Die Bacon-Frage

von Alexander Görlach31.07.2015Gesellschaft & Kultur

Identität war noch nie so stark mit der Ernährung verbunden wie heute. Wollen wir das wirklich?

Ein lauer Abend auf einer Insel im Mittelmeer, eine Tafel vor einem weiß getünchten Haus, zehn Gedecke. Gleich kommen die Freunde vom Strand. Sie sind mit ihren Partnern für ein langes Wochenende hier. Ausspannen. In der Küche bereitet die Haushälterin Anita das Abendbrot vor. Die späte Sonne taucht die aufgetragenen Speisen vor den Augen der Freunde in ein rötliches Licht. Das einzige Rot am Tisch, denn es gibt keine Wurst.

Einer der Freunde, Cookie, passionierter Vegetarier und Berliner Restaurantbesitzer, war für seine Lieben einkaufen. Das Beste, was es gab, wie er versichert. Das heißt für ihn: nichts vom Tier. Wie in dem nach ihm benannten Restaurant Cookies Cream. Wenn man da satt werden will, muss man schon zwei Parmesan-Knödel in Parmesansoße essen, um ein Völlegefühl im Bauch zu erhalten.

Wir hatten gemeinsam eine großartige Zeit auf der Insel, aber niemand, der nicht schon einmal in die Situation kam, kann sich ausmalen, was für ein großartiges Gefühl es für mich war, als ich, nachdem die anderen im Bett waren, bei meiner Suche ganz hinten im Kühlschrank unerwartet auf einige Scheiben Schinken gestoßen bin. Anita hat mich bei der mitternächtlichen Genussorgie ertappt. Sie hütete fortan mein Geheimnis.

Jeder nach seiner Façon – nur nicht beim Essen?

Wenn man mit Freunden verschiedener Ernährungs-Konfession unterwegs ist, gerät man schnell in Rechtfertigungsdruck. Neben den Vegetariern gibt es Veganer, Anhänger der Steinzeit-Ernährung (Paleo), es gibt Menschen, die verzichten auf Zucker oder Gluten. Manche, weil sie gesundheitlich müssen, andere, weil sie es wollen. Einer bei uns im Freundeskreis hat die Splittergruppe des „95-Prozent-Vegetariers“ gegründet, um seine ab und an aufwallende Lust auf Fleisch vor dem Universum rechtfertigen zu können. Das ist wie bei uns Katholiken, wo eine Reise, ein fremder Tisch oder der leichte Anflug von Krankheit das Freitagsverbot für Fleisch auszuhebeln in der Lage ist.

Gruppenbildung über Identität war noch nie so sehr mit einem Ernährungsstil verbunden wie heute. Ohne Frage, ich bevorzuge Bio-Fleisch aus der Region und ächte Massentierhaltung. Fleisch als Kulturgut (Sonntagsbraten) wird durch unseren Flatrate-haften Konsum herabgewürdigt. Dass wir zu viel Fleisch essen, ist keine aus dem Rahmen gefallene These.

Aber die Wahrheitsfrage damit verknüpfen? Was für die Religion bei uns schon seit Längerem gilt (jeder nach seiner Façon), kann doch auch weiterhin für das Essen gelten, oder nicht? Wenn die Zahl der Vegetarier zunimmt, dann würde der Druck auf faires Rind, Pute und Schwein doch ohnehin nachlassen. Warum also in unserer Gesellschaft ein calvinistisch-talibaneskes Gebaren an den Tag legen, um den verbliebenen Fleischessern die Lust zu verleiden?

Bei aller Liebe für das Notwendige, was es an Fleischproduktion zu ändern gibt: Ich esse es gern und möchte in Zukunft nicht schief angeschaut werden, weil ich nicht das Sellerie-Blumenkohl-Quinoa-Surrogat für eine Pfeffersalami beklatschen möchte.

Am Sonntag hat Anita dann Bacon zum Ei gemacht. Ich war nicht der Einzige am Tisch, der das gut fand.

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