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Alexander Görlach20.07.2012Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Deutschlands Start-Up-Szene profitiert vom chinesischen Dissidenten Ai Weiwei: Der digitale Wandel ist essenzieller Bestandteil seiner Kunst.

Ai Weiwei nutzt Twitter; er nutzt das Web. Für den chinesischen Künstler ist die von der Digitalität gewandelte Welt eine dauerhafte Installation. Die staatliche Oppression ist für ihn unter diesen Vorzeichen ein Witz. Wer “die Dokumentation über ihn „Never Sorry“()”:http://aiweiweineversorry.com/ im Kino gesehen hat, beobachtet chinesische Polizisten, die von Ais Team gefilmt werden,während sie ihn filmen.

Beim Betrachten dieser Szenen fiel mit das Wort des ehemaligen Berliner Wirtschaftssenators Harald Wolf ein, der über den Kreativ-Mode-Medien-Standort Berlin einmal sagte: „Wir können nicht nur davon leben, dass wir uns gegenseitig filmen.“ In China scheint das Observieren durch Filmen von Bürgern eine einträgliche Beschäftigung zu sein. Das Filmen, derer die ihn filmen, ist für Ai Kunst. Er genießt, dass er den Sicherheitsbehörden so eine lange Nase drehen kann. Dabei ist nicht das Filmen der Akt der Rebellion, sondern das Teilen im Internet. Inquisitorisches Gehabe kommt beim Betrachten der Dokumentation als das an, was es ist: als groteske Farce.

Aus dem Hörsaal zur Inquisition

Die Zeiten, in denen Diktaturen ihr Arsenal des Schreckens ausbreiten konnten, ohne dabei von der ganzen Welt betrachtet zu werden, liegt noch nicht so lange zurück. Ein Beispiel aus der Geschichte: Ich erinnere mich an eine Episode, die zur Geschichte der
Universität von Salamanca gehört. In der Stadt habe ich im Jahr 2004 einige Wochen verbracht, um mein in der Schule erlerntes Spanisch etwas aufzupolieren. Die Geschichte geht so: Die Universität von Salamanca wurde als eines der Lichter der Welt bezeichnet;
die Uni war im Konzert mit Paris, Bologna und Oxford ein ausgewiesener Ort des Wissens, geschätzt im gesamten Abendland. Dann kam die spanische Inquisition und pustete das Licht der Freiheit aus. Im Zuge dessen wurde Fray Luis de Leon, ein fortschrittlicher Denker seiner Zeit, aus dem Hörsaal in das Gefängnis der Inquisition
gebracht. Nach mehreren Jahren der Haft wurde er wieder frei gelassen. Er ging wieder zur Uni, in seinen Hörsaal und begann seine erste Vorlesungen nach der Folter und Jahren im Kerker mit den Worten: „Wie wir gestern gesagt haben.“

Ai Weiwei wurde an einen unbekannten Ort verschleppt; die ganze Welt nahm daran Anteil. Auch in Berlin gab es Aktionen und Installationen, die Bundeskanzlerin forderte die Freilassung des Künstlers und Dissidenten. In einer Diktatur aufgewachsen weiß Frau
Merkel, wie unfreie Regime ihre Kritiker mundtot zu machen wissen. Für einen Augenblick,so zeigt es die Dokumentation, scheint die chinesische Regierung ihr Ziel erreicht zu haben. Der aus der Verschleppung heimkehrende Ai Weiwei will gegenüber den Journalisten, die vor seinem Haus warten, keine Aussagen machen. Dieser Zustand hält nicht lange an. Bald darauf twittert der Künstler wieder.

Ai Weiwei gehört zu den bekanntesten Künstlern der Gegenwart. Nicht zuletzt das Internet hat ihn international als Aktivisten und Dissidenten bekannt gemacht. Der digitale Wandel ist ein Thema in der Kunst, seit er begonnen hat. Er verändert unsere Vorstellung vom
Bild, von Raum, von Zeit, von der menschlichen Interaktion. Er verändert auch die Erzählung von Mensch und Maschine.

Sehnsucht nach dem, was war

Die Modernisierung und Industrialisierung mit ihrer Funktionalität und Effizienz weckte bei den Künstlern und den Schriftstellern der Romantik die Sehnsucht nach dem, was vorher war. Nicht umsonst werden in der Architektur in dieser Zeit unter anderem die Baustile der Romanik und der Gotik wiederbelebt. Dieser Topos lässt sich auch orten im ambivalenten Verhältnis der Deutschen zu technologischen Errungenschaften. Zum einen ist die Faszination für die Ingenieurs- und Maschinenbaukunst groß, die Liebe zum Auto und den Produkten „Made in Germany“. Zum anderen gibt es die Angst, die Maschinen könnten menschliche Arbeit voll und ganz überflüssig machen. Theodor Fontanes Gedicht „Die Brücke am Tay“ ist eine Auseinandersetzung mit den Zukunftsphantasien seiner Zeit.
Fontanes Herz schlägt für das alte: „Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand“,lauten das Verdikt. Die Natur wird als die stärkere und überlegenere Kraft als die Technik stilisiert.

In Angelegenheiten des Internets setzt sich diese Ambivalenz bei den Deutschen fort: Die Diskussion um Datensicherheit, die Angst vor Google Street View und die Dämonisierung von Google und Facebook auf der einen Seite. Gleichzeitig nutzt die überwältigende Mehrheit der Deutschen das Internet und würde sagen, dass sich Google und Wikipedia beispielsweise nicht mehr aus ihrem Leben wegdenken lassen. Hier müssen wir in der Start-Up-Industrie dafür sorgen, dass die Begeisterung, die wir für unsere Unternehmen und Produkte haben, überspringt und die Deutschen über diese Industrie genauso stolz sprechen wie über ihre Autobauer.

Denn ohne die digitalen Industrien fehlt dem Standort Deutschland die Zukunftsfähigkeit. Anders als die klassischen Industrien stellen Start-Ups in der Wahrnehmung breiter Teile der Öffentlichkeit keine physischen Produkte her. Das tun sie aber; oder sie ermöglichen
deren Auffindbarkeit und deren Vertrieb. Ein Start-Up ist mehr als eine Garage und zwei Rechner.

„Made in Germany“

Wirtschaft und Dienstleistung haben sich in den vergangenen Jahren verändert. Durch mobile Möglichkeiten wird dieser Wandel weiter befeuert; die Kulturtechniken beim Erwerb von Dingen, die Kommunikation zwischen Konsumenten und Herstellern werden sich weiter entwickeln.

Durch den digitalen Wandel verändert sich auch die Bedeutung von Status-Symbolen. Das Auto ist nicht mehr auf Platz 1 bei Jugendlichen in Deutschland. Da finden sich dann eher Smartphone und iPod. Die klassische Wirtschaft muss hier unbedingt mit der Entwicklung Schritt halten. Denn weder kann die Internet-Industrie allein die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland bestimmen, noch die klassische produzierende Industrie.

Deutsche Autobauer profitieren davon, dass China, Ais Heimat, viele großartige Premium-Autos „Made in Germany“ kauft. Ein Freund von mir war jüngst in China. Er ist auch Investor, an Fonds beteiligt. Ein Gründer und Start-Up-Mann. Seine Rückmeldung: In China boomt es. Das Internet und die damit verbundenen Geschäftsmodelle faszinieren
die jungen Chinesen über alle Maßen, sagt er. Dazu hat ein Ai Weiwei beigetragen.

_Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, “der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte”:http://blog.theeuropean.de/2012/06/kooperation-mit-the-factory/
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