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Einsamer Monopolist

Eigentlich hätte einem der FC Bayern München beinahe sympathisch sein können. Doch dann hat der Verein das Triple gewonnen.

Die Anerkennung für die sportliche Leistung nach dieser beeindruckenden Saison wird dem deutschen Meister FC Bayern München niemand in diesem Land verwehren, nicht einmal das gegnerische Fanlager. Keine Duselbayern, keine dreckigen Tricks, keine Begünstigungen ­ einfach nur sportliche Überlegenheit. Chapeau!

Sollte man in München nun allerdings nach mehr suchen als sportlichem Ruhm und die damit verbundene Anerkennung der Leistung und Potenz, dann hat man seine Chance dazu liegen gelassen – gescheitert an einer Form von Borniertheit, die man in München nur zu gern mit Ehrgeiz und Selbstbewusstsein verwechselt.

Lange war München das Feindbild schlechthin für so manchen Fan in Deutschland. Doch mit den Jahren schien sich das etwas zu wandeln und Bayern München verlor den Status als „Staatsfeind No. 1“. Auf der Suche nach den Gründen kann Folgendes genannt werden: Die Transferpraxis, frei nach dem Motto „was ihm schadet, nutzt uns doppelt“ und bei der präferiert bei der Bundesliga­Konkurrenz geplündert wurde, wurde nicht mehr so stringent verfolgt.

Eine Art Sympathie

Mit prominenten Neuzugängen aus dem Ausland sowie eigener Nachwuchsarbeit verloren die Münchner ein Raubritterimage und man sorgte zugleich für die Aufwertung der gesamten Bundesliga. Dieser Strategiewechsel deutete auf neue, internationale Ziele hin und war zugleich Ausdruck einer in der Liga bereits manifestierten Zweiklassengesellschaft, bei der eh nur 2­3 Mannschaften mitziehen konnten. Angesprochen als Clubfan: Für den 1. FC Nürnberg fehlte längst die Basis für eine gelebte Rivalität aufgrund der fehlenden Vergleichbarkeit. München ist einfach kein Konkurrent mehr, an dem man sich noch reiben konnte.

Attraktiver Fußball, internationaler Ruhm, die Präsentation von Weltstars in der Bundesliga und die Integration von authentischen Nachwuchsspielern aus den eigenen Reihen – das allein hätte fast schon dafür sorgen lassen, dass – jenseits von ureigensten Animositäten wie dem fränkischen Patriotismus – eine Art Sympathie hätte aufkommen können. Wäre nach dem Triple eben nicht die eingangs zitierte Borniertheit wieder durchgebrochen, die offenbar nicht nur dem Verein ureigen zu sein scheint, sondern auch den erfasst, der für ihn arbeitet.

Kapitalismus in Reinkultur

Man hat sich in München einen Fußball-Kapitalismus in Reinkultur zu eigen gemacht. Angelegt auf unendliches Wachstum und Verteidigung und Vergrößerung des Abstandes zu allen Konkurrenten um jeden Preis. In einem Wirtschaftsraum wäre über kurz oder lang das Monopol die natürliche Folge. Doch ein Monopol im Sport führt zur Vernichtung seiner selbst, denn Sport lebt von Konkurrenzsituationen. Sport ist keine Show, die die Perfektion der Darsteller huldigt, sondern ein Wettstreit. Die Masse, und damit die zahlende Kundschaft, will keine Übermannschaft ständig siegen sehen, sondern träumt mit dem eigenen Verein. Gehen die Träume aus, verliert der Fußball seinen Reiz. Und die Auswirkungen dessen sind nicht hypothetisch, sie können bereits im europäischen Ausland begutachtet werden.

Bayern München ist der größte und mächtigste Verein in Deutschland – und dennoch fehlt ihm eine Art Größe, die Großmut und Generosität erfordern würde. Eigenschaften, die man in München aber wohl für konträr zum eigenen Streben erachtet. Dies schließt gute Taten nicht aus! Doch sind auch diese stets aus dem eigenen Selbstverständnis der Macht begründet. Einem Selbstverständnis, das sportlichen Erfolg nicht zum Ziel erklärt, sondern einen Anspruch darauf begründet und verkündet. Im Moment des persönlichen Triumphs den unterlegenen Gegner zu feiern und die eigene Leistung bescheiden nur von anderen anerkennen zu lassen – in München eigentlich undenkbar.
Otto von Bismarck formulierte einst: „Einen wirklich großen Mann erkennt man an drei Dingen: Großzügigkeit im Entwurf, Menschlichkeit in der Ausführung und Mäßigkeit beim Erfolg.“

Mit Größe hat das nichts zu tun

Aber will man überhaupt solchen Respekt in München? Zumindest spricht vieles dafür. Da sind die so gern nach außen gestellten „guten Taten“, da sind die vor sich hergetragenen Sympathien zu Vereinen wie St. Pauli und Barca. Da ist die Verpflichtung eines Pep Guardiola und die nimmermüden Bekundungen, dass neben der sportlichen Kompetenz auch dessen menschliche Werte so wichtig wären. Geachtet wie der FC Barcelona, aber der taugt eben nicht zum Vergleich. Das ist ein Verein, der über den ganzen Globus große Sympathien genießt. Er ist Inbegriff für Schönheit des Spiels und noble Gesinnung. Im Barca­Trikot kann (außerhalb Madrids) ein Kind fast überall am Bolzplatz kicken, ohne angefeindet zu werden. Davon ist der FC Bayern München aber unerreichbar entfernt. Weil das gelebt werden muss und nicht gekauft werden kann.

Noch vor Jahresfrist zeigte sich der Bayern-Präsident besorgt, dass die Liga reizlos würde und die Konkurrenz zu schwach sei – bezeichnenderweise nach einem Spiel gegen den 1. FC Nürnberg. Man müsse sich dem in der Liga gemeinsam annehmen! Um kurz danach in alte Muster zu verfallen, dem ärgsten Konkurrenten den Schlüsselspieler zu entreißen und rund um dessen besten Goalgetter ein gewaltiges Mediengewitter aufziehen zu lassen. Ob gewollt, gebilligt oder nur geduldet, in München zelebriert man so wiedergewonnene Machtverhältnisse, bei denen nur man selbst bestimmt, was gut und richtig ist. Reden müsse man mit niemand, man handele nach Gutdünken und weil man es eben kann. „Mia san mia“ – und sonst zählt nichts. Mit „Größe“ hat dies wenig zu tun. Mit Macht schon. Wer die Anerkennung nicht nur einfordert, sondern sie auch präventiv gleich ständig selbst mitliefert, der handelt nicht souverän. Er handelt wie einer, der von unten kommt und außer dem Streben immer weiter nach oben und den Erhalt des Erreichten nichts kennt. Einen, der nie gelernt hat, dass Macht und Position vor allem eines bedeuten: Verantwortung.

Ziel erreicht

Doch genau diese Kausalität will man auch in der Wirtschaft gern ausblenden, wenn CSR­Projekte eher im Bereich „Imagepflege“ und Markenbildung verankert sind, nicht mehr aber den Kern eines Unternehmens bilden. Mit jeder Bemühung, den Volkssport Fußball noch wirtschaftlicher zu erschließen, wird man dem Wesen und Streben der Wirtschaft eben auch immer ähnlicher.

„Hat sich die Wahrnehmung über den Verein gewandelt?“ Ja, denn der FC Bayern ist heute kein Verein mehr unter vielen. Er hat das geschafft, was er selbst immer wollte: Ein Verein über den anderen zu sein. „Werden die heutigen Bayern noch so verteufelt wie einst?“ Das ist wohl eher eine „Glaubensfrage“, die eng mit dem jeweiligen Verständnis von Wirtschaft und Gesellschaft zu tun hat. Wer die heutige Marktwirtschaft für gut befindet und den Fußball als Wirtschaftsmodell betrachtet, der muss einfach den Hut vor diesen Bayern ziehen. Der Rest wird das Prinzip verteufeln.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Andreas Althoff, Patrick Fricke, Jens Peters.

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