Große Anführer sind fast immer große Meister im Vereinfachen. Colin Powell

Das liest die Maschine nicht

An deutschen Postschaltern hat die Kundschaft mit den Herausforderungen der Digitalisierung zu kämpfen. „Sie müssen das Land hier unten hinschreiben, in Großbuchstaben“, erklärt der Mitarbeiter geduldig, „sonst liest es die Maschine nicht.“ England oder Großbritannien? Das ist der Maschine egal. Doch schon kommen weitere Probleme. Digitalisierung ist kompliziert.

Der Mitarbeiter bleibt geduldig. Die Absenderadresse bitte auch gleich ändern, die war zu weit unten, deswegen hat ja auch der Päckchenautomat draußen vor der Tür die Sendung nicht angenommen. Dabei hätte es dort ganz einfach gehen sollen, Digitalisierung soll schließlich alles vereinfachen, überall, immer. Aber nun steht postalische Kundschaft kollektiv in der Schlange und wartet gottergeben. Einen Zentimeter unter dem Briefrand oder dem Rand des Etikettes, jedenfalls unter einem Rand: da muss die Adresse angebracht sein, aber sie darf nicht tiefer beginnen, denn weiter unten guckt die Maschine nicht. Natürlich, warum sollte sie auch.

Die Roboter kommen

Also, Adresse unter den Rand, hoffentlich ist es der richtige. Dann den Stift gesucht: ENGLAND. Warum eigentlich das Land in Großbuchstaben und nur in der Landessprache aufschreiben? Wo es doch noch gar nicht so lange her ist, dass sogenannte Ländercodes im Briefdienst bei der Post in Deutschland und Österreich einheitlich eingeführt wurden. Mit einem entsprechenden Standard, der DIN-Norm 5008. Dabei war doch vorher die regel, dass der Länderbuchstabe vor der Postleitzahl stehen solle, ähnlich wie bei den Autoaufklebern: „B“ für Belgien, „A“ für Österreich, „PL“ für Polen, und so weiter. Das nutze man schon seit Jahren nicht mehr, erklärt der Postangestellte geduldig. Das erkenne die Maschine ohnehin nicht. Es sei denn, man möchte, dass Sendungen, die an „A-1010 Wien“ adressiert wurden, in Australien landen.

Aber der Kunde ist schwer von Begriff. Da tritt die natürliche Dummheit gegen die künstliche Schlauheit an. Und ein bisschen auch die natürliche Sturheit gegen die künstliche Gleichgültigkeit. Die Postmitarbeiter können es auch nicht ändern. Noch stehen sie an der Frontlinie und erklären. Aber auch das wird sich ändern, wenn nämlich die Postmitarbeiter am Schalter durch Maschinen ersetzt werden. Wenn „die Roboter kommen“, wie man es auf dem Postamt sagt. Dann geht vermutlich alles schneller und besser – und wird vor allem billiger. Natürlich nicht für den Kunden. Vermutlich. Dann gibt es aber auch keinen Menschen mehr, bei dem man seinen Frust face to face ablassen kann oder der die Beschwerde entgegennimmt. Und bei schriftlichen Reklamationen bitte schön darauf achten, dass der Absender genau einen Zentimeter unter dem Briefrand steht. Weil sonst – genau – die Maschine es nicht liest.

Mensch und Maschine

Die Postmitarbeiter entwickeln allmählich einen ähnlichen Galgenhumor wie die Zugbegleiter der Deutschen Bahn. Sie müssen die halb ausgegorenen Digitalisierungs- und Automatisierungsversuche den Kunden gegenüber verteidigen. Wobei offensichtlich weder ihre Erfahrungen noch Kompetenzen berücksichtigt wurden, um die Prozesse zu modellieren oder zu digitalisieren. In dieser Sache sind sich die Kunden und die Postmitarbeiter einig: Weder die Bedürfnisse der Kunden noch der Arbeitskräfte spielten beim Design dieser Maschinen eine Rolle. Sie sind quasi Diener der Maschinen, bestenfalls ihre Bediener. Obwohl – eigentlich eher der Menschen, die sie so gebaut und eingesetzt haben.

Schon der deutsche Computerwissenschaftler Konrad Zuse warnte davor, dass die Gefahr, dass der Computer so wird wie der Mensch, nicht so groß sei wie die Gefahr, dass der Mensch so wird wie der Computer. Eine Maschine, die uns dazu erzieht, so zu agieren, dass sie funktionieren kann, bringt uns dieser Dystopie näher. „… im Grunde ist der Kern dieses ganzen Digitalisierungsproblems, dass hier Leute eine neue Technologie entwickeln und anwenden, die rein ihrer Logik der Kapitalverwertung folgt und auf keine gesellschaftlichen Interessen in irgendeiner Weise Rücksicht zu nehmen gedenkt“, erklärte der Politikwissenschaftler Tomas Meyer im Deutschlandfunk-Interview. Und wenn uns die Maschinen in Zukunft so die Arbeit abnehmen sollen, dann machen wir in Zukunft die Arbeit am besten direkt selbst. Das geht schneller.

Im Paralleluniversum der Zukunft

Bisweilen ist der Kunde, der nur mal schnell zur Post wollte und zuerst mit der Maschine ringen darf, dann sich jedoch am Schalter anstellen muss, frustriert und genervt. Sehr genervt. Zu weit liegen die Werbeversprechen der Unternehmen und die Produkt- und Servicewelt auseinander. Zu groß ist die Kluft zwischen dem Cyber-Bullshit-Bingo der Politik und Privatwirtschaft auf den IT-Gipfeln und die Selbsterfahrung. In den 50er gab der damalige US-Präsident Nixon noch zu, die Sowjetunion möge die USA im Weltall geschlagen haben, aber es sei der Kapitalismus, der Technologien, wie die Waschmaschine, hervorbringe, die das Leben der arbeitenden Massen verbessert. Fast siebzig Jahre später hat der Kapitalismus uns immer noch nicht ins Weltall gebracht und die Maschinen verbessern das Leben auch noch kaum.

Da hilft auch virtuelle Realität nicht, um sich von der Realität ablenken zu lassen. Höchstens, um die Wartezeit in der Schlange zu überbrücken. Man könnte es auch mit Meditation versuchen, in einer Schlange, die immer länger wird, seitdem die Maschinen übernommen haben. Die Generation der Star-Trek-Fans hat irgendwie immer schon geahnt, dass nicht die jede Sci-Fi-Idee zu Realität wird. Was wir nie geglaubt haben, schrieb David Graeber in „Bürokratie“, ist, dass nichts davon zu unserer Lebenszeit wahr werden wird. Zur Beruhigung der von Maschinen strapazierten Nerven könnte man sich ggf. auch etwas einwerfen. Wobei wir gleich mitten in einer anderen Zukunftsvision wären: der aus dem Roman „Der futurologische Kongress“ von Stanislaw Lem, in der die Menschheit narkotisiert werden muss, weil sie sich sonst selbst nicht ertrüge.

Was ist mit „Cyber“?

Die Maschinen, die die unheimliche Fähigkeit besitzen, auch den klügsten Menschen als Idioten erscheinen zu lassen, gelten dennoch selbst nicht etwa als Erscheinungsformen der Dummheit. Und der, der die digitale Maschine eingesetzt hat, ist vermutlich längst über alle Berge, unterwegs zu einem neuen Digitalisierungs- oder Automatisierungsprozess, mitsamt bester Referenzen und Extrabonus für die Einsparpotenziale, die er mit seiner Lösung aufgezeigt hat. Managen kann heute jeder alles. Der Berufsmanager und der Berufspolitiker benötigen keine besondere Fachkompetenz. High Potentials lernen beim Job-Hopping: mal als Leiter Finanzen, sogleich in die IT, dann ins Marketing, rüber in die IT-Security – und dann noch kurz zur Strategie. Für die Karriere kann es von Vorteil sein, was mit „IT“ oder „Cyber“ im Lebenslauf zu haben. Verantwortung für Automatisierung landet oft bei Männern (weil: #QuoteWirkt), die Informationstechnologie nicht mal buchstabieren konnten. Eine Website oder eine App – das kann auch ein Kind heute machen, so die verbreitete Meinung in diesen Expertenreisen. Entsprechend sieht die Software heute aus. Und jetzt steuert diese Software die Maschinen.

Wenn mal eine dieser Maschinen Amok läuft und die Menschheit ausradiert? „Keine Schuldzuweisung“ heißt das oberste Prinzip der aus Firmen von Übersee importierten Fehlerkultur – und die Politik möchte über die Haftungsfrage erst diskutieren. Das gilt nicht nur im juristischen Sinne: Das Handeln über große Entfernungen, wie es das Netz ermöglicht, hat einen weiteren Vorteil: „[D]adurch wird ein Akteur von den Folgen seines Handelns distanziert und somit auch von jeder eigenen und fremden moralischen Beurteilung freigestellt“ , schrieb Zygmunt Bauman.

Das Problem mit der Digitalisierung

Digitalisierung macht die Prozesse bisher weder effizienter noch schneller. Digitalisierung ist nicht Optimierung und Datenauswertungen, die theorie- und thesenfrei durchgeführt werden, sie hilft höchstens, Korrelationen aufzudecken, aber sicher keine Kausalitäten. Es werden nicht nur schlechte Prozesse zu schlechten digitalisierten Prozessen. Sie werden noch viel schlechter. Manchmal, gibt Seth Stephens-Davidowitz in „Everybody Lies“ zu, bestätigen neue Daten das Offensichtliche, das Intuitive . Manchmal ist die Big-Data-Logik aber auch nur die Logik eines Dreijährigen. Der datenoptimierte Alltag sieht für die meisten Menschen heute so aus, dass sie den ganzen Tag herumrennen müssen und sich dabei wie Idioten vorkommen.

Der Grund, warum man es dem Kunden und Bürger dennoch zumuten möchte, heißt „lernende Algorithmen“ oder „künstliche Intelligenz“. Genau genommen, erklärte der deutsche CDU-Abgeordnete im Europaparlament, Axel Voss, in einem Gespräch mit Christiane Schulzki-Haddouti, würden für Auswertung und Analyse von für Big Data zuständige Deep-Learning-Algorithmen eigenständig darüber entscheiden, „welchen Zweck die Auswertung verfolgen wird. Ein bestimmter Zweck lässt sich also gar nicht mehr vorab definieren“ . Demnach wäre es möglich, dass Unternehmen, die diese Maschinen einsetzen, selbst nicht verstehen, was diese wirklich tun.

Der Zusteller guckt nicht

Richtig spannend wäre es, zu erfahren, aus welchen Daten die Maschine zum automatischen Auslesen von Adressen geschult wird. Jedenfalls nicht durch Analyse von Sendungen und Briefen, die täglich millionenfach durch das Unternehmen verarbeitet werden. Sonst hätte sie inzwischen mitgekriegt, dass der Absender auf den deutschen Sendungen mal ein, mal zwei und mal vier Komma drei Zentimeter vom Rand entfernt ist. Doch fast immer steht er oben links oder auf der Rückseite des Umschlags. Abweichungen von diesem Standard sind selten, in Deutschland jedenfalls. In anderen Ländern existieren andere Standards. Die Anstrengungen zur internationalen Normung der Verwendung von Postanschriften sind nämlich noch nicht abgeschlossen. Aber genug davon. Damit würde man die Maschine in den Wahnsinn treiben. Nicht die Anforderungen und Ansprüche der Maschine sind das Problem, sondern die Unfähigkeit der Kunden und der Mitarbeiter, an sie gestellten Ansprüche und Anforderungen zu erfüllen.

Die Vermutung liegt nahe, dass jemand der Maschine eher die Vorgabe gemacht, sie sollte nur bis zu einem Zentimeter unter dem Rand des Umschlags schauen, ob es eine Absenderadresse gibt. Und nach der Länderbezeichnung nur in der letzten Zeile und nur, wenn das in Großbuchstaben steht. Ein echter Fortschritt, dass sie neben Großbritannien auch England erkennt. Zu prüfen, ob es auch klappt, wenn man Great Britain oder UK schreibt, hat sich noch keiner getraut. Austria? Was heißt hier „Austria“? Schreiben Sie es bitte hier unten AUF DEUTSCH“. Sonst liest es die Maschine nicht. Und der Zusteller guckt nicht mehr drauf.

Künstlich und nicht intelligent

Eventuell ist die Maschine, die Absenderdaten und Länderbezeichnungen nicht richtig erkennen kann, nicht real und lediglich eine Ausrede für die verspäteten oder nicht zugestellten Sendungen, Päckchen, die verloren gegangen oder am anderen Ende der Welt gelandet sind. Falls nicht, dann könnte man dem Vorschlag des Chaos-Computer-Club-Sprechers Frank Rieger nach dem Bekanntwerden des Bundeshacks etwas abgewinnen, mit der IT Tabula rasa zu machen und die Systeme ganz neu zu entwickeln. Aber diesmal sauber und richtig.

Schlimmer als künstliche Intelligenz, die irgendwann eventuell kommt, schlauer als die Menschen wird und unseren Platz übernimmt, ist nämlich aktuell das überall praktizierte künstliche Halbwissen. Wie bei dem Multivac, einem gigantischen Computer aus Asimovs Robotergeschichte „Die Frage des Standpunkts“, den seine Ingenieure dabei erwischten, auf dieselbe komplexe Frage verschiedene Antworten zu geben – und der dennoch nicht stillgelegt und generalüberholt werden darf, weil er mit der Zielerfüllung im Rückstand ist. Denn es gibt noch sehr viele nicht gelöste Probleme, die die Menschen seit Jahrhunderten beschäftigen, die er lösen muss. Ob richtig oder falsch, ist dabei weniger wichtig. „… falls Multivac so klug wäre wie ein Mensch, könnten wir mit ihm reden und herausfinden, was da nicht stimmt, ganz gleich, wie kompliziert es ist. Falls er so dumm wäre wie eine Maschine, würde er auf so einfache Weise falsch funktionieren, dass wir es ohne Schwierigkeiten herausfinden könnten. Das Problem ist, dass er halb klug ist wie ein Idiot. Er ist klug genug, um auf eine sehr komplizierte Weise fehlzufunktionieren, aber nicht klug genug, um uns dabei zu helfen, herauszufinden, was es ist“, erklärte einer der Ingenieure. Die Verbreitung solcher Maschinen wäre, so eine der Hypothesen von David Graeber, eventuell der Überzeugung der „Staatsmänner und Industriekapitäne“ zu verdanken, dass „die technische Entwicklung in Richtungen gelenkt werden müsse, die nicht die bestehenden Autoritätsstrukturen in Frage stellen“. Die Klugheit von Mulitvac, so Asimov, sei aber die falsche Klugheit. Welch wichtige Erkenntnis!

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Aleksandra Sowa: Russische Hacker

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