. Ein Beispiel: Von den 30 Gleichnissen, so Sedláček, die im Neuen Testament überliefert sind, haben 19 einen direkten ökonomischen Bezug.

All das nimmt seinen Ausgang von den Nachbarn, die sich gegenseitig leihen. Jedes Dorf hatte unzählige imaginäre Schuldbücher. Die Regeln des Handels mit anderen Stämmen waren – hier spricht wieder der Anthropologe – mit denen der Kriegsführung und denen des Balzens verwandt. Oftmals kam im Geschehen des Handels das eine zum anderen oder eskalierte in Gewalt.

Aber wer ist darauf gekommen, aus dieser Form des ökonomischen Tuns ein rationales Geschehen zu konstruieren? Nichts ist so irrational wie die Brautschau, nichts so unlogisch wie der Krieg. Nachdem uns die Ökonomie über Jahrhunderte in die Irre geleitet hat, gilt es jetzt darauf zu hören, was Anthropologie, Soziologie und Philosophie über den Menschen zu sagen haben. Da müssen wir dranbleiben: Weitermachen!

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