Inselreich Italien

Alexander Görlach29.08.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Lange hat sich Italien nur mit sich selbst beschäftigt – heute kann sich das Land so etwas nicht mehr leisten. Ein Gastbeitrag für unseren Kooperationspartner Linkiesta.it.

Meine früheste Erinnerung an Italien habe ich aus dem Fernsehen: Don Camillo und Peppone. Meine Großeltern liebten Fernandel, der ja bekanntlich Franzose war, aber ein großartiger Darsteller eines den Menschen zugewandten italienischen Pfarrers, der im Dauerstreit mit dem kommunistischen Bürgermeister Guiseppe Bottazzi, alias Peppone, lag. Don Camillo wurde von seinen Gemeindemitgliedern von Brescello in der Ebene des Flusses Po liebevoll Hochwürden (italienisch: Reverendo) genannt, ein Umstand, der sich zu meinen Kinderzeiten bei uns auf dem Dorf schon längst erledigt hatte. Hochwürden in Soutanen kamen nur in den Erzählungen der älteren Generation vor. Das Italien von Don Camillo war schwarz-weiß. Kommunisten gab es bei uns auch nicht; die regierten die DDR und waren gottlose Schurken. Damit war das Land in meiner kindlichen Wahrnehmung immer rückwärts orientiert, mit beiden Beinen in seiner großartigen Vergangenheit stehend. Natürlich kamen Mussolini und der Faschismus bei Don Camillo und Peppone nicht vor. Gedreht von 1952 bis 1965, war dieses Italien zu meiner Kindheit natürlich nicht mehr das richtige Italien. Das wurde in den 60er- und 70er-Jahren zum Lieblingsurlaubsland der Deutschen.

Europa schlägt Eigensinn

Mein erster Aufenthalt in Italien war 1994, eine Reise mit der katholischen Jugend in die Ewige Stadt. Damals fuhren die orangefarbenen Busse noch mit offenen Türen und krasser Kurvenlage. Die Innenstadt war ein verkehrstechnisches Chaos. Mein Studienjahr 1998/1999 an der Päpstlichen Universität Gregoriana begann mit einer Einschreibung auf einer alten Triumph-Adler-Schreibmaschine, die wahrscheinlich noch aus dem Bestand der deutschen Besatzer stammte. Sie stand aufgereiht neben Dutzenden anderen, an denen wir uns einschrieben. Das Immatrikulationspapier hatte gelbe Farbe. Die Buchstaben der Schreibmaschine funktionierten nicht mehr ganz so, weswegen regelmäßig mehrere Buchstaben auf einmal auf das gelbe Papier niedersausten. Was nichts machte, denn es gab ja weißen (!) Tipp-Ex, um das Malheur zu beseitigen. Sollte es einmal jemand geben, der meine Memoiren schreiben wird, dann muss er oder sie diese Immatrikulation auftreiben. Ganz großes Kino. Erst im Jubeljahr 2000 zeigte sich Rom von einer anderen Seite. Die Pilgermassen, die erwartet wurden und auch wirklich kamen, hatten den Stadtvätern Angst gemacht und Respekt eingeflößt. Vorbei die Jahrhunderte, in denen viele Pilger, die es zu Fuß durch finstere Wälder Nordeuropas voller Gefahren, Hexen und wilder Tiere nach Rom geschafft hatten, dann auf der damals einzigen Brücke zur Peterskirche zerdrückt oder in den Tiber geschoben wurden und ums Leben kamen. Das konnte und durfte sich auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend nicht wiederholen. Rom wurde organisiert; im Jahr 2002 sah ich dann zum ersten Mal in dieser wunderschönen Stadt eine Politesse, die Strafzettel an falsch geparkte Autos heftete. Das war mir ein Foto wert. Die Frische der Einheit, die die Europäische Union in alle Winkel der ihr angehörenden Alten Welt zauberte, hatte auch den letzten Eigensinn der Italiener für Chaos ausgeräumt und beseitigt. Bei Don Camillo wurde die Uhrzeit noch Pi mal Daumen geschlagen, wie es gerade passend schien. Ein halbes Jahrhundert später war Italien ein modernes Land. Das Italien, in dem ich studiert habe, erschien mir seltsam vielschichtig: Die Mehrheit der Jugendlichen in der Hauptstadt standen politisch links; man sah das an ihrer Mode, an den Haaren. Und alle hassten Berlusconi, der damals schon eine Weile regierte und auch noch ein paar Jahre danach regieren würde. Wie konnte das zusammengehen? In Rom konnte man auch etwas vom Antiklerikalismus als einer Triebfeder italienischer Identität sehen. 1870, so erklärte mir einer, seien alle, die mit Garibaldi in Rom einmarschierten, um den Schlussstein in das Gesamtgebäude der neuen Nation zu setzen, vom Papst exkommuniziert worden. Dieses Trauma lebe in vielen fort. Denn Italiener sein, dass habe zuvor vor allem bedeutet, katholisch zu sein.

„Unser König ist der Papst“

Die meisten Menschen meines Alters, die ich außerhalb der Universitätsmauern kennenlernte, hielten nicht besonders viel von der Kirche. Dennoch wurde sehr viel von der Kirche gesprochen. Was wohl damit zusammen hing, dass man die Politik wiederum als nicht würdig erachtete, dass über sie gesprochen wurde. Eine alte Frau aus meinem Haus an der Piazza Vittorio Emmanuele fasste das Phänomen der italienischen Politikverdrossenheit mit den Augen einer Römerin zusammen: „Was in der Politik passiert, interessiert uns Römer nicht. Die Politiker kommen und gehen. Wir haben doch hier in der Stadt immer noch unseren König und das ist der Papst.“ Silvio Berlusconi “blieb den Italienern bis ins Jahr 2011 erhalten”:http://theeuropean.de/flores-d-arcais/8920-italien-nach-berlusconi-2. Der Cavaliere, wie er bei uns genannt wird, ist von zweifelhaftem Charme. Er ist nur an seinem eigenen Imperium und seiner persönlichen Macht interessiert. Erdbebenopfer werden gerne mal missbraucht, um seine Handlungsbereitschaft zu unterstreichen, um dann noch ein paar Jahre im Container hausen zu müssen. Er selbst ist eine seltsame Mischung aus Narzissmus und elegantem Rowdytum. Ich wünsche den von mir so sehr geliebten Italienern, dass sie diesem Rattenfänger, der als Euro- und Europa-Skeptiker seine Rückkehr in die Politik plant, nicht schon wieder auf den Leim gehen. Ein Regierungschef, der die Gesetze so biegt und ändert (ändern lässt), dass für ihn nicht die Gefahr besteht, in den Knast zu wandern – was für ein Führer eines Landes kann das sein? Italien und Deutschland. Das ist eine lange Liebesbeziehung, die in der Romantik in dem Gemälde von Johann Friedrich Overbeck „Italia und Germania“ aus dem Jahr 1828 einen prägenden und bleibenden Ausdruck findet. Und was denken die Deutschen heute von diesem Land? Wir lieben die italienische Küche, wir verehren die italienische Kultur, das südwestliche Deutschland ist von den Römern urbar gemacht und kultiviert worden. Zu beiden Seiten des Limes liegen, glaubt man einigen Historikern, zwei verschiedene Deutschlande. Das westliche, römische und das östliche, germanische. An nahezu gleichem Verlauf zog sich zwei weitere Male in der Geschichte der Deutschen eine Grenze an dieser Stelle: die der Glaubensspaltung nach der lutherischen Reformation und die des Eisernen Vorhangs, die innerdeutsche Grenze, die 1989 gefallen ist. Die Menschen in beiden Landesteilen nehmen sich auch heute noch gerne unterschiedlich wahr.

Italien ist eine Insel

Dennoch ist der Konflikt, den Nord- mit Süditalien austrägt, ein anderer. In den neuen Bundesländern im Osten, die nach der Wiedervereinigung 1990 entstanden sind, ist dieselbe Dynamik entstanden, wie in den westlichen, den alten Bundesländern. Die im Norden liegen und von den Sozialdemokraten regiert werden, stehen schlechter da als die südlichen, die von der CDU regiert werden. Im Osten wie im Westen, den neuen und den alten Bundesländern, ist die religiöse Praxis mehr verbreitet als im Norden. So sind etliche der Probleme, die Deutschland heute hat, Probleme des ganzen Landes und keine, die man isoliert dem einen oder anderen Landesteil zuschieben kann. Die Italiener, denen Dante das ist, was den Deutschen Luther ist, scheinen sich vom Norden nach dem Süden her nicht als ein Volk zu begreifen. Aus der Ferne betrachtet, lässt sich dafür kein richtiger Grund ausmachen. Alle sprechen sie Italienisch, haben ähnliche kulturelle Gepflogenheiten, haben nahezu alle die gleiche Konfession. Außerdem ist das Land, wenn man ehrlich ist, eine Insel. Das Interesse, die Aufmerksamkeit richtet sich daher automatisch nach innen. Anders lässt sich nicht erklären, warum über Jahrhunderte hinweg Quartier mit Quartier einer Stadt im Clinch und der bewaffneten Auseinandersetzung lag. Das kann sich Italien nicht mehr leisten! Zu meiner Studienzeit sprachen die wenigsten Italiener, die ich kennenlernte, Englisch. Allenfalls ging man nach Spanien, um dort mal ein wenig zu studieren und weil das Spanische dem Italiener aus einfachen Gründen liegt. Das wiedervereinigte Deutschland konnte man nicht anders wahrnehmen, als dass es mitten auf dem Kontinent liegt und viele Nachbarn hat. Die Deutschen wurden in den vergangenen zwanzig Jahren, allen Unkenrufen und Vorurteilen zum Trotz, ein liberales, weltoffenes Volk. Die Deutschen sind fest in Europa verankert und spüren, dass die Union mehr Segen als Fluch, mehr Vorteil als Nachteil ist. Das ist sicher der Grund, warum es bislang noch keinen Nährboden für eine europaskeptische Partei gab. Das gilt für Italien genauso, auch wenn die Insellage zu dem Gedanken verführen mag, dass “man das schon alleine schaffen könne”:http://www.theeuropean.de/jacopo-barigazzi/11982-italiens-verbleib-in-der-eurozone, ohne die Nachbarn jenseits der Alpen. Das ist eine Illusion. Das neue Europa, das nach 1945 gewachsen ist, gehört zu den größten zivilisatorischen und kulturellen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte. Darauf können auch die Italiener stolz sein, die, wenn sie es so sehen wollen, von der Zeit der römischen Cäsaren her bis auf den heutigen Tag die Geschicke auf dem Erdball mitprägen.

Die neue Welt ist Europa

In der Zukunft wird dies kein einziges europäisches Land mehr alleine können. Die Welt von Don Camillo und Peppone hatte andere Gewissheiten, politische und weltanschauliche. Sie war klein und gemütlich. Die neue Welt ist Europa, das den Italienern nicht fremd zu sein braucht: Ihre Vorfahren haben weite Teile des Kontinents schon einmal beherrscht.

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