Hoffnung Netz

Aleksandra Sowa27.05.2015Gesellschaft & Kultur, Medien

Selten hatten Medien so viel Macht, an den Stühlen der Mächtigen zu sägen. Dabei dient ihnen das Netz als optimale Plattform. Gleichzeitig könnte es zur Kontrollinstanz für guten Journalismus werden.

„We have listened to the wisdom in an old Russian maxim“, Mr. Reagan said. „Though my pronunciation may give you difficulty, the maxim is, ,Doveryai no proveryai‘, ,trust but verify‘.“ Mr. Gorbachev interrupted, laughing. „You repeat that at every meeting“, he said. „I like it“, Mr. Reagan replied.

Zygmunt Bauman, einer der bedeutendsten Soziologen der Gegenwart und Autor des Buches „Liquid Modernity“, konstatierte in einem Gespräch, dass das Internet in vielerlei Hinsicht lediglich als Verstärker der bereits vorhandenen Trends in der Gesellschaft agiert – oder solcher Trends, die sich auch ohne Internet in absehbarer Zeit in der Gesellschaft durchsetzen würden – und seinerseits diese Entwicklung fördert.

Ohne Internet kein „Shitstorm“

„Shitstorm“ gehört zu den Neologismen, die ihr Entstehen dem Internet verdanken und die die Dynamiken, welche in den sozialen Netzwerken entstehen können, treffend beschreiben. Duden definiert den Shitstorm als „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“. Ein Shitstorm repräsentiert die Schattenseiten des Internets. Als Synonym aus der Offlinewelt wählte Duden die Beschimpfung.

Thomas Meyer zeigt in seinem aktuellen Buch „Die Unbelangbaren“, wie erstaunlich ähnliche Phänomene inzwischen auch die traditionellen Medien in Deutschland dominieren – und welche Gefahr sich daraus für die Demokratie ergeben könnte.

Verkürzt gesagt: In dem Duden-Beispiel wird durch „die Fernsehreportage über die schlechte Behandlung der Angestellten“ ein Shitstorm ausgelöst; in dem Meyer-Beispiel werden durch die Fernsehreportage eine weitere Reportage, noch eine Reportage, ein Interview, ein Zeitungsartikel, ein Kommentar usw. ausgelöst. Das Gute an der Neuartigkeit des Journalismus ist, dass „die alten politisch-ideologischen Bastionen“, wie diese aus den Zeiten der Bonner Republik, gefallen sind. „An ihre Stelle ist eine postmoderne Beweglichkeit getreten, die allerdings nicht dazu führt, dass die beteiligten Journalisten vielfältige Positionen beziehen würden“, kritisiert Meyer, „im Gegenteil: Sie alle suchen den Schutz der Herde.“

Die Inhaltsentleerung des Journalismus

Das Ergebnis ist journalistisches Mainstreaming, womit „die weitgehend homogenisierte Berichterstattung“ gemeint ist, die Selbstgefälligkeit der Medienleute und die Inhaltsentleerung ihrer Meldungen. Jede einzeln für sich ist nicht neu – doch sie erscheinen in einer ganz neuen Qualität. „In den letzten Jahren waren es vor allem die Treibjagd auf den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff sowie der Wahlkampf 2013, die zum sonst oft vexierbildhaft verschwommenen Verhältnis von Massenmedien und Politik eine Fülle an Material geliefert haben“, so Thomas Meyer.

Es sei fraglich, „ob der Journalismus in dieser Verfassung noch seinen Beitrag zur demokratischen Selbstverständigung der Gesellschaft leisten könne“, konstatiert er. Die Dimension an Demontage, welche die politischen Akteure wie der ehemalige Bundespräsident Wulff, der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück oder zur Zeit der GroKo-Verhandlungen Sigmar Gabriel durch die Medien erfahren haben, zeigt: „[d]ie Alphajournalisten übernehmen gleichzeitig die Rollen von Staatsanwälten, Zeugen und Richtern. So sind sie zugleich höchst einflussreich und prinzipiell unbelangbar – eine für die Demokratie nicht sonderlich bekömmliche Mixtur.“

Die Journalisten werden nun zu „Kopolitikern“. Der Wechsel von der Politik in die Medien, wie im Fall von Helmut Schmidt, oder von den Medien in die Politik, wie bei Wolfgang Clement, ist heute gang und gäbe. Doch dafür, Kopolitiker zu sein oder in die politische Opposition zu treten, haben die Journalisten kein Mandat; dazu sind die Waffen zu ungleich verteilt, „solange die Medien das Monopol innehaben zu entscheiden, wer Zugang zur Öffentlichkeit haben soll und wer nicht“.

Distanzierte und faire Mittel der Kommunikation

Natürlich können die Journalisten als Bürger die Politik mitgestalten. Doch in „ihrer professionellen Rolle müssen sie […] distanzierte und faire Mittler der Kommunikation zwischen den Bürgern und zwischen den Bürgern und der Politik bleiben, damit Erstere weiterhin in der Lage sind, autonom zu entscheiden“.

Könnte das Internet dabei helfen, solcherart Probleme zu lösen? Trotz vieler Hoffnung in die demokratische Durchschlagskraft des Internets ist der „kritische Online-Journalismus […] noch ein zartes Pflänzchen“. Doch das Potenzial ist da, bestätigt Thomas Meyer. „Was das Netz immerhin heute bereits bietet, ist die Gelegenheit, die sonst weitgehend unbelangbaren Journalisten der etablierten Medien zu kritisieren und zu kontrollieren.“

Journalistische Netzkontrolle

„Gegen problematischen Journalismus hilft nur guter Journalismus, könnte man nun meinen“, meint Thomas Meyer. Doch damit sich der gute Journalismus durchsetzen kann, bedarf es etwas Kontrolle. Und wenn das Netz jetzt schon etwas wirklich gut kann, dann das.

_Meyer, Thomas. 2015. Die Unbelangbaren: Wie politische Journalisten mitregieren. Berlin: Suhrkamp Verlag, S. 26–27._

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