Sag mir nicht, Wandel sei unmöglich. Barack Obama

Ein Appell aus Fleisch und Blut

Wegen ihres Umgangs mit einem Flüchtlingskind wird Angela Merkel hart kritisiert. Machen wir uns lieber ehrlich in der Flüchtlingspolitik.

Der aus Österreich stammende jüdische Publizist und Verleger Lord George Weidenfeld hat eine Initiative für Christen gestartet, die aus dem Nahen Osten fliehen müssen. Sie ermöglicht diesen, nach Europa zu kommen und hierzubleiben. Weidenfeld selbst wurde als Kind nach seiner Flucht vor den Nazis nach England von einer christlichen Familie aufgenommen. Er möchte sich auf diese Weise für die Unterstützung, die ihm damals zuteil wurde, bedanken. Ein beachtliches Werk im Geiste von Geschwisterlichkeit und Versöhnung.

Davon war zu lesen in derselben Woche, in der die Bundeskanzlerin bei dem von ihrer Regierung initiierten Bürgerdialog auf ein Mädchen getroffen ist, das über den Libanon nach Deutschland geflohen war. Für das Kind ist unklar, ob es in Deutschland wird bleiben können. Das Mädchen, das am Ende der Antwort von Frau Merkel zu weinen begann, hat menschlich verdichtet, wenn ich es einmal so sagen darf, gezeigt, was die Krux ist: Ein Flüchtling ist ein Mensch, er hat einen Namen und ein Gesicht. Jeden einzelnen aufnehmen würde nicht gehen, aber jeder einzelne, der vor mir steht, ist ein Auftrag an mich als Mensch. Und er ist ein Appell aus Fleisch und Blut an die Politik, zu handeln.

Es wirkt in der Konsequenz zynisch, dass eben nur der Anrecht auf Empathie zu haben scheint, der es bis an unsere Küsten schafft, der hierherkommt. Und selbst hier in Deutschland, das ist das Traurige, können sich Flüchtlinge – Stichwort Freital oder Hamburger Nobelvorort – dieser Empathie, auf die uns das allgemeine Sittengesetz, das Grundgesetz und der christliche Glaube verpflichten, nicht sicher sein.

#merkelstreichelt ist der Hashtag, unter dem nun im Internet die Reaktion der Bundeskanzlerin kommentiert wird, mit der sie dem weinenden Flüchtlingskind begegnet ist. Es handele sich, so ist zu lesen, um „ein handfestes PR-Desaster“ für die Bundeskanzlerin. Ach wirklich? Das ist kein PR-Desaster: Es geht hier um ein Desaster für Menschen, echte, lebendige Menschen, die in dem Moment, in dem Sie das hier lesen, auf der Flucht sind, zu Land und zu Wasser. Wir, auch die, die jetzt wieder krakeelen, müssen einfach zugeben, dass diese Facette der Realität, in der wir leben, über unsere Möglichkeiten des Begreifens geht. Das wäre ehrlich.

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Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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