Unternehmer werden zwar gebraucht, aber nicht mehr bewundert. Das war früher anders. Ehrhardt Bödecker

Schneiden oder nicht schneiden

Da es keine medizinische Notwendigkeit für die Beschneidung gibt, stehen sich zwei fundamentale Rechte gegenüber. Eine Lösung muss aus der jüdischen und muslimischen Gemeinde kommen.

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Die Ärzte, die an die Bundesregierung und das Parlament appelliert haben, hatten recht: Es braucht vor allem Zeit, um sich eine Meinung zum Thema Beschneidung zu bilden. Für mich vor allem wegen der folgenden beiden Gründe: Erstens: Eine Beschneidung hat später die Beeinträchtigung des Lustempfindens bei Jungen zur Folge. Zweitens: Das Verbot der Beschneidung würde die vom Grundgesetz geschützte institutionelle Religionsfreiheit stark beeinträchtigen.

Es stehen sich fundamentale Rechte gegenüber

Medizinisch gibt es keine Notwendigkeit für die Beschneidung jedes männlichen Kindes. Auf der Habenseite steht also nichts, wohingegen auf der anderen bei der Beschneidung das mittlerweile auch in den Medien diskutierte beeinträchtigte Lustempfinden des Kindes steht. Nicht, weil die psychischen Folgen der Beschneidung, von denen auch zu hören ist, weniger wögen, sondern weil die Debatte bei Lust und Beschneidung sich bisher ausschließlich auf die weibliche Genitalbeschneidung konzentriert ist. Der Vergleich zu Jungen, die überall auf der Welt beschnitten werden, wurde im öffentlichen Diskurs nicht vorgenommen. Das auch Beschneidungen bei uns stattfinden, ist durch das Kölner Urteil ins Bewusstsein getreten. Erst jetzt erfahren wir, dass es unter den rabbinischen Gelehrten ebenso wie bei muslimischen Geistlichen eine kontroverse Debatte über den Sinn der rituellen Beschneidung in heutiger Zeit gibt.

Bei der Religionsfreiheit wird vor allem der Aspekt diskutiert, dass das elterliche, vom Grundgesetz verbriefte, Sorgerecht auch die religiöse Erziehung mit einschließt. Bei Religionsfreiheit gibt es neben der hier gemeinten individuellen auch eine zweite Form, die institutionelle. Die Religionsgemeinschaften stehen, sofern sie vom Staat über den Status der öffentlich-rechtlichen Körperschaft anerkannt sind, in einem autonomen Verhältnis zu ihm. Das heißt zum Beispiel, dass die Religionsgemeinschaften allein definieren, wer bei ihnen wie Mitglied ist. Das schließt, um ein Beispiel zu geben, nicht nur die Riten des Eintritts in die Religionsgemeinschaft ein, sondern auch die, unter denen der Gläubige aus der Welt geht. Das islamische Begräbnisritual sieht eine Bestattung in einem Tuch vor. Die deutsche Friedhofsordnung verbietet dies. Mancherorts ist es zu einer Änderung der Vorschriften gekommen, da es einsichtig war, dass die Muslime ihre Toten nach ihrem Ritus beerdigen dürfen müssen und nicht nach der Maßgabe der Stadtverwaltungen.

Bei dem Streit um die Beschneidung stehen sich fundamentale Rechte gegenüber: das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit und das Menschenrecht auf Religionsfreiheit. Von meinem Empfinden her bin ich auf der Seite der Jungen. Ich schenke den Gutachten und Aussagen der Ärzte und Psychologen, die ich im Verlauf der vergangenen Wochen gelesen oder gehört habe, Glauben.

Wir können die Vielehe verbieten

Um eine Entscheidung herbeizuführen, kann man nun nicht sagen, dass es, nur weil neben der individuellen auch die institutionelle Religionsfreiheit bei Verbot der Beschneidung eingeschränkt würde, es zwei zu eins für die Beschneidung stünde. Zwei verletzte Grundrechte gegen eines. Religionsfreiheit ist Religionsfreiheit. Für den öffentlichen Diskurs ist es aber wichtig, die beiden Seiten der Medaille wahrzunehmen. Ein Beispiel: Es mag sein, dass es in der Türkei individuelle Religionsfreiheit gibt. Von einer institutionellen ist das Land leider noch weit entfernt: Nicht-islamische Religionsgemeinschaften dürfen in der Türkei keinen Grund- und Immobilienbesitz haben; die Ausbildung der nicht-muslimischen Geistlichen im Land wird verunmöglicht. Beides elementare Eingriffe in die im Westen durch Verfassungen verbriefte Religionsfreiheit und in die autonome Selbstverwaltung der Religion.

Es ist in dem seit der Säkularisation eingeübten Verhältnis zwischen Staat und Kirche übliche Praxis, dass der Staat sich nicht in die inneren spirituellen wie administrativen Angelegenheiten der Kirche einmischt. Was den christlichen Kirchen gegolten hat, umfasst nun alle Religionen, die in Deutschland praktiziert werden. Nun haben wir im Westen immer wieder die Diskussion, welche religiösen Praktiken innerhalb eines säkularen Gemeinwesens zu dulden seien. Können wir die islamische und mormonische Vielehe mit Blick auf unsere Verfassung, die das christliche Bild der Familie zum Urbild hat, verbieten?

Wir können. Weil die Verfassung über einer behaupteten Offenbarung einer bestimmten Gottheit steht. Mögen die Religionen darauf verpflichten „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg. 5, 29), weiß der Verfassungsstaat, dass es für ihn nur die radikale Immanenz gibt. Er ist dazu bestimmt, manche würden sagen verdammt, im Blick auf das Hier und Jetzt das menschliche Zusammenleben verbindlich zu regeln. Verbindlich, aber nicht vollumfänglich. An die Stelle des Auges Gottes, das alles sieht, kann nicht der alles wissende und umsorgende Gesetzes- oder Sedieren-durch-Wohlstand-Staat stehen. Zu der vollen freiheitlichen Anerkennung der Person gehört auch, dass man ihr den Glauben an etwas, das über dem Hier und Jetzt steht, zugesteht. Was nichts anderes heißt, als dass die Person dazu befreit ist, sich vom Staat und seinem Anspruch über sie zu emanzipieren.

Wir können. Weil bestimmte Formen religiöser Praxis deshalb verboten werden können, weil wir, und auch das gehört zum vollen Bild des Diskurses, das Verhältnis zwischen Staat und Religionen im Moment neu ordnen. Das gilt für alle westlichen Staaten in der einen oder anderen Intensität und Weise. Diese Neuordnung wird zum Teil auch von den religiösen Autoritäten selbst forciert. Die Diskussion um die Entflechtung von Staat und Kirche, die Benedikt XVI. bei seinem Besuch im September 2011 in Deutschland angestoßen hat, ist seitdem nicht verstummt und wird in Kirche und Öffentlichkeit kontrovers geführt. Von daher hat der Gesetzgeber alles Recht, viele würden sagen auch die Pflicht, die Unversehrtheit des Kindes, seine unverletzte körperliche und seelische Entwicklung, nicht hinter einem traditionsreichen, aber archaischen religiösen Ritual verschwinden zu lassen. Das Grundrecht auf Unversehrtheit steht in dieser Lesart höher als die Religionsfreiheit, deren liturgisch/kultische Seite wiederum nicht nur auf einzelne, traditionell hergebrachte Rituale reduziert werden darf. Religion ist nicht unwandelbar. Auch Religionen kennen Entwicklung.

Lösung aus den Religionsgemeinschaften

Gleichzeitig gehören diese Riten zum inneren Selbstvergewisserungsapparat der Religionen. Nun ist der Akt der Taufe mit Wasser keine Beeinträchtigung für die gesundheitliche und seelische Entwicklung des Säuglings und damit nicht analog zur Beschneidung zu beurteilen. Gleichwohl ähneln sich die beiden Formen der Eingliederung in die Glaubensgemeinschaft in ihrem religiösen Gehalt: Den monotheistischen Religionen geht es in diesem Ritus um die Hineinnahme in ein Bekenntnis, deren Träger über die Jahrhunderte und Jahrtausende eine alles umspannende Gemeinde geformt haben, an allen Orten und zu allen Zeiten. Das hat eine größere Bindekraft als ein Personalausweis für das Zugehörigkeitsgefühl zur Bundesrepublik Deutschland je entfalten könnte.

Die Lösung des Konflikts kann nur aus der jüdischen und der muslimischen Gemeinde heraus kommen. Für diese Kontroverse innerhalb der Religionsgemeinschaften ist nun wirklich Zeit nötig – und auch berechtigt. Man mag zwar die Wehrpflicht nach fünfzig Jahren an einem sonnigen Wochenendnachmittag abschaffen, nachdem sie über ein halbes Jahrhundert zum politischen Inventar der Union gehört hat, die Beschneidung aber, die über Jahrtausende praktiziert wird, kann man nicht an einem Wochenende rückabwickeln. Religion hat eine andere Arithmetik als Politik oder Zeitgeist.

Kein salomonischer Weg

Die Kontroverse hat in den Gemeinden an Fahrt aufgenommen. Wenn am Ende des Diskurses eine verbindliche Äußerung der religiösen Autoritäten steht, wenn es eine Wahlfreiheit gäbe, die nicht sanktioniert wird, dann ließen sich die Ansprüche des Kindes auf Unversehrtheit mit denen der Religionsfreiheit der Glaubensgemeinschaften miteinander versöhnen. Das ist das Idealziel, das die sich wandelnde Religion in der gegenwärtigen Zeit erreichen würde.

Der Gesetzgeber und die Gesamtgesellschaft müssen ihrerseits ihre Haltung, die übergeordneten Rechte des Kindes auf körperliche Unversehrtheit, bestimmt und nachhaltig artikulieren. Sie stellt meiner Meinung nach das höhere Verfassungsgut dar. Einen salomonischen Weg gibt es an dieser Stelle zu diesem Zeitpunkt nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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