Master and Servant

Aleksandra Sowa8.10.2016Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Die künstlichen Intelligenzen: sie werden uns fressen. Zuerst aber werden sie unsere Arbeit fressen. Oder auch nicht. Und wenn sie wirklich so schlau sind, wie man behauptet, werden es sogar ganz bestimmt nicht tun.

„Stellen Sie sich vor, es gäbe ein intelligentes Computersystem, das Krebsdiagnosen stellen kann wie der weltbeste Facharzt. Das Tausende Gerichtsurteile nach Argumenten durchforstet wie eine Anwältin. Eines, das Serverprobleme behebt wie eine Systemadministratorin, Industrieanlagen energieoptimiert wie ein Ingenieur. Eines, das auf Knopfdruck Texte schreibt wie ein Journalist: Finanzberichte, Unternehmensanalysen, Sportmeldungen. In wenigen Sekunden”, so eröffnet “ZEIT Online”:http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-09/kuenstliche-intelligenz-maschinen-menschenersatz-jobs/komplettansicht die neue Serie „Maschinenraum“. Ob es auch ein Roboter war, der den die Serie eröffnenden Artikel geschrieben hat, wird dem Leser jedoch nicht verraten. Denkbar wäre es, denn es ist eine – zweifelsohne interessante – Kompilation des bisher über KI Geschriebenen, mit gut erkennbarem roten Faden und einer schönen Pointe. Und das, so die Aussage des Artikels, würde heute auch eine KI gut können.

Es steht fest: Die künstlichen Intelligenzen werden unsere Lebensweise, vor allem unsere Arbeit, verändern. Ob die Jobs ganz wegfallen oder durch neue ersetzt werden, sind sich die Wissenschaftler und Politiker noch nicht einig. Etwas wird sich ändern durch die rasante Entwicklung intelligenter Maschinen. Die künstlichen Intelligenzen, schrieb der österreichische Schriftsteller Glavinic, „sie werden uns fressen […] Und recht haben sie, was sollen sie den sonst tun?“. Denn dass die Maschinen Aufgaben übernehmen, die bisher den Menschen vorbehalten waren, sei keine Sci-Fi mehr, sondern Realität. Sie können das, was Menschen können und dass sie es noch nicht tun, ist alleine der Tatsache geschuldet, dass Maschinen zuerst nur die Aufgaben übernehmen, für die Menschen schon zu teuer sind. Es drängt sich praktisch die Frage auf, was heute ein Journalist oder Schriftsteller noch verdienen darf, damit diese Annahme weiter gilt.

Sie können, was wir können

Die Frage der Digitalisierung und Robotisierung der Arbeitswelt wird immer weniger zur Frage, ob Menschen– überhaupt nicht oder nur etwas weniger – arbeiten werden, sondern zu einer Einkommensfrage. Werden die Menschen weniger arbeiten und verdienen, dann aber auch weniger ausgeben, weil intelligente Maschinen die Arbeit schneller und billiger erledigen? Oder wird es eine einheitliche, erwerbsunabhängige Rente oder ein Grundeinkommen für alle Menschen geben, wie es in Norwegen erprobt und von den Schweizern kürzlich abgelehnt wurde? Während sich die Ideen darüber, wie der Markt ohne menschliche Arbeit auskommen wird, mehren, scheinen sich nur wenige mit der Frage zu befassen, wie dieser Markt künftig ohne menschlichen Konsum auskommen sollte.

So sind die Zukunftsvisionen der neuen Industrierevolution für die einen beängstigend, wenn sie fürchten müssen, dass ihre Arbeitskraft bald nicht mehr auf dem Markt nachgefragt wird, und schockierend für die anderen. Begeisterung scheint rar, auch bei den größten Disruptoren aus dem Sillicon Valley. „Künstliche Intelligenz ist potentiell gefährlicher als die Atombombe“, schrieb Tesla-Gründer Elon Musk 2014 auf Twitter. Eine Skepsis die, wie ZEIT Online vermutet, in der Geschwindigkeit begründet liegt, mit der die Veränderungen passieren. Es bleibt immer weniger Zeit, sich anzupassen, und die Möglichkeiten eines Einzelnen, auf die Entscheidungen über den künftigen Einsatz von Technologien Einfluss zu nehmen, schwinden dahin.

Black Box enttarnt

Gerade machen die Maschinen einen neuen revolutionsartigen Sprung nach vorne: Sie haben in den vergangenen Jahren gelernt, zu lernen. Den Maschinen wird beigebracht, Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen. Das kognitive Zeitalter hat begonnen, zum Beispiel mit dem “Computersystem Watson”:http://www.theeuropean.de/aleksandra-sowa–2/10971-sicherheit-wird-kognitiv von IBM. Algorithmen und Maschinen sind nun bereit, auch kognitive Tätigkeiten von Menschen zu übernehmen: analysieren, Muster erkennen, Schach spielen, aber auch Novellen schreiben, Sportberichte verfassen, Cybersicherheitsvorfälle voraussagen und erkennen. Dank guter Rechengeschwindigkeit und einer ausreichend großen Datenmenge, mit der die Maschinen „trainieren“ und „lernen“ können, können sie neue Verknüpfungen, Muster und Lösungen entdecken.

Das ist smart, gewiss. Aber ebenso gewiss ist, dass dies keine künstliche Intelligenz ist. Nicht in allem, wo KI draufsteht, ist auch KI drin. Oft reicht es, um eine These zu widerlegen, ihr mit einem einzigen Beispiel zu widersprechen. Dies ist den Wissenschaftlern von Cornell Tech, dem Schweizer Institut EPFL in Lausanne und der University of North Carolina offenbar gelungen. Im Projekt „Stealing Machine Learning Models with prediction APIs“ “zeigten sie”:https://www.wired.com/2016/09/how-to-steal-an-ai/, wie man anhand der Ergebnisse, die von künstlichen Intelligenzen, die beispielsweise von Google, Amazon, Microsoft oder BigML, produziert werden, nicht nur die ihnen zugrunde liegenden Entscheidungsmodelle, sondern die Inputdaten – auch die anonymisierten, privaten und persönlichen – rekonstruieren kann.

Mithilfe selbst geschaffener KI zeigten die Wissenschaftler, wie man die AI-Plattform von Amazon und BigML „hacken“ und ihr das Geheimnis ihrer smarten Entscheidungsalgorithmen entwenden kann. Einfach ausgedrückt: Der Entscheidungsweg lässt sich aus dem Ergebnis deduzieren.
Was für Menschen gilt, um den deutschen Nobelpreisträger, Professor Reinhard Selten, zu zitieren, nämlich, dass sie ihre Entscheidungen weder ganz verstehen noch nachvollziehen können (womit die experimentelle Spieltheorie die Annahme des Homo rationalis ins Schwanken zu bringen drohte), gilt offenbar (noch) nicht für die künstlichen Intelligenzen. Daher wäre es eventuell smarter, bei den Algorithmen eher noch vom maschinellen Lernen als schon von KI zu sprechen.

Master and Servant

„[V]ielleicht zwingt uns der neue Wettbewerb mit den Maschinen auch dazu, uns mehr und mehr auf jene Fähigkeiten zu besinnen, die uns Menschen einzigartig machen und damit am schwierigsten zu automatisieren sind“, wird in ZEIT Online konstatiert. Dennoch sei es nicht ausgeschlossen, dass, während die Maschinen einzigartigen, dennoch teuren menschlichen Tätigkeiten (auch wenn zuerst eher schlecht als recht) übernehmen, den Menschen nur solche Aufgaben übrig bleiben, bei denen der Einsatz von Maschinen zu teuer – der Mensch dagegen billig ist.

Entwarnung kommt von keinem Geringerem als dem Futurologen und Sci-Fi-Autor Stanislaw Lem, der auf die Frage, ob es einmal möglich sein würde, ein Elektronengehirn zu bauen, das eine ununterscheidbare Kopie des lebenden Gehirns sei, erwiderte: „Sicherlich, aber niemand wird es tun.“ Man solle, so Lem, einen Unterschied zwischen dem (in der Technologie) Möglichen und den realen Zielen machen. Die Verteidigung der Überlegenheit der Menschheit gegenüber seinen Werken, die mal dem menschlichen Genius überlegen sein sollten, lehnte Lem in Summa Technologiae ab. Diese hätte nur dann Sinn, „wenn tatsächlich jemand den Menschen durch die Maschine ersetzen wollte – nicht am konkreten Arbeitsplatz, sondern im Gesamten der Zivilisation.“ Aber das, dessen war sich Lem sicher, beabsichtige niemand.

Eine Entwicklung, die Stanislaw Lem in den 60er-Jahren, als Summa Technologiae entstanden ist, möglicherweise nicht bedacht hat, ist die extreme Konzentration von Mitteln, Geldressourcen und Macht in den Händen einer immer kleiner werdenden Gruppe von Menschen. Und das möglicherweise diese Gruppe künftig die Entscheidungen darüber treffen wird, in welche Richtung sich die künstliche Intelligenz entwickelt und welche Rolle in dieser Welt noch dem anderen, nicht wohlhabenden Teil der Menschheit zufällt. Und dass der Wille dieser verarmten Mehrheit nicht unbedingt mit dem Willen der reichen Minderheit kompatibel sein wird.

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