Nur Kinder, Narren und sehr alte Leute können es sich leisten, immer die Wahrheit zu sagen. Winston Churchill

Falsch gewählt

Gestern haben sture Menschen falsch gewählt, weil sie nicht wahrhaben wollen, dass das korrupte und ineffiziente System, in dem sie leben, sie in den Abgrund führt und nicht das böse Europa.

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Bis gestern wollten wir glauben, dass die Griechen einfach nur in Geiselhaft einer gestörten Regierung aus ganz linken und ganz rechen politischen Kräften geraten waren. Heute ist klar: Sie wollen eine solche Regierung und sie wollen – auf Teufel komm raus – ihren eigenen Vorteil.

Bevor jetzt der Shitstorm losgeht: Oft genug habe ich geschrieben, dass es nicht sein kann, dass ein Europäer hungert, und sei es am entlegensten Ort unseres schönen Kontinents. Aber die Griechen hungern nicht, weil wir asozial sind.

Menschen in Griechenland hungern, weil sie anders als die Spanier, die Portugiesen, die Iren – und auch die Deutschen, in einem anderen inhaltlichen und zeitlichen Kontext, ich spreche von den Hartz-Reformen – keine Veränderungen wollen. Ein Land ohne Katasteramt, wie unsere Kollegen vom Magazin „Cicero“ aufgeschrieben haben, erfüllt nicht die primärste Voraussetzung für eine funktionierende Volkswirtschaft. Das ist die Wahrheit, damit ist alles gesagt. Ohne Katasteramt keine Grundsteuer, ohne Katasteramt auch keine wirksame Vermögensteuer.

Der Staat selbst weiß noch nicht mal, welches Land ihm gehört. Also könnte er das Verkaufen griechischer Inseln, was als Polemik gefordert wurde, noch nicht mal als gültiges Rechtsgeschäft abwickeln. Eine Immobiliensteuer als Reaktion auf die Krise, wie in Italien, können die Griechen gar nicht erheben.

Was kostet die Welt?

Dem Land fehlt die Befähigung, im Konzert der europäischen Nationen mitzumachen, die den Euro haben. Merke: im Konzert aller anderen europäischen Nationen. Es ist eine Lüge, dass die Deutschen, dass Deutschland Schuld hat an der Misere in Griechenland. Es ist eine demagogische Behauptung einer demagogischen Regierung. Deutschlands Fehler, Merkels Fehler, war, zu glauben, dass die ideologischen Maximalforderungen, die Tsipras im Wahlkampf gestellt hat (kein Programm mehr, aber wir kriegen weitere Hilfen und bleiben im Euro) einer pragmatischen Amtsführung weichen werde. Taten sie aber nicht. Weil Ideologen an der Macht sind, denen die Menschen egal sind. Es geht um die Wahrheit. Ihrer Ideologie.

Natürlich ist es absolut wichtig und notwendig, über die Austeritätspolitik zu diskutieren. Man kann nämlich nicht alles kaputtsparen und dann auf Wachstum hoffen. Das ist aber nicht das Problem Griechenlands. Sein Problem ist, dass es ein Land ist, das vor zweitausend Jahren großartige Denker beherbergte und die Wiege der abendländischen Demokratie geworden ist, heute aber einer Bananenrepublik gleicht. Seine Vergangenheit hat den entscheidenden Ausschlag für die politische Entscheidung gegeben, Griechenland in den Euro mit aufzunehmen. Das waren nicht die bösen Jungs von Goldman Sachs, die haben den politischen Willen nur in Zahlen übersetzt. Das war eine verfehlte politische Entscheidung, sicherlich auch angeheizt von einem überbordenden Selbstbewusstsein der europäischen Partner: „Was kostet die Welt?“ Mehr als 200-Euro-Rettungspaket-Milliarden. Bislang.

Falsch gewählt

Ich bin ein großer Fan des Autors, Wissenschaftlers und Anarchisten David Graeber, der mit seinem Meisterwerk „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ eine hervorragende Grundlage dafür gelegt hat, das Schuldensystem, wie wir es kennen, abzuschaffen. Aber: Für diese Forderung, für die These, dass Schulden eben nicht zurückbezahlt werden müssen, ist Griechenland kein Beispiel. Kreditkartenschulden, Staatsschulden, die gehandelt werden, sind heute nicht das Problem Griechenlands. Das war ein Problem der ganzen Euro-Region vor fünf Jahren. Durch den Schuldenschnitt, den das Land 2012 erhalten hatte, wurde der totale Preisverfall seiner Staatsanleihen beziehungsweise die Zinsen, die das Land für die Aufnahme weiterer Schulden hätte zahlen müssen, signifikant abgefedert. Europa war bis an die Schmerzgrenze solidarisch.

Die griechische Regierung, die gerne andere als Terroristen tituliert, selber aber zumindest Erpresser in ihren Reihen duldet, drückt den Volkswillen aus, dass es, so wie es läuft, doch schon immer halbwegs gut gelaufen sei. Änderungen brauche es daher nicht geben. Und müsse es nicht geben: Weil die Europäer sich nicht trauen würden, das Land, das die Wiege der Demokratie ist, aus ihren Reihen auszuschließen.

Gestern hat sich nicht der geknechtete griechische Volkskörper gegen Schuldenlast, internationale Heuschrecken, das Kapital, die Merkel, oder was auch immer erhoben. Gestern haben sture Menschen falsch gewählt, weil sie nicht wahrhaben wollen, dass das korrupte und ineffiziente System, in dem sie leben, sie in den Abgrund führt – und nicht das böse Europa.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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