Fortschritt – auch in Sachen Menschenrechte – entwickelt sich immer über Krisen Tom Koenigs

Elektroschrott ante portas?

Geräte altern (schneller, wenn man nachhilft). Wenn man diesen Alterungsprozess aktiv mitgestaltet, erhält er einen Namen: geplante Obsoleszenz. Besonders der künstlichen Überalterung ausgesetzt: die IT. Das macht Computer weniger nachhaltig – und unsicher.

datensicherheit computer

„Nur selten treffen wir Menschen, die wirklich unser ganzes biografisches Leben begleiten“, schrieb Hartmut Rosa in Beschleunigung und Entfremdung. Dies sei eine der Kehrseiten der massiven Zunahme an sozialen Kontakten, die Menschen einerseits den modernen Kommunikationsmitteln, andererseits den neuen Lebens- und Arbeitsformen zu verdanken haben. Es sei unmöglich, zu allen – oder auch nur zu den meisten – eine emotionale Beziehung aufzubauen, so Rosa. Nicht anders verhält es sich mit den Dingen, die uns umgeben: dem Haus, der Wohnung, den Möbeln – die noch vor wenigen Jahrzehnten nicht nur lebenslange Begleiter der Menschen, sondern auch an nachfolgende Generationen vererbt wurden. Das trifft nun zunehmend auch auf die technischen Gebrauchsgegenstände zu. Haushalts- und Arbeitsgeräte ebenso wie auf Computer.

An den ersten eigenen Computer erinnert man sich eventuell noch. Man hat ihn vielleicht sogar selbst zusammengebaut oder wenigstens im Shop zusammengestellt, den Speicher erweitert, neue Diskettenlaufwerke, dann ein CD-ROM-Laufwerk eingebaut, hat ihn immer wieder hoch- und heruntergefahren – oder früher gar noch die Festplatte „geparkt“. Man gab ihm Kosenamen, grüßte ihn zu Arbeitsbeginn – einige Admins haben ihre Server zu Beginn eines Arbeitstages sogar gestreichelt. Das förderte die gute Zusammenarbeit und half vielleicht dabei, die Absturzrate zu verringern. Der Besitz eines Computers erstreckte sich über mehrere Jahre. Entsprechend musste das Gerät gewartet und gepflegt werden, um eine möglichst hohe Nutzungsdauer zu gewährleisten.

Unsterbliche Software

Doch das ändert sich rapide. Dadurch, so Rosa, unterscheidet sich unsere Welt grundlegend von der „vormodernen“ Welt, in der Dinge nur dann ausgetauscht wurden, wenn sie „kaputt oder dysfunktional waren und dann meist durch mehr oder weniger exakte Reproduktionen ersetzt wurden“. Unser „Verhältnis zur Welt der Dinge“ ist „durch die gesteigerte Geschwindigkeit der Moderne grundlegend transformiert worden“, bemerkt er. Im Gegensatz zur vormodernen Welt, zitiert Rosa den Karl Marx, hat die moderne Welt die physische Konsumption durch die moralische Konsumption ersetzt: „Wir ersetzen die Dinge meist, bevor sie kaputt sind, weil die hohen Innovationsraten sie veralten und ‚anachronistisch‘ werden lassen, bevor ihre physische Zeit abgelaufen ist“.

Doch das ist nur ein Nebeneffekt der unglaublichen Steigerung der Produktionsraten bei gleichzeitiger Senkung der Produktionskosten: Wir ersetzen die Dinge immer häufiger auch, WEIL sie so schnell kaputtgehen (und zunehmend schwer, teuer oder gar nicht mehr repariert werden können). „Kaum eine Branche ist so der künstlichen Überalterung ausgesetzt wie die IT“ , sagt die Unternehmerin, die sich auf Nachhaltigkeit spezialisiert hat, Nina Buchert. Und diese „IT“ steckt heute in fast allen Geräten – nicht nur in den Maschinen von Industrie 4.0 oder des Internets der Dinge (IoT, Internet of Things). Denn ja, einen Computer gäbe es auch in dem Lada, bestätigte in Berlin der Sicherheitsexperte Evgeny Kaspersky.

„[D]ie Informationstechnologie bringt Maschinen hervor, die nichts kosten, ewig halten und nicht zusammenbrechen“, schreibt Paul Mason in Postkapitalismus. Ein Beispiel dafür: die Software. „Und die Software ist eine Maschine“. Die Welt sei voll von alter Software, die ewig laufen könnte, „wenn es noch Hardware gäbe, die man mit ihr betreiben könnte“, so Mason. Doch die Hardware kann das nicht: „Technische Bauteile haben nur eine gewisse Lebensdauer“, erklärt Nina Buchert, „dies ist physikalisch bedingt. Je nachdem, welche man verwendet, kann man die Lebenszeit recht genau timen.“ Beispiel: Kondensatoren (haben eine gewisse Hitzetoleranz, eigene Lebensdauer) – man könne bessere oder schlechtere einbauen, der Anteil am Gesamtpreis ist fast vernachlässigbar. „Sicher entstehen mehr Kosten, aber wenn ich bei einem 200 Euro teuren Monitor für zwei Euro bessere Kondensatoren verwende, um damit zehn Jahre mehr Lebenszeit zu erhalten“, so Buchert, „wenn ich das auch so bewerben würde, würde jeder Kunde gerne zwei Euro mehr bezahlen.“ Doch warum sollte der Hersteller einmal in zehn Jahren einen Monitor für 300 Euro verkaufen, wenn er alle zwei Jahre einen für 200 Euro verkaufen könnte? Denn nur dadurch, dass die Geräte jetzt im Geschäft weniger kosten, möchte er nicht auf seine Jahresboni und das Unternehmen auf seine Profite verzichten. So funktioniere es auch bei Kohlebürsten in Elektromotoren, Einschalter-IC bei Waschmaschinen, den berühmten HP-Tintenschwämmchen, zählt Nina Buchert auf.

Qualität „Made in Germany“

Sie spricht von Obsoleszenz: dem – geplanten oder natürlichen – Altern der Geräte. Obsoleszenz sei „ein 100 Jahre alter Hut“. Zuerst wurde die Lebenszeit der Geräte vielleicht schleichend verkürzt, „aber die Kunden legten immer noch hohen Wert auf die Qualität“. Noch in den 1980er-Jahren „warben Marken immer noch mit ihrem guten Namen und wollten für Qualität stehen und sich gegen billige No-Name-Produkte abgrenzen“, beobachtet Nina Buchert, „obwohl da vieles schon längst aus derselben Fabrik kam.“ Made in Germany war der Garant für hohe Qualität und lange Lebensdauer: Deutsche Haushaltsgeräte waren schier unkaputtbar, deutsche Autos wurden auch unter den Sitzen lackiert.

„Mittlerweile wird Qualität kaum noch in der Werbung erwähnt“, beobachtet Buchert. Wo Werbung, Propaganda oder Überzeugung nicht helfen, dort hilft – geplante oder absichtlich herbeigeführte – Obsoleszenz: Schon heute sinkt nach dem Ablauf der Garantie rapide die Leistung von Elektrogeräten; Kleidung zerfällt trotz immer besserer Waschtechnologie, und die Akkuleistung der Smartphones ist gegenüber älteren Modellen erstaunlich geschrumpft. Und da es eben nicht ohne Kleidung – und inzwischen auch nicht ohne Smartphone – geht, ist man gezwungen, entweder zu reparieren oder neu zu kaufen, obwohl die Hersteller die Option mit der Reparatur erheblich einschränkten, indem sie den physikalischen Zugriff auf das Innere der Geräte fast unmöglich machen.

Mea maxima culpa

Optimalerweise „soll der Kunde die Geräte durch eigenes Fehlverhalten selbst kaputt machen“, beobachtet Nina Buchert. Der Hersteller hilft mit Werbung, die zum Fehlverhalten animiert: Notebooks, Tablets, E-Book-Reader werden dort mit zum Strand genommen, Notebooks eingeschaltet umhertragen, auf dem Schoß, im Bett, auf dem Teppich benutzt, wo es überhitzt – „einfach mal die Werbung genau anschauen, die zeigen alles, was man genau nicht machen soll“. Oder durch widersinniges Design, wenn beispielsweise die Smartphones immer größer und flacher werden, dennoch weiterhin in der Hosentasche verstaut werden wollen und sich dann verbiegen. Und dann der Gipfel, meint Buchert: die Absicht. Smartphones werden unbrauchbar nach Softwareupdates, neue Gesetze schließen Fahrzeuge, die bestimmte Normen nicht erfüllen, vom Verkehr aus etc. „Letztlich fühlen wir uns am Ende des Tages immer schuldig, weil wir die (sozialen) Erwartungen nicht erfüllt haben“, schreibt Rosa. Moderne Gesellschaft „produziert schuldige Subjekte ohne jegliche Aussicht auf Nachsicht oder Vergebung“.

Die Hersteller und Plattformen, die am Vertrieb der Geräte verdienen, erteilen sich eine Art Absolution, indem sie Recycling-Programme aufsetzen. Da dies allerdings nicht hilft, das Problem an der Wurzel zu packen, haben einige andere Unternehmen neue Strategien entwickelt. Wie die Deutsche Post, die zusätzlich zu ihrem Service für Elektroschrott-Recycling einen Blog zur Information und Sensibilisierung betreibt. Oder eine Bank, die ihren Neukunden einen Gutschein für einen Handwerker und eine kostenlose Diagnose kaputter Geräte bei ihnen zu Hause schenkt. Nur die Diagnose – die Reparatur kann der interessierte Kunde dann entgeltlich in Anspruch nehmen. Doch meistens reicht es schon, um die Hemmschwelle zu überschreiten.

Oder wenn man selbst sogenannte refurbished Hardware nutzt. Was das ist? Nina Buchert erklärt es: Refurbished Hardware sind professionell aufbereitete hochwertige Markengeräte aus beendeten Leasingverträgen, zum guten Preis-Leistungs-Verhältnis (kosten nach drei Jahren meist nur noch 10 % des ursprünglichen Preises) angeboten werden. Professionell neu aufgesetzt (oft mit Open-Source-OS), aufrüst- und erweiterbar auch mit neuen Komponenten und inklusive neuer Garantie und Service. Was da nach abgelaufener Herstellergarantie kaputtgehen sollte, ist vermutlich bereits kaputtgegangen und wurde ausgetauscht, bevor die Hardware in einer Werkstatt zum zweiten Leben erweckt wurde.

Obsoleszenz-frei – garantiert

Der Mensch sollte wieder lernen, Sorge für die Dinge des Alltags zu tragen – das Auto, das Haus, das Telefon. Um auf diesem Weg die Macht über die Technologie wiederzuerlangen – und damit abermals klar ist, wer hier wem zu dienen hat. „Tatsächlich verändern wir die materiellen Strukturen unserer Lebenswelten (Wohnungseinrichtung und Küche, Autos und Computer, Kleidung und Nahrungsmittel, das Aussehen unserer Städte, Schulen und Büros, Werkezuge und Arbeitsinstrumente etc.) so schnell, dass wir beinahe von ‚Wegwerfstrukturen‘ sprechen können“ , schreibt Rosa. Bei gegenwärtigen Konzepten der Digitalisierung oder IoT hat man allerdings den Eindruck, dass der Aufschwung der Technik ein autonomer Prozess geworden ist, dem die Menschen – als Kunden – lediglich beiwohnen dürfen. Auch wenn man den Digitalisierungszwang ab und zu sabotiert, indem man ein Busticket am Ticketautomaten zieht – und nicht wie gewohnt per App kauft. Und dabei etwa feststellt, dass der Preis am Ticketautomaten höher geworden ist – was mitnichten an unterschiedlichen Beförderungskosten liegen dürfte.

Man muss die Technologie nicht sofort verteufeln oder auf die hypervernetzte Zukunft verzichten, antwortete in Wired Andy Greenberg auf die Frage, wie man sich auf den Cyberkrieg vorbereiten kann. Aber die Menschen wären besser dran, wenn sie die alten, zuverlässigen analogen Systeme weiterhin warten und pflegen würden, um im Notfall darauf zurückgreifen zu können. Oder wenigstens eine Offlinekopie ihrer Daten erstellen würden. Das sei nicht nur nachhaltiger, sondern auch sicherer.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Aleksandra Sowa: Der gute Bürger

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