Die EU muss ein langfristiges strategisches Ziel definieren. Wolfgang Ischinger

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Im Internet vernetzen sich unterschiedlichste Menschen – ihr Nebeneinander bedeutet das Ende des absoluten Wahrheitsbegriffes.

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Kai Diekmann tut es; er nimmt ein paar Führungsköpfe des Springer-Verlags mit dahin: Er wird eine Weile ins Silicon Valley gehen, das Mutterschiff der Start-up-Industrie. Er und seine Kollegen möchten dort erfahren und weiter lernen, welche Veränderungen durch die Internet-Industrie in den kommenden Jahren unser Zusammenleben prägen werden. Auch ich war im vergangenen April einmal wieder da. Die Gespräche, die ich dort unter anderem mit Wissenschaftlern geführt habe, zeigen, wie sehr die technologischen digitalen Errungenschaften unsere Gesellschaften weiterhin fundamental verändern werden:

Treffen mit einer Legende

Albert Bandura erwartet mich in seinem Büro auf dem Campus der Stanford-Universität. Einer meiner Kollegen hat im Nebenfach Psychologie studiert und mich gebrieft: Der Mann ist eine Legende. Er verkörpert sechs Jahrzehnte Verhaltensforschung, seine Forschungsergebnisse haben das Feld mehrfach von hinten aufgeräumt. „Mein Studium“, so sagte mein Kollege, nachdem er gehört hatte, dass ich Bandura treffen würde, „bestand gefühlt zu einer Hälfte aus Aufsätzen und Büchern aus seiner Feder.“ Wie nähert man sich einer Legende wie Albert Bandura? Wie viel wird er verstehen von dem, wozu ich ihn befragen möchte: neues Verhalten entstehend aus dem Nutzen des Web, der Teilhabe an Social-Media-Plattformen. Der Mann ist über achtzig; wer weiß, ob er überhaupt das Netz nutzt.

Ich begrüße ihn in seinem Büro. Er sitzt leger in einer Trainingshose am Tisch, dreht sich mir zu. Ich nehme an, dass er wegen seines Alters nicht mehr aufstehen kann, denn er bleibt sitzen. Er lacht. Lebendige Augen hinter einer hornberandeten Brille. Manch ein Hipster in Berlin-Mitte würde für diese Brille töten, sie ist dort das Symbol mondäner Avantgarde. Die urbane Legende geht, dass viele der Jute-Beutel tragenden Möchtegerns um den Hackeschen Markt herum die Brille mit normalem Glas tragen. Einfach nur, um so ihr Lebensgefühl auszudrücken. Professor Bandura hat diese Brille seit den 60er-Jahren, daran besteht kein Zweifel. Ein Original. Wie viele Male hat er durch sie die Ergebnisse seiner Verhaltensstudien wieder und wieder geprüft?

In seinem Büro gibt es keinen Computer. Die Telefonanlage ist älteren Datums. Wir beginnen unser Gespräch über Vorbilder für das Verhalten von Kindern. „Wissen Sie, das Fernsehen hat seinerzeit den Heranwachsenden auf einmal viel mehr Rollen gezeigt und vorgelebt, als das im direkten sozialen Umfeld der Fall war.“ Die Optionen, zu wem wir uns entwickeln würden, seien dadurch stets gewachsen. „Das Internet potenziert diese Möglichkeiten. Allerdings wird der echte soziale Kontakt dadurch niemals obsolet sein“, sagt er. „Dazu habe ich einen Aufsatz geschrieben.“ Er zieht eine riesige Schublade unter seinen Regalen auf. Unendlich viele Schuber mit beschrifteten Schildern, grob geschätzt hundert davon. Vier Schubladen voll. 400 Aufsätze. Alles analog. Meine Hoffnung schwindet, dass der sympathische Mann meine Überlegung zu Religion, Verhaltenskodex, globaler Moral und dem Internet verstehen könnte. Im Verlauf des Gesprächs wird er die anderen Schubladen auch aufziehen und mich mit ausgedrucktem Papier versorgen. Komisch, wie das riecht. Wenn die Seiten aufeinanderliegen, jahrelang. Aufeinander verwiesen, aneinander haftend, eine Gruft, ein Mausoleum der Gedanken. Der Kult um gereiftes und kultiviertes Wissen. Die Universität erscheint nun wie ein Bollwerk gegen die Schnelllebigkeit, Viralität und Digitalität der Gegenwart.

„In der Vergangenheit hat Religion das vorgegeben, was als gut oder böse zu gelten hatte. Wird Religion in Zukunft noch diese Rolle spielen können?“, frage ich ihn. Religion, so meine ich, sei doch durch das Netz nur noch als interreligiöse zu verstehen. Wir wissen um die anderen Religionen im vollen Wortsinn. Wussten meine Vorfahren in unserem rheinhessischen Dorf, dass da draußen irgendwo auch Lutheraner und andere Sorten Menschen waren, die nicht rechten Glaubens waren, so spielten doch für das soziale Zusammenleben nur die Vorgaben des katholischen Glaubens eine Rolle. Heute ist das anders. Nicht nur, weil die konfessionellen Strukturen aufgebrochen sind, sondern weil wir immer und in Echtzeit wissen können, was in anderen kulturellen Räumen der Welt für die Wahrheit gehalten wird.

Deshalb stirbt durch das Web der Wahrheitsbegriff. Eine absolute Wahrheit kann es angesichts so vieler Wahrheitsansprüche, die allesamt aus dem menschlichen Miteinander und der Rezeption einer bestimmten religiösen Strömung erwachsen, nicht geben. „Religion hat immer für einen bestimmten geografischen Ort die soziale Wirklichkeit seiner Bewohner konfiguriert“, fährt Professor Bandura fort. „Kennen Sie Facebook?“, frage ich. „Ja“, gibt er kurz zurück. Eine Überraschung. „Da gibt es mittlerweile 900 Millionen Mitglieder. Alle akzeptieren mit ihrer Anmeldung einen bestimmten Verhaltenskodex. Dieser Kodex ist zum einen funktional – also regelt, was ich dort nach welchen Regeln posten sollte; man willigt ein, keinen Anstoß erregen zu wollen – zum anderen inhaltlich: Wer Facebook nutzt, betritt einen eigenen sozialen Raum, er akzeptiert bestimmte soziale Vorgaben. So werden Postings beispielsweise nur geliked. Man kann sich zu Äußerungen nur mit „Gefällt mir“ verhalten, nicht mir „Gefällt mir nicht“. Das ist ein klarer sozialer Filter über der Wirklichkeit.

Bandura schweigt. Dann schaut er mich durchdringend durch seine echten Brillengläser an. „Das ist in der Tat eine Novität. Auf Facebook sind Christen, Juden, Muslime, Atheisten, Agnostiker angemeldet. Menschen mit verschiedener Herkunft, moralischen Vorstellungen und sozialen Verhaltensweisen. Wir haben noch nicht untersucht, was das für Rollenbilder und Sozialverhalten in der Zukunft bedeuten wird. Aber klar ist, dass dieses Netzwerk das, was das Fernsehen geleistet hat, um ein Vielfaches übertrifft.“

Das Netzwerk hält die Menschen zusammen

Bislang waren Religionen die eigentlichen Treiber für den Aufbau von Gemeinschaften. Sie legten den Grundstein für soziale Regeln, für das, was rein und unrein ist. Der Kult hielt die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft zusammen; die Religion sakralisierte das Zusammenleben ihrer Mitglieder. Facebook übernimmt das nun. Interessanterweise gibt sich das Unternehmen als Plattform, als technischer Dienstleister, der seinen Nutzern den Raum gibt, sich darzustellen. Das ist die völlig korrekte Sicht, die ein Wirtschaftsunternehmen haben muss. Facebook ist keine Religion und will auch keine sein. Die Plattform akzeptiert ihre Mitglieder, so wie sie sind – sofern sie sich an den Code of Conduct, die Verhaltensregeln, die für alle gelten, halten. Darin unterscheidet sich dieser Player deutlich von Religionen, die einer Abweichung der durch sie vorgegebenen herrschenden Norm sehr kritisch und ablehnend gegenüberstehen. Was hält die Mitglieder von Facebook zusammen? Ihre Vorstellung von und ihre Wahrnehmung der Welt? Längst haben die 900 Millionen Nutzer des Netzwerks ihren Horizont über die Orts- oder Stadtgrenze, hinter der sie leben, geweitet. Das Netzwerk hält die Menschen zusammen, nicht der Himmel, der sich über ihnen spannt. Facebook entpersonalisiert den monotheistischen Gottesbegriff. Das, was alles zusammenhält, ist nicht ein persönlicher Gott, sondern ein Netzwerk, eine Energie, die Menschen zusammenführt und beieinander lässt.

Beim Verlassen des Büros frage ich Professor Bandura: „Haben Sie keinen Computer?“ Er lacht; nun versteht er meine Unruhe, die er während unseres Gesprächs an mir wahrgenommen haben mag. „Seien Sie unbesorgt; natürlich arbeite ich mit einem Computer.“ Ich atme tief ein und nehme einen Zug von vergilbtem universitären Papier. „Allerdings nur zu Hause. Hier in der Universität lenkt er mich von meinem wissenschaftlichen Arbeiten ab.“ Vor der Tür schaue ich auf Facebook nach. Einen Albert Bandura gibt es dort nicht. Ich wette, er wird sich später zu Hause dort anmelden.

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