Kultur ist keine Freizeitbeschäftigung | The European

Wir haben eine Kultur der Kulturfeindlichkeit

Alexander Estis31.01.2021Medien, Wirtschaft

Die Kulturwelt ist paralysiert. Aber damit nicht genug: Ein Blick in die Feuilletons verrät, dass sich darüber hinaus eine kulturfeindliche Stimmung breitmacht. Wie auch immer man zu den staatlichen Maßnahmen stehen mag – den Wert von Kultur in dieser Zeit auch noch ideell herabzusetzen, zeugt von mangelndem Verständnis für die Funktionsweise unserer Gesellschaft.

Frau mit Maske im im leeren Kino, Quelle: Shutterstock

Nachdem die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie verabschiedet und damit Kulturveranstaltungen untersagt wurden, brachten Akteure der Kulturbranche in Deutschland, Österreich und der Schweiz ihren Protest und ihre Bestürzung zum Ausdruck – ob in kleinen Video-, Bild- und Textbeiträgen im Internet, mittels großangelegter Aktionen (wie etwa der einfallsreich inszenierten globalen Stummschaltung unter dem Hashtag #sangundklanglos) oder aber in Form von Zeitungskommentaren.

Doch macht sich in den Feuilletons vermehrt auch ein anderer Tenor breit: Wie wohldressierte Zirkuspudel beugen Kulturredakteure und prominente Kulturschaffende nicht nur den Maßnahmen selbst den Rücken, sondern stimmen mit ihrem devoten Winseln artig ein in das erschreckend kulturfeindliche Kommandogebrüll der Politik: Hochprivilegierte Autoren und festangestellte Redakteure verordnen Kulturschaffenden mehr Zurückhaltung und Bescheidenheit oder gar Demut – während, von dieser Rhetorik der Ignoranz sekundiert, Existenzen zugrunde – und Künstler sogar in den Freitod gehen, Einrichtungen schließen, Berufsausübung verhindert wird, Ersatzleistungen für Soloselbständige ausbleiben[1] und Antragsteller aufgrund von Formfehlern verklagt werden[2]. Doppelt zynisch: Dafür, dass sie Kolleginnen und Kollegen auf unsensible Weise abkanzeln, erhalten diese feuilletonistischen Prediger der kulturellen Selbstaufopferung Honorare und Gehälter, welche anderen – beispielshalber Musikern oder Schauspielern – in der Krise versagt bleiben müssen.

Gern zeigen sich die medial präsenten Kulturmenschen bereit zur botmäßigen Selbstanklage. Insbesondere der Vorwurf des Elitismus erschallt allenthalben. Doch auch ein Klima der Angst, Doppelmoral, Sexismus herrsche, so der Demutsschrei der Wiener Theaterkritikerin Karin Cerny, im Kulturbetrieb.[3] Zweifellos, all dies ist dort leider reichlich zu finden – nicht weniger jedoch in anderen Lebensbereichen, erst recht nicht in der freien Wirtschaft. Nicht zuletzt in Familien, die bekanntlich einen wesentlichen Ansteckungsherd darstellen, soll es Doppelmoral und sexualisierte Gewalt geben; nach der kruden Denkart von Frau Cerny sollten wir also auch einem Verbot von Familienbildung willfährig zustimmen.

Auch Manuel Brug sieht in einem Neubeginn nach Corona eine willkommene Chance für die Hochkultur, über deren allgemeinen Niedergang er sich in der Welt[4] kalauernd ereifert. In einer halbseitigen Tour de Force durch die Kulturgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts profiliert der Feuilletonist die Inferiorität alles Modernen gegenüber dem Früheren: Wir Heutigen »wurschteln weiter«, doch der »literarische Expressionismus kotzte sich das große Töten aus der zerscherbten Schriftstellerseele.« An der stilistischen Eleganz dieser Metaphernreihe – oder sollte man, um im gleichen Bild und auf gleichem Niveau zu bleiben, eher sagen: dieses Metaphernreiherns? – bemerke man sofort: Dem ästhetischen Urteil des Autors darf man sich fraglos anvertrauen.

Doch selbst wenn man seine brüske Kritik an der Jetztzeit streckenweise durchaus teilen möchte (»Epoche des Eklektizismus«, »Avantgarde – das gestrige Spiel«), bleibt nebulös, was eine pauschalisierte Diskreditierung des zeitgenössischen Kunstschaffens zu den Problemen beitragen könnte, welche wir derzeit zu gewärtigen haben; sein Kulturpessimismus scheint jedenfalls dem Grundton der politischen Agenda gegenüber legitimatorisch-subalternen Charakter zu besitzen: »Die [Künstler] lecken Wunden, weil sie erkannt haben, dass sie doch nicht ganz so systemrelevant sind, wie sie womöglich dachten.«

In ihrem Kommentar »Peinliche Kurzsichtigkeit«[5] forderte die mehrfach mit hochdotierten Preisen bedachte Autorin Nora Bossong von den Kulturschaffenden mehr Verständnis für die kaum nachvollziehbare Benachteiligung kultureller Zusammenkünfte gegenüber kirchlichen (trotz minimalem Infektionsrisiko müssen Kulturveranstaltungen ausfallen, während Gottesdienste weiterhin gestattet bleiben). In ihrem Plädoyer beruft sich Bossong zunächst auf das Grundgesetz, welches der Religionsausübung eine positive, der Kulturpraxis nur eine negative Freiheit zuspreche; während Artikel 4 die »ungestörte Religionsausübung« garantiere, solle »Artikel 5« lediglich Zensur verhindern: »Dort geht es um Freiheit zur Ausübung, hier geht es um Freiheit von Zensur.« Daher werde das Grundgesetz weiterhin gewahrt und die »fundamentalen Grundrechte« seien unverletzt.

Selbst einem juristisch unbewanderten Leser fällt schnell auf, dass diese Darstellung an Krudität kaum zu überbieten – und einer sinnentstellenden Collage des Gesetzestextes geschuldet ist. Nun, Bossong ist keine Juristin; darf man aber, den juristischen Anspruch ihres Kommentars vorausgesetzt, nicht auch von einer Schriftstellerin, zumal einer so politischen, einen etwas weniger sorglosen Umgang mit dem Wortlaut des Gesetzes und etwas mehr Geschick in der Auslegung von Texten erwarten? Es wäre überdies ein Leichtes gewesen, sich Kenntnis davon zu erlangen, dass Rechtsexperten just die gegenteilige Meinung vertreten, nämlich dass die Benachteiligung von Kulturinstitutionen rechtswidrig ist.[6]

Freilich hat Bossong nicht nur juristische, sondern auch historische Argumente auf Lager, um die Religionsfreiheit in ihrer Wichtigkeit herauszuheben und sie gegenüber der Kunstfreiheit aufzuwerten: »Die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs«, werden wir unterrichtet, »fußten auf Unterdrückung von Religion«. Spräche hier keine preisgekrönte Autorin, würde man eine derartige Trivialisierung der Historie am liebsten mangelnder Ausdrucksfähigkeit zuschreiben.

Angeblich sind es aber gerade die anderen, nämlich die protestierenden Kunstschaffenden, die Religion gegen Kultur ausspielen. Diese könnten, so Bossong, »in peinlicher Kurzsichtigkeit und narzisstischer Arroganz« kein Verständnis »für andere Bereiche des menschlichen Lebens aufbringen«. Kurzerhand attestiert sie den Gegnern des Kulturlockdowns, dass sie Gefahr laufen, »in üblen Populismus abzurutschen«, und vergleicht sie mit Menschen, die sich gegen Flüchtlingshilfe aussprechen.

Mag es auch einzelne – von mir freilich nirgends wahrgenommene – Stimmen geben, welche in ihrer Aggression eine derartige Diffamierung verdienen, so geht es den Kritikern der Maßnahmen in ihrer Mehrzahl eben nicht darum, Religion gegen Kultur abzuwägen, sondern im Gegenteil eine nicht zuletzt rechtlich gebotene Gleichbehandlung beider gesellschaftlicher Bereiche einzufordern. Umgekehrt ist es Nora Bossong, die ihren eigenen Kolleginnen und Kollegen voll herablassender Belehrung eine Lektion in Demut zu erteilen versucht, indem sie religiöse Zusammenkünfte über das kulturelle Wechselgespräch stellen will – und so den gerade auch im Grundgesetz verankerten hohen Wert der Kunstfreiheit für eine demokratische Gesellschaft in Verruf bringt. Immerhin bleibt sie auf diese Weise dem Regierungskurs der CDU treu, was nicht zuletzt an der frappanten Passung ihrer Argumente zur Position der religionsaffinen Kulturstaatsministerin Monika Grütters ablesbar ist.[7]

Den endgültigen Tiefpunkt dieser Abwärtsspirale kultureller Selbstentwertung markiert der Kommentar »Schlicht nicht systemrelevant«[8] von Thorsten Jantschek, seines Zeichens Abteilungsleiter des Ressorts »Aktuelle Kultur und Politik« bei Deutschlandfunk Kultur. Hier beschwert sich ein weiterer Kulturmensch über sich beschwerende Kulturmenschen: »Dann geht wieder das Gejammer los: Wie kann man denn bloß ein Opernhaus mit einer Fitnessbude oder einer Spielhölle vergleichen. Das ist, mit Verlaub, aber ein ziemlich elitäres Argument. Es unterstellt, dass Kulturveranstaltungen – wegen ihrer Bedeutung – nicht zum Freizeitbereich zählen würden. Das heißt doch, dass in der Freizeit eigentlich nichts Wichtiges geschieht, jedenfalls nichts kulturell Bedeutendes. Was natürlich Unsinn ist. Schließlich liest man Kindern auch in der Freizeit vor, oder man liest selbst, schaut iranische Kurzfilme … «

Diese Einlassung ist nicht nur inhaltlich von Grund auf falsch, sondern schon in ihrer logischen Struktur vollkommen verquer: Wenn man konstatiert, dass Kultur nicht mit Freizeit gleichzusetzen sei, bedeutet das mitnichten, dass nichts kulturell Wertvolles in der Freizeit geschehe. So bilden sich viele in ihrer Freizeit – Herrn Jantschek könnte man etwa die Lektüre eines Logiklehrbuchs empfehlen –; trotzdem gehört Bildung nicht primär in den »Freizeitbereich«. Gerade für Kulturschaffende ist Kultur eben auch keine Freizeitbeschäftigung – außer vielleicht für Kulturredakteure beim Deutschlandfunk.

Warum sollte es außerdem elitär sein, im Hinblick auf den kulturellen Wert eine Differenz zwischen Opernhäusern und Fitnessbuden zu konstatieren? Es würde schließlich auch niemand bestreiten wollen, dass letztere der Gesundheit deutlich zuträglicher sind als erstere. Keine dieser beiden Feststellungen ist elitär. Elitär hingegen ist es, aus der eigenen privilegierten Stellung heraus die Belange prekärer Arbeitsformen zu deklassieren: Dass die Autorinnen und Autoren ebendieser Kinderbücher, die Jantschek seinen Kindern gern vorliest, existentiell auf derzeit entfallende Lesungshonorare angewiesen sind (wie z.B. auch die Präsidentin des European Writer’s Council Nina George im Gespräch mit dem Deutschen Kulturrat ausführt[9]), entgeht offenbar seiner ökonomischen Weitsicht.

Überhaupt wird in derartigen von jeglicher kulturphilosophischer Reflexion unbeschwerten Tiraden regelmäßig nicht nur die gegenseitige Abhängigkeit der Künste voneinander ignoriert, sondern überhaupt die Verbundenheit der entscheidenden Bereiche des zivilisierten demokratischen Lebens. Nur aus einer strukturell derart beschränkten Perspektive ist erklärbar, dass der Kulturredakteur Jantschek in einer Manier sprechen kann, wie sie dem aalglattesten Polit- oder Wirtschaftsfunktionär alle Ehre machen dürfte: »Kulturelle Veranstaltungen sind schlicht nicht systemrelevant. Wenn sie nicht stattfinden, kann das öffentliche Leben weiter funktionieren, auch wenn es um diese Facette ärmer ist.«

Diese plump-pragmatistische Denke, diese Wozu-braucht-man-das-Mentalität, der jede Einsicht in die Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten des Geisteslebens abgeht, kann keinesfalls als neu bezeichnet werden; allerdings war man solche dumpfen Anfeindungen bislang eben aus kulturfernen Sphären zu vernehmen gewohnt. Dass sie nun ausgerechnet durch Kulturredaktionen und von Kulturtätigen in die Welt getragen werden, erscheint gerade in Zeiten der totalen Kulturparalyse als besonderes Ärgernis – etablieren sie doch eine gefährlich paradoxe Kultur der Kulturfeindlichkeit.

 

[1] Sascha Lobo, Der deutsche Staat verachtet Selbstständige und Kreative, Spiegel, 9.12.2020, https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/corona-hilfen-der-deutsche-staat-verachtet-selbststaendige-kolumne-a-49d0ce81-8b0b-4ee7-ada1-5a6f38382ea9?fbclid=IwAR24OJ1xG860E2YybRFcMD1SGewK6iXKm1mWPZQAqyu4SAaLYlJfbg3WwX4

[2] Corona-Hilfen: Künstler wegen Subventionsbetrug angezeigt, BR, 11.11.2020, https://www.br.de/nachrichten/kultur/corona-hilfen-kuenstler-wegen-subventionsbetrug-angezeigt,SG2XKC2

[3] Karin Cerny, Kultur und Corona: Ist Kunst tatsächlich systemrelevant? profil.at, 12.11.2020, https://www.profil.at/kultur/kultur-und-corona-ist-kunst-tatsaechlich-systemrelevant/401095854

[4] Manuel Brug, Sind die Künste doch nicht so systemrelevant?, Welt, 24.7.2020, https://www.welt.de/debatte/kommentare/article212162591/Kultur-in-Corona-Zeiten-Sind-die-Kuenste-doch-nicht-so-systemrelevant.html)

[5] Nora Bossong, Peinliche Kurzsichtigkeit, Zeit online, 2.11.2020, https://www.zeit.de/kultur/2020-11/corona-regeln-kirchen-kultureinrichtungen-oeffnung-kritik-argumente-lockdown?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

[6] »Nicht durchdacht« bis »hirnlos«. Peter Raue im Gespräch mit Sigrid Brinkmann, Deutschlandfunk Kultur, 2.11.2020, https://www.deutschlandfunkkultur.de/maezen-peter-raue-zum-kultur-lockdown-nicht-durchdacht-bis.1013.de.html?dram:article_id=486843)

[7] »Wir bedürfen Gottes wärmender Botschaft«. Interview mit Monika Grütters, Die Zeit vom 10.12.2020

[8] Thorsten Jantschek, »Schlicht nicht systemrelevant«, Deutschlandfunk Kultur, 2.11.2020, https://www.deutschlandfunkkultur.de/kultur-im-lockdown-schlicht-nicht-systemrelevant.2950.de.html?dram:article_id=486852

[9] https://www.kulturrat.de/corona-pandemie/lageeinschaetzungen-kulturbereiche/was-ist-uns-literatur-wert/

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