Auf der Suche nach dem Berlin-Gefühl

Alexander Görlach24.08.2012Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Tausende Touristen wollen den Aufbruch-Spirit der 90er-Jahre erleben. Den werden sie aber nicht am Alexanderplatz oder dem Hackeschen Markt finden, sondern in der Start-up-Industrie.

Nachdem sich diese Kolumne in den vergangenen Ausgaben der hohen Politik und der “Interessenvertretung der Start-up-Industrie”:http://theeuropean.de/alexander-goerlach/11940-interessenvertretung-in-der-start-up-industrie zugewandt hat, folgt heute ein – der sommerlichen Jahreszeit angemessener – leichter Blick auf das von Urlaubern bevölkerte Berlin. Abenteuerhungrige aller Generationen und aus vielen Ländern machen sich auf, um etwas von dem Berlin-Gefühl zu erhaschen, von dem überall auf dem Erdball die Rede ist. Vor allem junge Italiener und Spanier auf gemieteten Fahrrädern bevölkern die Straßen der Stadt.

Im Zentrum der Stadt, rund um den Hackeschen Markt, ist kein Durchkommen mehr, die ohnehin schmalen Bürgersteige sind hoffnungslos verstopft. Der neue Mustafas-Gemüse-Döner-Stand – eine Speise, die ebenfalls zu deutschlandweiter Berühmtheit gelangt ist – tut das Letzte dazu, den Durchgang durch die Oranienburger Straße zu verunmöglichen. Menschentrauben stehen an, um die fettige Götterspeise zu vertilgen.

Das Berlin-Gefühl ist auf Urlaub

Zwischen all den Urlaubern dauert es eine Weile, bis man feststellt, dass das sogenannte „Berlin-Gefühl“ auf Urlaub, wenn nicht sogar ausgewandert zu sein scheint: Nehmen wir einige der anliegenden Straßen rund um den Hackeschen Markt, die Neue Schönhauser zum Beispiel: Die war vor fünfzehn Jahren eine verträumte Gasse. Es gab keine großartigen Geschäfte, dafür aber jede Menge nicht renovierte Gebäude. Eine Ecke weiter, in der Sophienstraße, standen unberührt Patrizierhäuser, die Sophienkirche hatte eine romantische Patina, die sie umringt von einem blühenden Friedhof großartig ausspielen konnte. Von Touristen war nichts zu sehen; wenn man seinen Fuß irgendwo hinsetzte, beschlich einen das stolze Gefühl, der Erste zu sein, der dorthin getreten war. Eine ständige Landnahme im Dienste des eigenen Abenteuers.

Was ist denn die Einzigartigkeit Berlins in dieser Zeit, vor fünfzehn Jahren, gewesen? Die Bewohner der Stadt formten einen Organismus mit großer Kapazität zur Selbstverwaltung; der öffentliche Raum war ein großer Freizeitpark. Heute gibt es den “„typischen“ Mitte-Bewohner()”:http://theeuropean.de/wladimir-kaminer/10926-leben-in-berlin, den es damals noch nicht gab. Ein neues Milieu sozusagen. Der Stadtstaat hat sich mit aller Macht etabliert und fällt vor allem dadurch auf, dass die Insignien der guten Ordnung, für die er von alters her steht – funktionierende Infrastruktur, nachhaltige Versorgung mit Wasser und Strom – durch ihn nicht gewährleistet werden. Neben der S- und U-Bahn, dem Flughafen und dem undurchsichtigen Vertragstreiben bei der Privatisierung der Wasserversorgung, erquicken über Nacht entstehende Baustellen die PKW-, Taxi-, Fahrradfahrer jeden Tag aufs Neue. Noch nie war die Anarchie in Berlin so groß, hervorgerufen von denen, die eigentlich für die Ordnung zuständig sind.

Leben in einer neuen Gründerzeit

Die Anarchie vor fünfzehn Jahren war eine andere; sie atmete die Luft der Hoffnung auf eine neue Zeit, in der viele Annehmlichkeiten Berlins erhalten und ausgebaut sein würden. Die Hoffnung der Menschen ruhte nicht auf einer Ansammlung gemeinsam geteilter Überzeugungen und Werte, sondern auf der nie versiegenden Quelle des Anders- und Tolerantseins dieser Stadt. Es war die Zeit, in der noch nicht die oberhässliche O2-Arena den Blick auf die Stadt von der Oberbaumbrücke versaute.

Entscheidend war vor fünfzehn Jahren ein Element für das Berlin-Gefühl: Das, in einer neuen Gründerzeit zu leben! Überall wurde gebaut, die Regierung zog nach Berlin. Jeder mit einer guten Idee konnte in der neuen Hauptstadt etwas werden. Diese großartigen Möglichkeiten werden nicht dadurch geschmälert, dass die meisten Gründungsgedanken damals sich um neue Party-Locations und Kneipen drehten.

Dieser Spirit ist heute in der Party- und Kneipenszene erloschen. Nun geht es darum, für viel Kohle möglichst viele Touristen durchzuschleusen. Ein Gin Tonic für 9,00 Euro im angesagten Club beispielsweise ist keine Seltenheit mehr. In München normal, in Berlin Raubrittertum in Bahama-Shorts. Daneben gibt es Läden in Mitte, in denen man klingeln muss, um reinzudürfen. Damit nicht so viele Touristen kommen und der Beruf des Türstehers eine Renaissance erleben möge.

Der Gründergeist Berlins ist tendenziell eher weniger auf die klassische Industrie übergesprungen. Bedingt durch die Situation Deutschlands nach dem Krieg, haben sich viele Cluster gebildet, in denen die eine oder andere Industrie zu finden ist. Der Bedarf, nach Berlin zu gehen, war daher übersichtlich. Außerdem hat Die Linke, mit der zusammen die SPD die Stadt regiert hat, naturgemäß keine roten Teppiche für Investoren aus der Industrie ausgerollt.

Die freie Luft Berlins

Also: Der Gründergeist ist heute vor allem in der Start-up-Industrie zu finden. Dieser Gründergeist, den das Berlin der Nachwendezeit geprägt hat. Letztendlich ist dieser Spirit dafür verantwortlich, “dass diese Industrie sich hier angesiedelt hat”:http://theeuropean.de/alexander-koelpin/8494-start-up-szene-in-berlin. Nicht umsonst ist ein Beruf in dieser Industrie – was nahezu immer auch heißt, in Berlin zu leben – mittlerweile genauso attraktiv wie in einer klassischen Unternehmensberatung und in einer Bank.

Die freie Luft, die Berlin jedem, der hier etwas werden möchte, gratis auf den Weg mitgibt, übertrifft jedes Gehaltsversprechen aus einem kalten Büroturm. Also hat die Start-up-Industrie eine bedeutende Rolle für die Zukunft Berlins erhalten; diese ist ihr, ohne eigenes Zutun, quasi von der Geschichte zugedacht worden: den Gründergeist in dieser großartigen Stadt wachzuhalten. Und andere Industrien damit zu inspirieren. Und in der Zwischenzeit die (seltenen) sonnigen Tage in der Stadt zu genießen.

_Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, “der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte”:http://blog.theeuropean.de/2012/06/kooperation-mit-the-factory/
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