Der Sicherheitsmythos soll Ängste vertreiben. Ken’ichi Mishima

Sturm und Drang

Väter sind mehr als nur die traditionellen Ernährer der Familie. In ihnen schlägt der unbändige Drang, innerlich frei zu sein und zu bleiben. Diesen Freiheitsdrang geben sie ihren Kindern weiter, wir haben ihn von unseren Vätern geerbt.

vatertag

Es ist Zeit für eine Hommage an meinen Vater! Denn er fristete, wie das bei so vielen Jungs ist, lange in meiner Wahrnehmung eine Frist in der Nische des Selbstverständlichen: Klar, dein Vater ist dein Ernährer. Er kommt um 17:00 Uhr nach Hause, um 19:00 Uhr gibt es Abendessen, danach die Tagesschau und dann muss ich ins Bett. Es war bei uns wie in vielen Familien: Die Mutter ist der Bezugspunkt schlechthin. Sie bildet das Zentrum des Universums. Das gilt für beide Männer, für meinen Vater und für mich. So kreisen wir in steter Selbstverständlichkeit um ihre Liebe und Fürsorge wie die Planeten um die Sonne. Gott hat diese Welt ordentlich gefügt.

Was man am Vater hat

Bis man als Sohn merkt, was man am Vater hat, vergeht deshalb ein Äon. Es endet, wenn die mütterliche Fürsorge so heiß am Himmel steht wie die Mittagssonne. Die Mutter ist die Bewahrerin. Die große weite Welt hingegen, das Neue, ist das Metier der Männer. Nach dem Abitur hat mich nichts mehr zu hause gehalten: Neben Italien, England, den USA habe ich in Ägypten und der Türkei gelebt und studiert. Stets ging der Vater in Gedanken mit mir auf Reisen, während die Mutter zuhause die Gefahren dieser Expeditionen in ihrem Herzen erwog.

Ich war vor einigen Wochen beim Cat Stevens-Konzert. Selbstverständlich hat er dabei auch Father und Son gespielt. Der melancholische Song, der das Verhältnis von Vater und Sohn beschreibt, hat mich in meiner Sturm-und-Drang-Oberstufen-Zeit begleitet. Es handelt vom Wunsch des Jungen, die Maßstäbe des Alten zu sprengen und in die Welt zu ziehen. Und vom Alten, der das schon mitgemacht, alles geprüft und nur das Gute behalten hat. Dabei war für mich als teenagenden Hörer nicht die Kontroverse des Sohnes mit dem Vater entscheidend, sondern das „I have to go“. Raus und die Welt sehen. Väter verstehen diesen Drang ihrer Söhne.

Immer war es der Vater, der, ohne das Wissen der fürsorglichen Mutter, die Reisekrankenversicherung abgeschlossen und nach dem Stand der Vorbereitungen gefragt hat. Mehr als einmal erfuhr die besorgte Mutter einen Tag vor Abflug von der nächsten Reise. Eine Mutter kann eben gedanklich nicht mit hinaus in die gefährliche Welt, es ist, allem Gender-Wahnsinn zum Trotz, eine Enklave der Männer: Hinausziehen, forschen, Erfahrung sammeln und dann aufbauen.

Mehr Vater als Sohn

Jetzt, da ich mit 34 Jahren selbst schon längst Vater sein könnte, habe ich auch Pflöcke eingeschlagen, eine Firma gegründet, das Haus meines Lebens aufgebaut und die Erfahrungen des Studiums, des Berufs in der Gründung eines eigenen Magazins verdichtet. Und schon beginnt es, dass ich die Möglichkeiten unserer Praktikanten bewundere, die, Anfang zwanzig, Pläne schmieden, Lateinamerika oder Asien zu bereisen, in den Slums Kinder in Englisch zu unterrichten oder eigene Geschäftsideen umzusetzen. Es ist kein Gefühl, etwas verpasst zu haben. Es ist das Wissen darum, dass ein Teil des Wegens hinter mir liegt und ein bisschen Melancholie, dass diese prägende Phase des Lebens nun doch und wirklich und endgültig vorbei ist. Ich bin nun selber im Kopf schon mehr Vater als Sohn.

Väter haben sich geändert – das sehe ich bei meinen Patenkindern ganz deutlich: Sie hören ihren Kindern zu, sie geben ihren Söhnen auch Küsschen. Das Männerbild von ehedem ist passé. Männer weinen, Männer benutzen Parfüm, Männer legen sich auch mal einen metrosexuellen Schal um den Hals. Und Väter möchten eben doch mehr sein als nur ein Ernährer. In ihnen schlägt der unbändige Drang, innerlich frei zu sein und zu bleiben. Diesen Freiheitsdrang geben sie ihren Kindern weiter, wir haben ihn von unseren Vätern geerbt. Alles Gute zum Vatertag, Papa!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Martin Eiermann, Clemens Lukitsch.

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