Einen gerechten Krieg gibt es nicht. Robert Sedlatzek-Müller

Allah 2.0

Der Islam und die Start-up-Industrie passen bestens zusammen: Die islamische Ethik erlaubt und wünscht explizit das Investieren in Ventures, deren Renditen aus der Kraft der unternehmerischen Tat erwachsen. Ein digitales Andalusien liegt vor uns!

Über das Zusammengehören der US-amerikanischen und der deutschen Start-up-Szene in Berlin, im Herzen Europas, habe ich in der vergangenen Woche geschrieben. Der Bundeskanzler a. D. Helmut Schmidt stand mir hier Pate. Er hatte in einer Rede betont, dass beide Regionen, Nordamerika und Europa, ihre gemeinsame Kultur weiter pflegen müssen, um im 21. Jahrhundert bestehen zu können.

Wirtschaft und Handel sind im Islam positiv besetzt

„Wir werden (…) an den Werten der alten Griechen und des Hellenismus festhalten, festhalten an Cicero und Marc Aurel, festhalten an den europäischen Grundwerten und Grundschriften, festhalten am Erbe Alighieri Dantes und William Shakespeares. Wir wollen weder Rousseau noch Montesquieu aufgeben, weder Erasmus noch David Hume noch Immanuel Kant. Wir wollen Abraham Lincoln die Treue halten und ebenso der Nähe zu Nordamerika.“

Dieser lange gemeinsame kulturelle Weg bleibe der entscheidende Standortfaktor dieser Weltregion „Der Westen“. Die Selbstvergewisserung helfe anzuerkennen, dass der Westen, wenn es um den reinen Anteil an der Weltbevölkerung geht, in diesem Jahrhundert deutlich an Relevanz verlieren werde:

„Wir werden allerdings lernen müssen, den Aufstieg Chinas, Indiens oder Brasiliens in Gelassenheit zu ertragen – und ebenso den Aufstieg Indonesiens und ebenso anderer muslimischer Staaten.“

Bei den „Next Eleven“ sind etliche Staaten dabei, deren Bevölkerungsmehrheit islamisch ist: Indonesien, Ägypten, die Türkei, Pakistan. Auch in Nigeria ist die Hälfte der Bevölkerung muslimischen Glaubens. Was auf dem Feld der großen Politik nicht zu gelingen scheint, kann die Start-up-Industrie bewältigen: ein Gebiet der Zusammenarbeit zu sein, ein digitales Andalusien zu schaffen.

Andalusien gilt in der europäischen Erzählung als Kronzeuge für die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Christen, Juden und Muslimen. Diese Zeit ist seit 1492 vergangen; ein neues Gebiet von kulturellem Zueinander hat es seitdem nicht gegeben. Bis jetzt, denn:

Der Islam und die Start-up-Industrie passen bestens zusammen! Die islamische Ethik verbietet Anlagen mit festem Zins und mit fester Rendite. Geld gilt als Vehikel für wirtschaftlichen Erfolg, es hat keinen Selbstzweck. Geld befeuert die Wirtschaft, den Handel; beide sind im Islam positiv besetzt. Und so ist klar, dass der Islam Unternehmertum fördert: Wer sich einem Risiko mit einer Firmengründung aussetzt, wer an seine Idee glaubt, darf, islamisch korrekt, auf Investoren-Geld hoffen.

Auch ein ordentlicher Exit ist mit dem Islam vereinbar, weil auch das Gewinnmachen nicht verboten ist. Eine Marge darf beim Handel, beim Verkauf durchaus erwirtschaftet werden, vor allem das gilt für den Bereich der Start-ups, weil am Anfang die Höhe der möglichen zu erzielenden Marge alles andere als feststeht. Das Risiko, das beide Partner eingehen, muss abgesteckt sein, also die due diligence muss stimmen und die Verträge dürfen keine Fallstricke enthalten.

Die Internet-Wirtschaft als Brücke

Jetzt könnte man meinen, dass dieses Geld aus den Öl fördernden Ländern der arabischen Welt, aus Saudi-Arabien, aus den Emiraten, aus Dubai en masse bereits in Berlin angekommen sei und zur Verteilung stünde. Dem ist aber noch nicht so. Warum? Machen wir in der Start-up-Industrie nicht genug Werbung für unseren Standort, für unsere Haltung zu Unternehmertum? Auf TechCrunch war in der vergangenen Woche Mike Butcher zu sehen, wie er den ersten Inkubator im Libanon besuchte. Es ist schön, dass es diesen Inkubator dort gibt. Für uns hier heißt das: Nichts wie ein Netzwerk spannen und da, wo es geht, zusammenarbeiten. Aber darüber hinaus muss es darum gehen, Investoren aus der arabischen Welt anzuziehen. Neben dem finanzbewussten (protestantischen) Schwaben, der sein Geld bei der Sparkasse anlegen möchte, gibt es in Deutschland vier Millionen Muslime – auch darunter sind sicher genügend Personen, die an einem Invest in die Start-up-Industrie Interesse haben könnten.

Wer würde annehmen, dass in der ständigen Auseinandersetzung über die Frage, wie viel Islam jetzt nach Europa oder nach Deutschland gehört oder nicht, gerade die Internet-Wirtschaft eine interessante Brücke bauen kann? Verantwortetes Unternehmertum ist ein hoher Wert in beiden Kulturen.

Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte
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