Hacker contra Terroristen

von Aleksandra Sowa23.11.2015Außenpolitik, Medien

Die Aktivistengruppe Anonymous ruft zu Angriffen auf die Websites auf, hinter denen Mitglieder oder Sympathisanten des Islamischen Staates (IS) vermutet werden. Politik und Behörden lassen sie vorerst gewähren. Ein Bündnis auf Dauer? Eher eine kurze Liaison.

bq. „You can’t defend. You can’t prevent. The only thing you can do is detect and respond.“
(Bruce Schneier)

Anonymous erklärt dem Islamstaat den Krieg – so kommentierten die Medien das kurz nach den Anschlägen in Paris von der Gruppe Anonymous auf YouTube veröffentlichte “Video”:https://www.youtube.com/watch?v=5vpttryHgRk. Darin kündigt ein mit Guy-Hawkes-Maske verhülltes Gesicht an, gezielte Angriffe auf islamistische Websites und die elektronische Kommunikation mit islamistischen Inhalten zu starten. Mit den Operationen unter den Hashtags “#OpParis”:https://twitter.com/hashtag/opparis und “#OpISIS”:https://twitter.com/hashtag/opisis kündigte Anonymous an, die Internetplattformen mit islamistischen Inhalten aufzuspüren und systematisch zu zerstören. Dabei sollen die Betreiber und Nutzer der Seiten, hinter welchen Mitglieder oder Sympathisanten des IS vermutet werden, entlarvt und veröffentlicht werden. Auch die Propagandavideos im Internet sind das Ziel der Aktivisten. Die Mitglieder von Anonymous sammeln auch Namen von Twitter-Accounts mit islamistischen Inhalten und übergeben sie an die US-Behörden. Mehrere Tausende dieser Accounts sollen inzwischen von den Betreiber und/oder von der Polizei vom Netz genommen worden sein.

Jedi-Ritter des Internets

„Wir sind Anonymous. Wir sind Legion. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Rechnet mit uns!“, so lautet die Beschwörungsformel der internationalen Hackergruppe, in der einige Experten eine Anspielung auf ein Bibelzitat erkennen. Das berühmteste Hacker-Kollektiv geht bei seinen Aktionen in gewohnter Manier vor: Einer Ankündigung auf dem Internetkanal YouTube folgt der Aufruf per Text und Video, über Twitter und Sozialnetzwerke. Das ist der Propagandateil der Anonymous-Arbeit, das „Crowdsourcing“. Parallel dazu erfolgen Aktionen im Internet, Distrubuted-Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sowie Serverblockaden, Sabotage, Einbrüche in Systeme und Server, Diebstahl von Daten, manchmal sogar Cyber-Vandalismus. „Sprich nie über Anonymous, enthülle nie deine wahre Identität und greif nicht die Medien an, denn die brauchen wir, um unsere Botschaften zu verbreiten“, fasste Parmy Olson in Inside Anonymous die wenigen Regeln der Hacker zusammen.

Die weiße Grinsemaske der Anonymous, die aus der Protestbewegung Occupy Wall Street gar nicht mehr wegzudenken und zum Symbol des Kampfes gegen Pädophilie im Internet geworden ist, steht für mehr. Wie kaum eine andere Aktivistengruppe verkörpert Anonymous die anarchistische Vision des Internets: „Manchmal verfolgt Anonymous ein übergeordnetes Ziel, eine schlichte Vorstellung von Gerechtigkeit“, schreiben Reissmann, Stöcker und Lischka in We Are Anonymous – Die Maske des Protests. „Mal setzen sich die Aktivisten für die Netzfreiheit ein und enttarnen fragwürdige Aufträge von Behörden an Sicherheitsfirmen […]. Mal sind sie die Helden des digitalen Zeitalters, die Jedi-Ritter des Internets, sozialkritische Aktivisten. Im nächsten Moment aber fallen sie über ein zufällig ausgewähltes Opfer her […], und lachen über ihre anarchischen Späße.“

Mit Selbstjustiz zum Staatsfeind Nummer eins

Die Unberechenbarkeit – und der sogenannte LULZ-Faktor – beschert Anonymous Bewunderung, Popularität, aber auch Kritik. Operationen wie “#OpPedoChat”:https://twitter.com/hashtag/oppedochat gegen Pädophilie im Netz oder “#OpISIS”:https://twitter.com/hashtag/opisis nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo haben die Sympathiewerte für Anonymous in die Höhe schnellen lassen. Dennoch gerieten ihre Aktionen auch in die Kritik, vor allem vonseiten der Polizei, den Behörden und der Politik. So kritisierte beispielsweise ein Sprecher des Landeskriminalamtes in Düsseldorf beim “WDR1”:http://www1.wdr.de/themen/panorama/anonymous126.html die ungesetzlichen Methoden der Hacker-Gruppe gegen die pädophilen Inhalte im Internet als „nicht tolerierbar“. Insbesondere die Veröffentlichung der Identitäten von Nutzern und Betreibern von Internetportalen mit pädophilen Inhalten wurde als ein Akt der Selbstjustiz bewertet und kam in der Politik nicht gut an.

Bitte melden!

Das YouTube-Video und die Begleitung auf Twitter unter #OpParis und #OpISIS gelten als Aufruf an die Hacker-Gemeinde, sich an den Attacken auf die islamistischen Inhalte im Netz zu beteiligen. Jeder, der weiß, wie es geht, kann mitmachen. Es gibt auch passende Anleitungen im Netz: “„The Noob Guide“”:https://ghostbin.com/paste/jrr89 für die Anfänger, in dem die Nutzung von TOR und die Grundlagen der DDoS-Attacken erläutert werden (nicht anwenden ohne vorherige Anleitung!), “„Twitter Reporter“”:https://ghostbin.com/paste/vt5zz, der hilft, die IDs der ISIS-Twitteraccounts zu identifizieren (läuft nicht auf MAC OS X), oder “„Search Terms“”:https://ghostbin.com/paste/uhbxh, um nach Websites mit ISIS-Inhalten zu finden (bitte melden!). Mit den Anleitungen, die detailliert beschreiben, wie man die entdeckten Seiten und Accounts angreift, kann man „üben“ und sich auf den Start der Aktion vorbereiten. In gewohnter Manier will Anonymous eine konzertierte Angriffsaktion starten. Zeitpunkt: unbekannt.

Doch zur Durchführung derart effektvoller Hacker-Angriffe sind nicht viele fähig. Und die wirklich wenigsten sind in der Lage, ihre Identität dabei geheim zu halten und ihre Spuren effektiv zu verwischen. „Eine Frau verführen, das kann jeder Dummkopf. Doch an der Art, wie er sie verlässt, daran erkennt man den reifen Mann“, schrieb in einem anderen Zusammenhang Milan Kundera. So ähnlich verhält es sich mit einem Hacker-Angriff. In einen Computer einzubrechen – das kann heute auch einem Schüler gelingen. Keine besondere Ausbildung ist nötig. Oft reicht ein Computer mit Netzzugang und etwas Glück, wie das Beispiel des rumänischen Hackers “Guccifer”:http://www.nytimes.com/2014/11/11/world/europe/for-guccifer-hacking-was-easy-prison-is-hard-.html zeigt. Er entwendete und veröffentlichte private E-Mails des Bush-Clans. Das Know-how eignete sich der ehemalige Taxifahrer im Internet an, die Passwörter zu der Mailbox hat er einfach erraten.

Wer die wirklich Guten sind

Die wesentlichen Unterschiede zwischen den guten und den gelegentlichen Hackern beschrieb sehr treffend der US-Sicherheitsguru Bruce Schneier in Secrets and Lies: Galileo sei ein Hacker gewesen. Madame Curie war es auch. Aristoteles sei dagegen kein Hacker gewesen; er hatte eine Art theoretischen Beweis, dass Frauen weniger Zähne hätten als Männer. Ein Hacker würde die Zähne seiner Frau einfach durchzählen. Ein guter Hacker würde die Zähne seiner Frau durchzählen, ohne dass sie es mitkriegte, während sie schlief. Ein guter böser Hacker würde sogar einige von den Zähnen entfernen, einfach um zu prüfen, ob es geht.

Ein erfahrener Hacker weiß, wie man nach einem erfolgreichen Angriff seine Spuren verwischt, die Beweise für seine Aktivitäten in Systemen entfernt oder verschwinden lässt. Das Risiko, welchem sich also die jungen unerfahrenen Hacker aussetzen, ist das Risiko, entdeckt zu werden. Allerdings liegt diesmal die wesentliche Gefahr weniger darin, von den Geheimdiensten oder der Polizei aufgespürt zu werden. Hier könnte es sogar um Menschenleben gehen.

Bestenfalls eine Liaison

Doch gerade jetzt hält sich die Kritik der Politik und Strafverfolgungsbehörden an der Anonymous-Aktion in Grenzen. Sie stellt offenbar eine willkommene Hilfe dar, sollte sie im erwarteten Erfolg münden. Frühere Feinde arbeiten Hand in Hand: Anonymous meldet die Seiten und Twitter-Accounts mit ISIS-Inhalten an die Behörden, die ihrerseits die Sperrung vornehmen können. Ein Zweckbündnis auf Zeit – keine Zweckehe, eher eine kurze Liaison, die den noch sichtlich überforderten Geheimdiensten und Politik nicht unwillkommen ist.

#OpParis ist ein Job für die Profis. Jedenfalls dieser Teil, der sich mit der Durchführung von DDoS-Attacken und Sabotageakten betrifft. Doch Anonymous wurde in den vergangenen Jahren durch Festnahmen seiner besten Hacker stark geschwächt. Die frühe Hacker-Generation darf sich aufgrund von Verurteilungen und laufenden Ermittlungen dem Rechner bis auf Weiteres nicht nähern. Viele Hacker sind aus dem Untergrund aufgetaucht und betreiben nun kommerzielle Firmen, die im Auftrag der Unternehmen oder Behörden gezielte Attacken simulieren und Stresstests durchführen. Ob die junge Generation bereits das Niveau der früheren Anonymous-Stars erreicht hat, wird sich zeigen. Vorerst sollten sich die Adepten der Hacker-Kunst auf die Suche der Twitter-Accounts, Websites und Propagandavideos mit ISIS-Inhalten beschränken. Um zu lernen. Und damit aus dem LULZ nicht bald eine dicke Beule wird.

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