Flüchtlinge rein!

Alexander Görlach15.09.2015Außenpolitik, Europa, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Das helle Deutschland hat sich für die Aufnahme von Flüchtlingen entschieden. Nun steht das Land vor immensen Aufgaben und davor die Wahrheit zu sagen: mehr Neuankömmlinge gehen nicht.

Nein, es geht nicht darum zu orakeln, wie weise oder unweise Frau Merkels Entscheidung war, zehntausende Flüchtlinge aus verschiedenen Kriegsgebieten der Erde in Deutschland aufzunehmen. Deutschland ist eine Demokratie und es kann nicht darum gehen zu versuchen, herauszulesen, was der Herrscher sich wann wo und wie gedacht hat. Das Bundeskanzleramt ist nicht der Kreml.

Das Volk hat entschieden, jedenfalls Teile davon, vielen Flüchtlingen eine Aufnahme in Deutschland zu ermöglichen. Das ist das „helle Deutschland“ und es ist mir allemal lieber als der ekelhafte Mob, der auf Flüchtlingskinder uriniert und Notunterkünfte anzündet – das „dunkle Deutschland“. Frau Merkel ist auf diesen Zug aufgesprungen, hat im letzten Moment wieder einmal entschieden, nachdem Wochenlang nichts zu hören war von ihr. Was wir nun haben, zehntausende Flüchtlinge auf deutschem Boden, kann zu einem guten Ende führen, oder auch nicht. Für den Moment ist es ein Sieg für die Kanzlerin: Das Genöle, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, kann eine vernunftbegabte Frau wie sie sicher nicht mehr hören. Die Diskussion in der Union ist nun mindestens zwei Jahrzehnte alt und noch immer werden vernünftige Redebeiträge wie die von CDU-Generalsekretär Peter Tauber zu einem Einwanderungsgesetz abgebügelt.

Die Zahlen liegen auf dem Tisch, aber das sind nur Statistiken. Deutschland braucht Zuwanderung. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren Arbeiter gefragt und das Land hat Jahrzehnte gebraucht zu verstehen, dass Menschen gekommen waren und keine atmenden Maschinen.

Das neue Amerika

Wenn Menschen verdinglicht werden, geht es immer schief. Deshalb muss Deutschland Zuwanderung um der Zuwanderung Willen wollen. Frisches Blut, frischer Geist. Die gegenwärtige Kriegssituation in Syrien, die desolaten Zustände im Irak und Afghanistan führen dazu, dass sich Menschen aufmachen, um nach Deutschland zu kommen. Deutschland ist das beliebteste Land der Erde, was das TIME Magazine im vergangenen Jahr als Ergebnis einer Studie publizierte. Wenn man die Menschen sieht, die Flüchtlinge willkommen heißen, dann versteht man auch warum.

Deutschland ist das neue Amerika, ein Land mit dem Menschen ihre Hoffnungen verbinden, in dem sie eine Zukunft sehen, in dem sie leben wollen. Sie kommen hierher, zu Fuß oder über das Wasser, mit einem diffusen Bild im Kopf, klar. Aber alles ist besser, als Bombennächte oder jahrelanges Vegetieren in Zeltstädten. Es ist vollkommen klar, dass dieser nun angestoßene Prozess nicht reibungslos gehen und mit Spannungen verbunden sein wird.

Aber: Das Engagement vieler Deutscher für die Flüchtlinge beschreibt einen neuen Narrativ unseres Landes, gibt den Impuls für ein Zusammen, zu dem Deutschland ein halbes Jahrhundert zuvor bei den türkischen Zuwanderern nie in der Lage war. Das ist natürlich beschämend, aber viele derer, die dafür politisch Verantwortung tragen, sind längst tot. Vergessen werden darf dieser Umstand aber dennoch nicht, denn die über drei Millionen Mitbürger in Deutschland türkischer Herkunft wollen auch beteiligt werden an der Integrationsarbeit, die nun geleistet werden muss. Hier hat der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mayzek, richtigerweise sofort Claims abgesteckt: für Neuankömmlinge müssen Regeln gelten. Es gibt schon Millionen Muslime, die in Deutschland leben, die mit ihren Steuern und mit ihrem guten Willen die jetzt zu leistende Arbeit mittragen müssen.

Respekt vor unserer Kultur und Religion

Die deutsche Aufnahmegesellschaft besteht schon längst nicht mehr nur aus Menschen weißer Hautfarbe und christlichen Glaubens. Unbestritten ist aber auch: ein syrischer Flüchtling wird, wenn er den Münchener oder Kölner Hauptbahnhof verlassen hat, von monumentalen Bauwerken begrüßt, deren Glocken läuten und an die Tatsache erinnern, dass er in einer neuen, anderen Kulturwelt gelandet ist. Es ist eben das Kreuz auf den Türmen unserer Städte und Dörfer und nicht der Halbmond. Und es ist an den Gästen in unserem Land zu zeigen, dass sie unsere Kultur und unsere Religion, die parlamentarische Demokratie und das Christentum, respektieren.

Viele derer, die aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan geflohen sind, werden erst einmal die Schnauze voll haben von Religion. Gleichwohl bringen sie den Islam als Teil ihrer Identität mit. Das kann gar nicht anders sein, denn das vollkommen Fremde, das ihnen, in Deutschland zwar meist freundlich, aber dennoch anders entgegentritt, führt zu einer vermehrten Innenschau und Anfrage nach dem, was einen selbst ausmacht. Umgekehrt ist es ja nicht anders, und die Kanzlerin hat völlig zurecht darauf hingewiesen, dass der Rückgriff auf das christliche Abendland bei gleichzeitigem sonntäglichem Tempelleerstand eine schiefe Argumentation ist.

Für die Christenheit in Deutschland bedeutet dies, dass auch sie angefragt sein wird. Sie müsste ja schon seit der Wiedervereinigung in Daueranfragemodus sein, denn zwölf Millionen wiedervereinigte Heiden im einstigen Kernland der lutherischen Reformation sollten die Frage nach der Zukunft unserer Religion schon längst in passender Dringlichkeit illustriert haben.

Einen Kultur-Islam, analog zum Kultur-Protestantismus oder Kultur-Katholizismus gibt es in den Herkunftsländern der Flüchtlinge freilich nicht. Hier ist Religion Synonym für das gesellschaftliche Leben und Dissidenz bedeutet daher häufig das Todesurteil. Hier kann nicht verlangt werden, dass Neuankömmlinge einen Schalter umlegen und auf einmal aufgeklärte Europäer sind. Wir werden für unser Modell werben müssen, der säkulare Rechtsstaat ebenso wie die Kirchen. Denn es ist nicht verboten, den Neuankömmlingen vom christlichen Glauben zu erzählen und sie dafür zu begeistern zu versuchen. Hier gibt es kein Gegeneinander zwischen säkularem und religiösem Modell: Religion gibt es in Deutschland nur und ausschließlich auf dem Boden der Rechtsstaatlichkeit und des Grundgesetzes. Christ werden muss niemand, der in Europa leben möchte, Demokrat schon. Das ist das Postulat, die Forderung der Aufnahmegesellschaft. Wer sich an diese Regeln nicht halten möchte, der muss sich ein anderes Refugium suchen.

Merkel ist auf den Zug aufgesprungen

Aber hier sollte das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden. Das Verhalten der reichen Saudis und Golf-Emirate, keine Flüchtlinge aufzunehmen, beschämt das harte Arbeiten der Türken, Jordaniern und Libanesen, die schon längst über alle Kapazitätsgrenzen hinaus sind. Solidarität zu erzeugen ist also nicht nur in Europa schwer. Ob das hartherzige Verhalten der Hüter der Heiligen Stätten am Ende nicht den Islam beleidigt? Das müssen die Muslime selbst entscheiden. Die Kohle für die 200 Moscheen, die die Saudis uns Europäern zynisch angeboten haben, können sie sich auf jeden Fall sonst wo hin stecken.

Es bleibt zu hoffen, dass die Flüchtlinge niemals vergessen, dass diejenigen ihre nackte Haut und Leben gerettet haben, die die feisten Kleriker in ihrer Heimat einfach nur „die Ungläubigen“ nennen.

Deutschland wird künftig anders aussehen. Das haben die Deutschen entschieden, jedenfalls der helle Teil von ihnen. Frau Merkel ist nur auf den Zug der Mitmenschlichkeit aufgesprungen. Ein Platz im Geschichtsbuch ist ihr dafür dennoch sicher.

Zur Aufgabe der Politik gehört nun die Nennung der absoluten Wahrheit, nämlich, dass dieses Land mit der Aufnahme von etlichen zehntausenden Menschen aus einer anderen Kulturwelt nun seinen Teil geleistet hat, um vor dem eigenen Gewissen, den eigenen Werten, der Geschichte und vor Gott bestehen zu können.

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