Die CDU ohne Adenauer

Alexander Görlach28.09.2009Gesellschaft & Kultur, Politik

Der “Alte aus Rhöndorf” würde sich im Grabe umdrehen: Anderthalb Stunden CDU-Grundsatzreden beim Fernsehduell und die Worte “Werte” und “christlich” kommen nicht vor. Das, wofür diese Begriffe stehen, ist so tot in der CDU wie Adenauer selbst.

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Das Glück der CDU ist es, dass sich in der nun vergangenen Legislaturperiode keine Partei rechts in der Mitte neben ihr positioniert hat. Der Hass im Südwesten des Landes auf die Union in der Großen Koalition war bisweilen so groß – etwa als im April 2006 das Gleichstellungsgesetz diskutiert und später verabschiedet wurde –, dass es nur eine Frage der Zeit zu sein schien, bis die Konservativen reagieren und eine neue Partei gründen würden. Es kam nicht dazu und es wird auch nicht mehr dazu kommen. Es gibt keine rechte Revolte, denn konservativ sein geht heute anders als früher. Gesellschaftspolitisch hat sich die CDU verändert: Ein neues Familienbild, der Islam- und Integrationsgipfel, die Haltung zu Homosexuellen, die Frage nach der Stammzellenforschung haben die Partei von den alten Pfaden auf neue Wege geführt. Allerdings hat nicht die Partei die Gesellschaft erneuert, sondern die erneuerte Gesellschaft hat Herrschaft über Teile der Union errungen.

Jetzt sind die neuen Konservativen am Ruder

Jahrzehnte der Marginalisierung in Kultur und Gesellschaft haben die Konservativen kreativer gemacht. Wer sich immer behaupten muss, wer die Apologie seiner eigenen Existenz betreiben muss, der bleibt wendig im Kopf. So wurden in den letzten Jahren die Werte Bewahrendes und Neues zusammengeführt. Konservativ sein kann bei diesem neuen Typ der Konservativen den Ausstieg aus der Atomenergie einschließen oder das Ja zu Kinderkrippen für Alleinerziehende. Die Lebenswirklichkeit im Jetzt zu akzeptieren ist ein Signum wertorientierten Denkens geworden. Der linke Flügel der SPD, die Linke sowieso und Teile der Grünen haben diesen Anschluss verloren. Den Chancen der Globalisierung oder neuen Technologien blinzeln sie unsicher entgegen. Eine Traumsituation für die Union? Nein, denn die neuen Wertkonservativen machen am Wahltag nicht automatisch bei der Union ein Kreuz.

Ob sie die Union wählen, ist fraglich

Die Union geht gestärkt aus der letzten Legislatur hervor. Ihr Personal, ihre jungen Abgeordneten denken schon wie diese neuen Konservativen: pragmatisch, nicht ideologisch. Das macht die Partei natürlich sprachlos in die Richtung ihrer alten Kernklientel. Wenn in einer Grundsatzdebatte, dem Fernsehduell, eine CDU-Kanzlerin das Wort “Werte” oder den Begriff “christlich” nicht mehr in den Mund nimmt, ist klar, wer abgehängt ist: das Kernklientel der Union. Der Preis dafür sind heute 33 Prozent. Auf lange Sicht wird sich das auszahlen. In einem Fünf-Parteien-Bundestag ist Pragmatik gefragt. Gesellschaftspolitisch wird die CDU nicht mehr hinter 2005 zurückfallen.

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