Calderón hat nie die Verantwortung übernommen. Sergio Aguayo

Alles richtig gemacht

Jan Böhmermann stellt Erdogan eine Falle und der tappt hinein. Satire entlarvt, Erdogan ist entlarvt. Aber nicht nur er: auch das konservative deutsche Bürgertum steht bedröppelt da.

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Auf einmal sind alle Freunde der freien Meinungsäußerung. Wie gut das ist! Die Staatsaffäre Böhmermann beschäftigt das ganze Land, die Rollen sind richtig verteilt und werden richtig gespielt. Der türkische Präsident Erdogan ist längst der Verlierer, Angela Merkel die perfekte Bundeskanzlerin und Jan Böhmermanns “Neo Magazine Royale” ein moderner Klassiker von Gegenwartskunst, satirischer Kunst.

Das Gedicht hat einiges entlarvt

Selbstverständlich hat Jan Böhmermann den Trubel vorhergesehen, den sein “Schmähgedicht” hervorrufen würde. Der Text hat einiges entlarvt, genau so, wie es gute Satire soll. Nein, nicht etwa nur das Gottesgnadentum eines Herrn Erodgan, der sich als Reinkarnation des osmanischen Sultans begreift. Das Sultanat ist untergegangen und der Spross einer Familie vom schwarzen Meer möchte der perfekte Türke sein. Als Politiker bedient er sich ähnlicher demagogischer Rhetorik wie all die anderen Autokraten der Gegenwart: er sei aus einer Familie aus dem Volk und nicht etwa aus der kemalistischen Elite. Er ist also genau die Art von Agitator, dem Böhmermann mit seinen als Satire erkennbarem rassistischen Gedicht begegnet. Erdogan bekommt also einmal in der Weise zurück, wie er selbst austeilt. Und siehe: er kann nichts einstecken. Über 1800 Klagen führt der Islamist in seinem Heimatland gegen Menschen, von denen er sich beleidigt fühlt.

Entlarvt wird das Bürgertum, das konservative deutsche Bürgertum, das sich seit neuestem ja gegen Überfremdung, Flüchtlinge und Islam positioniert und sich nunmehr, in seiner neuesten Volte, zu einem Verteidiger der Meinungsfreiheit aufschwingt. Böhmermann ist dabei völlig egal, denn es geht gegen die Türken und gegen den Islam. Die Kanzlerin wird von dem Stoiber-Seehofer-Versteher-Establishment geschmäht, weil sie nicht hart gegen Erdogan war, also nicht so ein harter Hund wie ein Putin, also der Premium-Spezl von Stoiber und Seehofer.

Kanzlerin hat alles richtig gemacht

Die Kanzlerin hat allerdings die Sache absolut richtig gehandhabt: der Paragraph, der Majestätsbeleidigung regelt, wird fallen. Solange er noch besteht, wird er rechtsstaatlich angewendet. Gerade das konservative Bürgertum wird doch zustimmen, dass, paraphiertes Zitat, “Ziegenficker, dessen Eier nach Döner stinken”, durchaus als Beleidigung aufgefasst werden kann. Böhmermann hat Erdogan eine Falle gestellt und der hat es nicht gemerkt und ist hineingetappt, wie weiland Günter Jauch auf den aufmontierten Mittelfinger von Yannis Varoufakis hereingefallen ist.

Die übergeordnete Frage bleibt: was darf Satire? Sie darf solange alles, wie sie etwas aufdeckt, was sonst verborgen bliebe. Ein Bischof, der einem gekreuzigten Jesus einen bläst, ist sicher verletzend für den einen oder anderen Katholiken, aber angesichts des Ausmasses des Missbrauchsskandals eine legitime Form der Aneignung des Themas. Auch über den Islam und Akteure, die in seinem Namen handeln, darf und muss in diesem Sinne Satire gemacht werden dürfen. Satire sind Karikaturen beispielsweise nicht mehr wo sie, in einer Vorpogrom-Stimmung, wie sie heute vielerorts gegen Muslime generell herrscht, Muslime pauschal herabwürdigt. In diesem Sinne wurden die so genannten Mohammed-Karikaturen in Dänemark vor 12 Jahren ja gezeichnet: als Affront gegen die muslimische Minderheit in Dänemark.

Auch die immer wieder auftauchenden antisemitischen Anspielungen in der Karikaturen-Welt der Süddeutschen Zeitung aus dem Stoiber-Seehofer-Land Bayern sind unerträglich. Das ist keine Satire mehr, dass ist Diskriminierung unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit. Das hat sich Böhmermann nun wirklich nicht zu schulden kommen lassen: Er hat einen Mann, der sich für sehr mächtig hält, als trotziges Kind und unsouveränen Heißsporn entlarvt. Genau das ist Satire. Das darf Satire und das muss Satire.

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