Muhammad ist wie Jesus

Alexander Görlach2.10.2015Gesellschaft & Kultur

Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad hat in einem Buch alte Stereotypen über den Propheten der Muslime ausgepackt und neu kompiliert. Das ist keine Sternstunde der Religionskritik.

Dass Muhammad ein Menschenschlächter sei, der Völker vor sich her und in sein Schwert trieb, dass er ein Kind geheiratet habe; all das sind Vorwürfe, die keineswegs neu sind, sondern schon seit hunderten von Jahren gegen ihn ins Feld geführt werden. Nun hat der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad diese Ressentiments neu kompiliert. Es wird eine große Anhängerschaft finden, davon ist auszugehen. Eine zivilisierte und vor allem wissenschaftliche Religionskritik sah im Abendland meist anders aus. Diese Kritik war in ihrem Kern eine Offenbarungskritik: kann es sein, dass ein Gott in diese Welt spricht? Warum tut er das? Wen wählt er als Adressat aus? Aus dieser Offenbarungskritik erwuchs die Institutionenkritik an der Kirche und ihrem Machtanspruch – den sie ja aus der Offenbarung ableitete.

Die meisten Menschen des Westens sind in der Konsequenz dieser Jahrhunderte alten Offenbarungskritik metaphysisch unverdächtig: Religion, das ist das gute Erbe der Aufklärung, trägt zu Wertevermittlung bei, ist Stütze der Moral, sittliche Frommung. Aus dem Theologisch-Dogmatischen, den Ursachen für die Glaubensspaltung und den Dreißigjährigen Krieg, treten die Moral und die Ethik in den Vordergrund, um den Menschen dabei zu befördern, ein gutes und gelingendes Leben zu führen. In einem solchem geistigen Umfeld von einem christlichen oder atheistischen Europa zu sprechen, führt auf eine falsche Fährte. Der Westen des Kontinents hat keine religiösen Wurzeln mehr in dem Sinne, als dass ein bestimmter Offenbarungsglaube seine Bewohner dazu führen könnte, zu den Waffen zu greifen. Elias Canetti stellt das in seinem unübertroffenen Werk “Masse und Macht” in den Zusammenhang: die Menschen in Europa glauben nicht mehr an das Jenseits. Das macht eine Mobilisierung durch das Christentum unmöglich.

Religionen schaffen die großen Narrative

Bis zu den Kreuzzügen blieben Kirchenfürsten standhaft, wenn weltliche Kriegsherren ihnen antrugen, den Soldaten doch ewiges Leben zu versprechen, wenn sie im Kampf möglichst viele Ungläubige töteten. Das legte der Historiker Thomas Asbridge in seinem Werk über die Kreuzzüge ausführlich dar. Erst eine Überzahl junger abendländischer Männer, die als Ritter herum vagabundierten und zur Gefahr für die einheimische Bevölkerung wurden, brachten die päpstliche Abwehrhaltung zu Fall. Was die jungen, machthungrigen Christenmenschen im Heiligen Land an Blutbad und Massaker anrichteten, davon sind die Geschichtsbücher voll. Umso verwunderlicher scheint die Tatsache, dass das große erste Kreuzzugsheer nach Asbridges Ausführungen auf dem Weg nach Konstantinopel seinen Proviant gekauft und nicht erbrandschatzt habe. Aber das ist nur eine Randnotiz.

Heute stellt das Jenseits keine Verlockung mehr dar für viele Menschen, da sie kulturelle Christen und keine Gläubigen mehr im Sinne einer Metaphysik sind. Sie mögen in dieser Geisteshaltung, was eine Ironie der Geschichte ist, dem Wort und Beispiel Jesu Christi näher kommen, als die frommen Himmelseiferer vergangener Jahrhunderte. Die Parallele eines “Kultur-Isam” jedoch gibt es in der islamischen Welt nicht. Dort sind der Offenbarungsanspruch der Religion unberührt. Die Argumentation für die Wahrheit der islamischen Offenbarung besteht fort: Muhammad sei Analphabet gewesen. Da er nicht habe schreiben können, ist die Existenz des Koran ein Beleg für seine Offenbarung. Oder: da es zu Zeiten Muhammads keine Bücher gegeben habe und das Arabische in dieser schönen Form unbekannt gewesen sei, belege ein Buch allein und als solches schon seinen göttlichen Ursprung. Es ist vollkommen klar, dass für einen westlichen Hörer die vorgetragenen Argumente keinen Bestand haben. Denn die Koran-Forschung, die es ja gibt, weiß, dass der Kalif Uthman, einer der ersten Nachfolger Muhammads, aus den verschiedenen Versionen des Koran, die es damals gab, einen formte und alle anderen Varianten vernichten ließ. Der Koran weise, so die wissenschaftliche Forschung, Redigate auf: lange Suren vorne, kurze und kürzere hinten. Der Mehrheit der Muslime sind sich dieser Erkenntnisse nicht bewusst. In Ägypten beispielsweise, dem Heimatland Abdel-Samads, sind zwischen vierzig und fünfzig Prozent der Menschen Analphabeten. Zugang zu Bildung und alternativen Informationsquellen haben sie nicht.

Religionen, so schreibt der Historiker Yuval Harari in seinem Buch “Sapiens – A Brief History of Mankind” stehen der menschlichen Entwicklung Pate, in dem sie die neu errungene Fähigkeit des homo sapiens, abstrakt denken zu können, in Konzepte bündeln. Religionen schaffen die großen Narrative, die den Sapiens von seinen Weggefährten unterscheiden. Diese Narrative schaffen Vertrauen: in seine Bestimmung und für sein Ziel. Das ist nun rund 32 tausend Jahre her. Religiöse Narrative sind nicht die einzigen Abstrakte, die die weitere Entwicklung des Homo Sapiens bestimmen: das Vertrauen in eine bestimmte Währung zum Beispiel ist ein ähnlich abstraktes Konzept wie das einer Erbsünde, von der man sich unter bestimmten Bedingungen reinigen kann. Gesetzestexte, seien sie im Codex Hammurabi, in der Scharia oder im Kanonischen Recht niedergelegt, spiegeln eine allgemeine Befähigung zum Abstrakten. Harari nimmt in seinem Buch ein ökonomisches Beispiel, das einem in der Geschäftswelt täglich begegnet: eine Firma ist eine anderes Rechtssubjekt als eine Privatperson. Diese Neuerung, die eine mögliche Haftung bei der Company und nicht bei dem Unternehmer verortet, habe nach Harari überhaupt erst das neuzeitliche Wirtschaften möglich gemacht. Der Wandel von politisch abstrakten Modellen ist ebenfalls geläufig: bis zu einem gewissen Punkt glaubten die Franzosen an den König, an sein Gottesgnadentum. Ab einem bestimmten Punkt dann an die Republik und die universellen Rechte des Einzelnen.

Ein Bollwerk gegen Rassenideologie und Fremdenhass

Würden die Europäer denn für ihren freiheitlichen, liberalen Staat zu den Waffen greifen? Gibt es einen freiheitlichen Narrativ? Es gibt verschiedene, die unterschiedlich stark wirken: es kommt nicht von ungefähr, dass in Frankreich, dem Land mit dem mächtigsten nach-religiösen Narrativ, die Trennung von Kirche und Staat am weitesten fortgeschritten ist. Der Narrativ von der Republik aller Franzosen ersetzt die Erzählung von Frankreich, dem ältesten und vornehmsten Kind der katholischen Kirche. Wenn heute ein französischer Präsident, ein Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien oder eine Bauersfrau aus der Bretagne das Wort „République“ aussprechen, dann hören wir in allen Winkeln Europas noch einen semantischen Zusatz, der die Eigenart der französischen Geschichte, ihrem eigenen Narrativ, verbunden ist.

In Deutschland ist dieser säkulare Narrativ sehr schwach ausgeprägt. Nach zwei verheerenden Diktaturen im Zwanzigsten Jahrhundert ist das Land weit davon entfernt gewesen, sich jenseits eines religiösen Narrativ zu positionieren. Es ist sogar umgekehrt: nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs tritt das Christentum, das von der Arbeiterbewegung, der Moderne, Bismarck, Nietzsche und dem Darwinismus zermahlen wurde, wieder – vollkommen verständlich angesichts der Ermangelung von Alternativen – in vollem Ornat und so mächtig wie lange nicht mehr in die Geschichte des Landes ein: die Verantwortung des Menschen vor Gott steht in der Verfassung als bleibende Ermahnung, dass die Selbstüberhebung des Menschen, die die Nationalsozialisten in ihrer Interpretation von Nietzsche und Darwin den Deutschen als Vollendung der Geschichte angeboten haben, aber nur in Konzentrationslager und totale Zerstörung münden konnte. Wenn heute vor allem im Osten des Landes „Patriotische Europäer zur Rettung des Abendlandes“ den säkular verbrämten Mythos vom christlichen Europa auf ihre Fahnen schreiben, dann kann man nur erneut eine Umwertung aller Werte, dieses Mal derer des Grundgesetzes, zur Kenntnis nehmen. Die Symbole und die Rhetorik des Christentums, als Bollwerk gegen eine Wiederkehr der Rassenideologie und des Fremdenhasses nach dem Krieg eingesetzt, dienen heute den Feinden der Freiheit als Maskottchen auf ihrem Reinigungsfeldzug. Es gilt das Wort Max Liebermanns, dass man gar nicht so viel fressen kann, wie man kotzen möchte.

Der politische Islam ist am Ende

Das Christentum ist ein bleibendes historisches Vermächtnis, keine Handlungsanleitung für die politische Ordnung. Die Bibel ist schon lange keine „Rechtleitung“ für die Politik, wie Muslime den Koran nennen. Manche Muslime mögen meinen, dass hier ein Machtvakuum besteht, weil sie politisches Denken mit Religiösem, Dogmatischem und Missionarischem verflechten. Es gibt aber kein Machtvakuum, denn es gibt auch andere als religiöse Narrative. Die Deutschen werden sich dessen im Moment ebenso bewusst wie die Europäer. Die Flüchtlinge sind nicht der Grund, sondern der Anlass. Wichtig ist, dass sich in Europa die verschiedenen Formen des Säkularismus nicht gegeneinander ausspielen und einen Windmühlenkampf veranstalten, wer nun die bessere Trennung zwischen Kirche und Staat hinbekommen hat. Die Trennung ist abgeschlossen, längst, und vor allem und am wichtigsten in den Köpfen von Getauften und Ungetauften. Eine kraftaufreibende Neuauflage dieses historischen Spektakels kann sich die Gesellschaft schenken. Denen, die Sorgen haben vor einem politischen Erstarkung des Islam in Europa – viele davon Muslime selber – können wir getrost die Antwort geben, dass der „politische Islam“, wie er seit dem so genannten Arabischen Frühling auf den Plan getreten ist, so wie er in Saudi-Arabien, in Pakistan, im Iran, im Jemen und von ISIS gelebt wird, am Ende ist. Weltweit fliehen die Menschen vor dieser Super-Herrschaftsform der Islamisten, die Abstimmung erfolgt mit den Füssen: die Mehrheit der Muslime möchten keine Theokratie, nein, sie wollen sie nicht.

Der historische Muhammad ist uns ebenso wie der historische Jesus unbekannt. Heute treten uns diese, sehr unterschiedlichen, Religionsstifter, über die Quellen und die Geschichte des Glaubens, deren Anfang sie waren, entgegen. Das „echte Leben“ dieser Figuren ist uns unbekannt. Es wird unterschieden in „Jesus aus Nazareth“ als historische Figur und in „Jesus Christus“, den geglaubten Gottessohn und Messias. Wir können daher, das muss man Herrn Abdel-Samad sagen, nicht bestimmen und wissen, wie diese historischen Figuren „wirklich“ waren. Wir kennen das meiste von ihnen nur als Behauptung ihrer Anhänger, was stets mit einer politischen Implikation versehen war, mit einem Herrschaftsanspruch. Das Pamphlet „Von den drei Betrügern“ ist eine Schmähschrift aus dem Frankreich der Aufklärungszeit. Darin werden Moses, Jesus und Muhammad derbe beschimpft und als Betrüger an der Menschheit dargestellt. Der Autor ist unbekannt, ein Abdel-Samad seiner Zeit. Dem Anspruch von Religion muss man aber anders begegnen: mit wissenschaftlicher Ruhe und aufgeklärtem Pathos: der Narrativ von 70 Jahren Friedensordnung in Europa ist Beleg dafür, dass weniger Nation und weniger Religion gut für den Menschen sind. Dafür müssen wir weiter werben, bei uns und in anderen Regionen der Welt. Wie Moses, Jesus und Muhammad „wirklich“ waren, das wissen die Götter.

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