Das stinknormale Menschliche

Aleksandra Sowa21.09.2016Gesellschaft & Kultur, Medien

Zwei Jahre nach der englischen Premiere ist sie endlich da: die deutsche Version der „Peripherie“ von William Gibson. Wer das Silicon Valley, seine charismatischen Leader, wer Cyberpunks oder Cybersicherheit besser verstehen möchte, muss nicht mehr nach Kalifornien reisen und bei Marc Zuckerberg um Audienz anstehen. Auch, weil in der Zukunft für das Valley kein Platz mehr ist.

_„Deutschland ist zu langsam und zu ängstlich, um in der 1. Liga mitspielen zu können.“_
_Dr. Burton Lee, Universität Stanford, USA_

Moxie Marlinspike: Cyberpunk, Segler, Autodiktat, Hacker. Und Autor der App Signal, die vom berühmtesten Whistleblower der Neuzeit, Edward Snowden, zur sichersten mobilen Kommunikationsplattform erklärt wurde. Und die inzwischen sogar vom Stab der durch die private E-Mails-Affäre geplagten Hillary Clinton zur (sicheren) Kommunikation eingesetzt wird. Dieser Marlinspike, von dem das US-Magazin “Wired”:https://www.questia.com/magazine/1P3-4151781601/locked-loaded schreibt, er habe seinerzeit schon als gelangweilter Schüler das Internet entdeckt und gerade noch so seinen Highschool-Abschluss geschafft.

Heute – inzwischen über vierzig Jahre alt – ist Marlinspike ein gefeierter und von den US-Behörden mit wenig Sympathie bedachter Sprecher der prominenten RSA-Sicherheitskonferenz in San Francisco. Seine erste Teilnahme vor zwanzig Jahren hatte er sich „organisiert“, erklärt Andy Greenberg in Wired, ohne dafür die obligatorischen 1.000 Dollar Teilnahmegebühr zu bezahlen. Er flog auf – und die Veranstalter zeigten ihn an. Seitdem hat er eine Akte beim F.B.I. Er war Programmierer bei WebLogic und Direktor für Produktsicherheit bei Twitter. In die Krypto-Geschichte geht Marlinspike vermutlich als Schöpfer von Signal ein. Seine Absicht: starke Verschlüsselung, zugänglich für jedermann. Am besten so, dass der Nutzer erst gar nicht merkt, dass er gerade seine Nachrichten verschlüsselt. Signal gilt derzeit als die sicherste, einfachste und benutzerfreundlichste App für elektronische Kommunikation und Telefonie.

Vom Punk zum Cyberpunk, zum Kryptopunk

Bevor Marlinspike in seine mehre Jahre andauernde alternative Zwischenphase eintrat, ein Leben als Punk für sich entdeckte und Interesse an Experimenten zeigte, die ein Leben ohne Zwang der Arbeit ermöglichten, brach er 1999 auf Arbeitssuche nach Silicon Valley auf. Er endete, arbeitslos und obdachlos, auf einer Bank im Alamo Square Park. Die Tech-Industrie langweilte ihn und desillusionisierte mit der routinierten 40-Stunden-Woche, immer vor einem Rechner sitzend. Er war nach Silicon Valley mit der Erwartung aufgebrochen, dort eine Welt wie aus einem Zukunftsroman von William Gibson vorzufinden. Stattdessen fand er endlose Büroparks.

Heute erinnern sich fast nur noch Insider daran, wie William Gibson eine ganze Generation von Hackern, Programmierern, Tech-Pionieren und SciFi-Fans prägte. Die von ihm in den 80er im Roman Neuromancer erschaffene Vision – viele würden eher den Begriff „Dystopie“ bevorzugen – inspirierte eine ganze Generation von Internetponieren. Auch der Begriff Cyberspace geht auf Gibson zurück. In seinem neuen Roman Peripherie macht William Gibson nun die Cyberpunks wie Marlinspike zu seinen Helden.

In einer von unserer nicht sehr weit entfernten Welt, in der man entweder Soldat (Haptic) oder ehemaliger Soldat (ehemaliger Haptic) sein, sich von Drogenbaronen oder militanten Sekten für mehr oder weniger legale Aktivitäten bezahlen lassen kann, krank oder arbeitslos ist. Wobei sich das Problem mit der Krankheit letztendlich durch Erwerb des gesamten Pharmaunternehmens lösen lässt, inklusive dauerhaften Nachschub an Medikamenten für sich, Freunde und die Familie. Finanziert mit dem Geld aus der Zukunft – wobei die Gönner geringes Interesse daran haben, sich als solche zu erkennen zu geben. Und wenn sie es letzten Endes tun, dann nur gegenüber einer ausgewählten kleinen Gruppe, die sich durch diese Dotationen ihr Überleben sichern will. Aber das ist erst der Anfang der Parallelen zwischen der Welt aus Peripherie und dem heutigen Silicon Valley und seinen disruptiven Geschäftsideen.

Die Reichsten sind noch reicher geworden

Dieses Silicon Valley übrigens, das Unternehmen wie Google, Facebook und Apple zum Ort der Rutschen, Saftstationen und des endlosen Spielens für seine Mitarbeiter gemacht hat. Es verwundert daher wenig, dass Gibson in Peripherie das Computerspielen zu einer – mehr oder minder legalen – Erwerbstätigkeit avancieren lässt. Man spielt für sich, für andere Spieler, anstelle anderer Spieler gegen Geld – oder im Auftrag eines Sicherheitsunternehmens aus der Zukunft. Was die Berufsspieler in nicht allzu ferner Zukunft nicht ahnen, ist, dass sie, während sie mit einem Copter herumfliegen und Intruder abwehren, in Wirklichkeit einen realen Auftrag eines Personenschutzes erfüllen. Für tatsächlich lebende Personen in einer real existierenden Welt. Nur, dass diese Welt der unseren nicht nur zeitlich um einiges voraus ist und unter einem akuten Menschenmangel leidet.

Die Menschheit, so die Zukunftsvision von Gibson, soll nämlich im Zuge einer Reihe kleinerer Katastrophen, Kriege und Epidemien auf zwanzig Prozent ihres heutigen Bestands geschrumpft sein. „Kein Kometeneinschlag, nichts, was man wirklich als Atomkrieg bezeichnen konnte“, erklärt Gibson in „Peripherie“, seinem aktuellen Werk. „Einfach nur alles andere, was mit dem Klimawandel verquickt war: Dürre, Wasserknappheit, Missernten, Bienensterben, wie es bereits im Gange war, Wegbrechen anderer Schlüsselarten, die letzten Spitzenprädatoren verschwunden, Antibiotika noch unwirksamer als jetzt schon, Krankheiten, die nie die eine große Pandemie waren, aber verbreitet genug, um per se historische Ereignisse zu sein.“ Kein Knall, kein Blackout, wie sie etwa von Marc Elsberg und vor ihm von Isaac Asimov ausgemalt wurden. Bei Gibson erfolgt die radikale quantitative Reduktion der Gattung Homo sapiens in sehr kleinen Schritten. Hinzu kommt: unabwendbar. Und: Dieser Prozess hat bereits begonnen.

König von England? Nein: City von London

Möglicherweise sucht diese, wenngleich sehr fortgeschrittene, dennoch dezimierte Menschheit der Zukunft Kontakt zu ihren Vorfahren. Möglicherweise strebt sie– umgeben von Nanorobotern – noch hie und da den Luxus menschlicher Angestellten an. Oder sie möchte die bevorstehenden Katastrophen – da sie nicht abwendbar sind – für die Menschen erträglicher machen, jedenfalls für einige von ihnen. Und so das Überleben ihrer künftigen Anführer – „Oligarchen, Konzerne, Neomonarchisten, da die Erbmonarchie ein praktisches, vertrautes Rahmenwerk abgibt“ – sichern. Möglich auch, dass es von allem nur ein bisschen ist.

Was die gibsonsche Welt der Zukunft und von heute verbindet, ist eine fast vollständige Abwesenheit des Staates. Gerade zwei Polizisten lässt er in seinem Roman für Recht und Ordnung sorgen – und beide sind auf die eine oder andere Weise korrupt. Diese ambivalente Einstellung zur Staatsmacht verbindet Gibsons Helden mit den neuen Helden des Silicon Valley. Wie Marlinspike. Denn der Cyberpunk sieht die Polizei als eine bewaffnete, rassistische Gang an. Gewiss eine Einstellung, die fest in seiner alternativen Zeit am Rande der Gesellschaft verankert ist. Möglicherweise sollte die Strafverfolgung nicht allwissend sein, argumentierte Moxie Marlinspike auf der RSA-Konferenz. Für ihn, wie in der Welt Gibsons, sind Legalität wie Illegalität ambivalent.

Die Kritiker starker Verschlüsselung konfrontiert Marlinspike mit dem Argument, er sei der Überzeugung, dass die Strafverfolgung sehr wohl schwierig sein darf. Warum? Wie sonst hätte man heute die gleichgeschlechtlichen Ehen legalisiert oder von den negativen Auswirkungen des Drogenkonsums erfahren, erklärt er. Den Menschen muss es möglich sein, das, was heute als illegal gilt, zu tun, ohne dass jemand davon erfährt. Deswegen, so Marlinspike, sollte es aktuell auch möglich sein, das Gesetz zu brechen. Der Staat wisse ja schon sehr viel über die Bürger – er müsse dennoch nicht alles wissen.

…offiziell immer noch eine Demokratie

Nicht nur wegen seiner skeptischen Einstellung dem Staat gegenüber hatte Marlinspike schnell Gemeinsamkeiten mit dem aus der Ukraine stammenden Jan Koum, dem Mitgründer von WhatsApp, entdeckt, schreibt Andy Greenberg. Sein Verschlüsselungsprotokoll soll künftig auch die WhatsApp-Nutzer schützen – wobei in einem Atemzug die Überwachungsregimes im Mittleren Osten und Südafrika und die „privacy-loving Germany“ als primäre Zielgruppen genannt werden. Marlinspikes Zuneigung zu Privacy soll der Zeit geschuldet sein, die er außerhalb der Gesellschaft verbrachte. Er selbst erinnert sich an die Zeit in seiner Jugend, als die Unsicherheit im Internet etwas Unschuldiges war, während sie heute von den Menschen, die er nicht mag (der Regierung), gegen die Menschen verwendet wird, die er mag (die Gesellschaft).

„Es gibt viele Manager, die ins Silicon Valley pilgern, um sich dort Wagemut abzuschauen“, schrieb Astrid Maier, Ressortleiterin Innovation & Digitales in der “Wirtschaftswoche”:http://www.wiwo.de/my/unternehmen/auto/elon-musk-respekt-fuer-den-risikomann/14515062.html?ticket=ST-268274-6aSACGargzezfgwC25SK-ap4. Neben Scharen von Politikern, die es ihnen gleichtun: Die zahlreichen Reisen seiner Bundestagskollegen haben einmal das MdB Lars Klingbeil zu der Bemerkung verleiten lassen, er sei der Einzige, der noch nicht in Silicon Valley war; die Bundesministerin Andrea Nahles ließ sich bei ihrer Reise von WiWo mit einer eindrucksvollen Reportage begleiten und schwärmte für autonome Fahrzeuge. Zwischen dem 5. und 13. September 2016 reist auch eine 50-köpfige Delegation des Landes Schleswig-Holstein aus Vertretern von Wirtschaft und Wissenschaft durch die USA. Die „Reiseteilnehmer wollen sich über Trends, Ideen und Anforderungen an Politik, Gesellschaft und Wirtschaft im Bereich der Digitalisierung informieren und Kontakte knüpfen“, erklärte die Staatskanzlei und bloggt ausführlich über die Fahrt nach Kalifornien.

„Viele können sich die Reisekosten sparen“, schrieb Maier. Warum? Weil man die „Risikoakrobaten“ aus dem Silicon Valley auch aus der Ferne studieren kann. Über einen Jan Koum, Steve Jobs oder Moxi Marlinspike staunt man auch etwas weniger, wenn man Gibsons Novellen gelesen hat – den Autor, der eine ganze Generation der Internetpioniere inspirierte und sie heute zu erklären versucht, indem er sie zu seinen neuen, politisch unkorrekten Helden macht. Leider haben die meisten Menschen heute keine Zeit mehr zum Lesen. Schuld daran ist das sehr hohe Reiseaufkommen, vermutlich.

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