Ein Dreißigjähriger Krieg

Alexander Görlach15.11.2015Außenpolitik, Europa

Die Welt ist mit dem 11. September 2001 in eine neue, gewaltsame Ära eingetreten. Am Ende wird es weniger Religion auf der Welt geben, so wie im Europa nach 1648. Humanismus und Aufklärung werden das Siegesbanner davon tragen. Vor uns liegen düstere Jahre.

Die Anschläge von Paris und Beirut belegen, dass der islamistische Terrorismus nicht besiegt ist, das Gegenteil ist der Fall. Der 11. September war der Auftakt, der Beginn eines Krieges. Die Dschihadisten von Al Qaida, Boko Haram und IS wähnen sich im Besitz einer umfassenden Wahrheit. Sie durchzusetzen, behaupten sie, sei Allahs Wille und sein Auftrag für sie. Dabei ist Chaos und Untergang Teil der Gleichung. „Ihr liebt das Leben, wir den Tod“ schreiben sich die perfiden Terroristen auf die Fahnen. Nicht das Christentum, nicht der Kühlschrank oder die Coca Cola – alles ist ihnen verhasst, was sich nicht mit mieser Miene und apokalyptischem Furor ihrer eingebildeten Wahrheit beugt. Die größte Opfergruppe sind nach wie vor Muslime, die dem Weltbild dieser Radikalen ein Dorn im Auge sind.

Es gibt kein Vertun: wir, im Osten wie im Westen, im Morgen- und im Abendland, können diese Perversen nur mit Gewalt schlagen und unter Einsatz von Soldaten, Drohnen, mit der Hilfe von geheimdienstlicher Erkenntnis und dem traurigen Bewusstsein, dass es viele Tote geben wird, leider auch Zivilisten. Die Größe unserer Kultur wird darin bestehen müssen, ob sie Maß halten kann, ob sie sich bremsen kann, dem absoluten Terror nicht mit absoluter Aufgabe ihrer Werte zu begegnen. Den USA ist dies nicht geglückt, und viele Länder im Westen ringen nach wie vor mit dem maßvollen Zueinander von Freiheit und Sicherheit.

Aber klar ist: es gibt einen Feind und dieser Feind will uns zerstören. „Uns“ sind alle, die sich in ihrem Leben an den Werten des Humanismus orientieren. Das ist die Mehrheit, in Paris und Beirut, das wir, in Europa, das „Paris des Nahen Ostens“ nennen. Wir mögen ein verschiedenes kulturelles und religiöses Erbe haben, aber wir sind doch alle Menschen.

Ihr liebt das Leben, wir den Tod

Dieses ursprüngliche Menschsein, sieht im Anderen erst einmal sich selbst, im Sinne der Goldenen Regel, die nicht nur das Neue Testament zitiert, sondern die sich, in ähnlicher Form, in allen religiösen Traditionen der Menschheit findet. Jede Form der identitären Fremdzuschreibung, die mit Abgrenzung zu tun hat, ist eine Abkehr von diesem dort formulierten universellen Mitgefühl, das wir füreinander zu empfinden in der Lage sind. Geweinte Tränen um einen durch ein Attentat ums Leben gekommenen lieben Menschen sind gleich, universell verstehbar, reißen Mauern des Trennenden nieder. Wir sind alle Menschen, in Beirut und Paris.

Deswegen stehen gewaltsame Radikalisierung im Widerspruch zur Religion, denn diese Handlungsmaxime der Goldenen Regel gilt in allen Religionen, also auch für Muslime. Es geht also, für Muslime oder Nicht-Muslime, nicht darum, die gewaltsamen Textstellen des Koran gegen die Friedvollen aufzuwiegen, abzuwiegen und zu erklären, wie der Text zu verstehen ist: die gewaltvollen Suren des Koran selbst stehen in massivem Widerstand gegen das Wesen jeder in der Goldenen Regel geoffenbarten Religion. Die Mehrheit der Muslime spürt das genauso wie es Christen spüren und wie es mit der Vernunft auch für Nicht-religiöse Menschen einsehbar ist. Es geht nicht um das Medium der Offenbarung, sondern um ihren Adressaten: den Menschen. Das empfinden, so hoffe ich, viele Christen und Muslime gleichermaßen, wenn im Namen ihrer Religion Menschen gemartert und getötet werden. Die Kritik an der Offenbarung liegt in der Offenbarung selbst: denn der Mensch, wenn er sich an die Maxime des Menschseins hält, kann jeden Aufruf zur Gewalt in seiner Heiligen Schrift als nichts weniger als falsch auffassen und ablehnen. Er begehrt damit nicht gegen Gott auf, sondern gegen die Orthodoxie der verfassten Religion, die im Verlauf der Geschichte, machen wir uns nichts vor, besser im Geschäft der Abgrenzung als in der Umarmung ist. Für uns Christen im Westen ist dieser Zusammenhang schmerzlich über die Jahrhunderte klar geworden.

An der Abgrenzung haben immer viele verdient

Der Islamismus ist ein missgebildeter Spross der Globalisierung. Die Angst vor dem Anderen, der so nahe kommt, durch neue Verkehrsmittel, dem Internet und einer Echtzeitkommunikation rund um den Globus. Diejenigen, die glaubten die Pründe exklusiven Wissens in der Hand zu halten, müssen sehen, wie ihre Macht schwindet. Gewalt bricht sich daher überall in der Welt Bahn; es sind verzweifelte Versuche, das Zusammenrücken abzuwenden. Denn an der Abgrenzung haben immer viele verdient.

Der neu erstarkende Humanismus, den wir zur selben Zeit erleben, ist hingegen das vornehmste Kind der Globalisierung: im Sehen und Anerkennen des Anderen, der wie ich ist und der nur einen Mausklick entfernt lebt, liegt ein Potenzial, das alle bisher gekannten Schranken von Rasse, Religion und wie sie alle heißen für immer aus der Welt vertreiben kann. Haben wir wirklich geglaubt, wir bekommen das kampflos? Haben wir wirklich geglaubt, die alten und neuen Vertreter ausgrenzender Ideologien, Weltanschauungen werden dies hinnehmen?

Der wiedererstarkende Nationalismus, der religiöse Fanatismus, er feiert von Indien bis nach Brasilien fröhliche Urständ. Der radikale Steinzeit-Islam ist das übelste Geschwür unter ihnen, die Beulenpest, die sich unserer menschlichen Zivilisation bemächtigen will. Aber auch die verbale Aufrüstung gegen Flüchtlinge, die wir in unseren europäischen Gesellschaften erleben, sind schon längst Teil der kriegerischen Auseinandersetzung, die bislang, Gottseidank, noch nicht auf deutschem Boden mit Bomben und vielen Todesopfern angekommen ist. Bei uns werden derzeit Flüchtlinge verprügelt und ihre Notunterkünfte in Brand gesteckt. Das ist auch eine perfide und falsche Form, die Globalisierung zu negieren. Denn hier ist die Nähe des Anderen keine im Facebook-Chat oder auf dem Fernsehbildschirm, sondern eine reale.

Friede ohne Gott

Die Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak kommen zu uns, weil sie genau vor den Menschen fliehen, die in ihren Heimatländern mit Bombengürteln ihren Hass gegen die sich neu formierende Menschheitsfamilie ausrichten. Und werden in Deutschland mit Eisenstangen und Brandsätzen begrüßt von denjenigen unter uns, die mit der Freiheit, die ihnen unser Leben heute anbietet, nichts anfangen können. Die Flüchtlinge, so müssen wir uns immer wieder sagen, kommen nicht zu uns, weil sie Verlierer der Globalisierung sind, sondern Opfer derer, die in der Globalisierung die größte Gefahr für ihr enges Weltbild sehen.

Es geht in diesem Dreißigjährigen Krieg um nicht weniger, als ob die Moderne sich als Raum der Freiheit vollenden lässt oder ob der als Postmoderne beklagte Abgesang auf die Freiheiten der Neuzeit sich vollendet und uns zurück in eine fast vergessene Dunkelheit bomben wird. Am Ende wird es, so wollen wir hoffen, einen großen Raum der Empathie und des Miteinanders geben, der von Toleranz bestimmt ist und dessen Gesellschaftsvertrag so geschlossen wird, etsi Deus non daretur, als ob es Gott nicht gäbe. Wenn uns das gelingt, vollenden wir die Moderne und machen für immer die Ziele zunichte, wegen derer die Dschihadisten heute gegen uns in den Krieg ziehen.

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