United Stasi of America

von Aleksandra Sowa11.07.2014Außenpolitik

In der jüngsten Spionageaffäre trifft amerikanische Scheinheiligkeit auf deutsche Naivität.

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Sun Tzu, der chinesische Stratege und Kriegsheer, der heute von Manager und Vorständen – oder solchen, die es gerne werden möchten – gelesen und zitiert wird, gilt zweifellos als eine der ersten Propagandisten der sogenannten fünften Kolonne. Aus historischen Übertragungen erfährt man, dass Sun Tzu die Allianzen des despotischen Königreichs Chu unterwandern und das Terrain ausspionieren ließ. So vorbereitet, griff er im Jahr 506 vor Christus das Königreich an.

Im Krieg setzte er Methoden wie die Infiltration einer fünften Kolonne in die gegnerische Hauptstadt ein, steckte zur Täuschung Soldaten in Uniformen des Feindes und ließ Ochsenkarren in Brand stecken. Die Flammen heizten dem Vieh so ein, dass die Ochsen regelrecht losdonnerten – auf die zu erobernde Bastion zu. So besiegte Sun Tzu das viel mächtigere Königreich Chu: mit Voraussicht, List und Berechnung.

Wozu Informationen kaufen, wenn man sie auch stehlen kann?

Es dauerte 2.500 Jahre, bis die amerikanische National Security Agency (NSA) diese Methode revolutionierte. Wozu die Informationen einem Spion abkaufen, dachten die cleveren Amerikaner, wenn man sie auch stehlen könnte? Die NSA nannte ihre Methode „4th Party Collection“. Die Bezeichnung wurde für eine Angriffsart verwendet, die auch deswegen in ihrer Art einzigartig ist, weil sie während der – laut der von Edward Snowden sichergestellten Dokumente – sehr umfangreichen Überwachung und Belauschung der Vereinten Nationen entstand.

Während die Mitarbeiter der NSA die Server der Vereinten Nationen ausspähten und die Kommunikation abhörten, blieb ihnen nicht verborgen, dass andere Nationen dort ebenfalls spionierten. Im Jahr 2011 hat die NSA so die Chinesen beim Ausspionieren der UNO ertappt. Doch die NSA unternahm nichts dagegen. Sie fand einfach einen Weg, daraus einen Vorteil für sich zu ziehen, indem die NSA – von den Chinesen unbeobachtet – die chinesische technische Aufklärung mitlas. Auf diese Weise, so “Rosenbach und Stark”:http://www.randomhouse.de/Buch/Der-NSA-Komplex-Edward-Snowden-und-der-Weg-in-die-totale-UEberwachung/Marcel-Rosenbach/e460131.rhd, konnte die NSA einige Berichte zu „aktuellen Ereignissen von höchstem Interesse“ gewinnen.

Die DDR spionierte die Amerikaner aus – und umgekehrt

Die Methode der NSA, andere Spione auszuspionieren, scheint heute nicht nur effektiver zu sein als die Anwerbung von Doppelagenten, sondern auch effizienter. Der Abgehörte gibt sein Wissen ganz ohne monetäre Anreize weiter. Und natürlich auch ohne sein Wissen. Ganz verzichten wollten die Amerikaner auf die traditionellen Methoden offenbar dann doch nicht. Den neusten Erkenntnissen zufolge, warb die CIA den deutschen Geheimdiensten ihre Spione ab. Jahrelang sollten Mitarbeiter des Verfassungsschutzes und des BND an die Amerikaner vertrauliche Unterlagen weitergereicht haben.

Das kürzlich veröffentlichte Buch „NSA-Komplex“ der beiden Spiegel-Journalisten, Marcel Rosenbach und Holger Stark, zeigt wie schwer es sei, die richtige Bedeutung und Gewichtung den Snowden-Dokumenten beizumessen. Dabei lassen sich die beiden Buchautoren offenbar von einem ehemaligen Stasi-Oberst helfen. Denn im Kalten Krieg, so scheint es, war noch klar, wer gegen wen Spionage betrieb: Die DDR spionierte die Amerikaner aus – und umgekehrt. Heute sind die Grenzen nicht mehr so eindeutig zu ziehen. Partner und Gegner zugleich, so beschreibt „Der Spiegel“ das aktuell sehr komplexe Verhältnis zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den USA.

Nach dem Mauerfall sahen sich die Bundesrepublik Deutschland und ihre Geheimdienste gerne als eine Art Juniorpartner der USA. Der Deutsche Bundesnachrichtendienst war stets um gute Beziehungen zu den Amerikanern bemüht, heißt es in dem Buch. Offiziell arbeiten BND und NSA seit dem Jahr 1962 in einem Zusammenschluss von 14 Nachrichtendiensten weltweit zusammen. Die Nähe wurde durch die Anschläge vom 11. September 2001 stark gefördert. Die deutschen Sicherheitsbehörden sahen sich in einer Bringschuld, da sie gegenüber der in Hamburg aktiven terroristischen El-Qaida-Zelle um Mohammed Atta blind gewesen waren. Doch die Amerikaner haben immer deutlich gemacht, wer bei dieser Zusammenarbeit das Sagen hat. Am 7. März 2013 autorisierte das FISA-Sondergericht einem SSO-Wochenbericht zufolge die NSA dazu, Deutschland zu überwachen.

Die Deutschen? Bestenfalls eine Mätresse der Amerikaner

In den Unterlagen von Edward Snowden befinden sich sogenannte Heat Map, Karten, welchen zu entnehmen ist, zu welchem Land der NSA welche Mengen an Metadaten vorliegen hat und welchen Quellen sie entstammen. Deutschland entspricht auf diesen Übersichten dem Niveau von Überwachungszielen wie Irak und China. Für Deutschland wurden demnach aus nur zwei Quellen innerhalb von gut vier Wochen rund 500 Millionen Metadaten gesammelt. Die Quellen, US-987LA und US-987LB, befinden sich einmal in Bad Aibling in Deutschland und stammen aus der deutschen Fernmeldeaufklärung in Afghanistan. Demnach stammten die 500 Datensätze in den NSA-Datenbanken vom Deutschen Geheimdienst, dem BND, selbst.

Mit dem NSA-Skandal sei es wie in einer Ehe, zitieren die Autoren einen hochrangigen deutschen Sicherheitsbeamten. „Man vernehme beim Ehepartner gelegentlich einen Hauch von fremdem Parfüm und denke sich seinen Teil. Diesmal habe man den Ehemann mit einer anderen im Bett erwischt.“ Tatsächlich scheint es aber so, dass sich hier jemand die ganze Zeit vorgemacht hat, einen Ehemann zu haben. Was den Deutschen jetzt bleibt, ist die Erkenntnis, dass ihnen bestenfalls die Rolle einer Mätresse zugestanden wird. Und zwar nach den Regeln, die ihr der unbeständige Liebhaber, die USA, diktiert.

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