Kopfüber ins Unbekannte

von Alec Empire12.02.2014Gesellschaft & Kultur

Kunst ist immer Unterhaltung und Politik. Trennen lässt sich das eine von dem anderen nicht.

Ich sitze gerade im Taxi, als einige E-mails auf meinem Smartphone eintreffen. Darunter auch die Anfrage zu diesem Kommentar. Es ist Sonntag und ich bin gerade in Berlin gelandet. Langsam merke ich, wie sich die Müdigkeit neben mich setzt. Die Nacht war lang. Ich habe in Istanbul aufgelegt. Als DJ bin ich nicht mehr so häufig unterwegs, weil ich in den letzten Jahren fast ununterbrochen auf Konzerttourneen war. Ich fühle, wie stark mein Herz schlägt und es wird wohl noch ­einige Stunden dauern, bis ich runterkomme.

Ich bin Mitglied der Gruppe „Atari Teenage Riot“. Wir programmieren elektronische Musik auf alten Atari-Computern aus den 1980er-Jahren und setzten­ das Gedicht „Riot Sounds Produce Riots“ von ­William S. Burroughs in Sounds um. Jedes Musikstück muss den Hörer zum Nachdenken anregen, ihn/sie herausfordern. Man muss sich als Teil eines Aufstands fühlen. Falls Sie den Burroughs-Text nicht kennen, lesen Sie ihn!

Abgesehen davon, dass dieser sehr politisch ist, ist er auch genauso unterhaltsam. Viele Aktivisten hören unsere Musik, allerdings auch Hacker und sogar Broker an der Wall Street, bis hin zu Extremsportlern. In eine einfache Schublade lässt sich das alles schon lange nicht mehr stecken. Kunst kann instrumentalisiert werden, und man sollte als Künstler selbst immer ein Auge darauf haben.

Kreative sind unter Dauerbeschuss

Ich bin der Meinung, dass man zum Beispiel die Taten eines fanatischen Christen, der die Bibel so interpretiert, dass er seinen Amoklauf mit Schusswaffen rechtfertigt, nicht auf das Buch an sich schieben kann. Genauso wenig gilt das für Videospiele. Falls man als Künstler falsch verstanden wurde, sollte man daraus trotzdem Schlüsse für die Zukunft ziehen oder zumindest eine klare Position vertreten.

Das Taxi fährt am Potsdamer Platz vorbei. Durch die verregnete Scheibe schaue ich mir Berlin an. Einige Ecken kommen mir noch bekannt vor, Bruchstücke von Erinnerungen tauchen auf, ich muss lächeln, dann sind sie wieder weg. Wenn man in Berlin vom Flughafen Tegel nach Kreuzberg fährt, dann kann man der Geschichte der Stadt kaum entgehen. Man muss sich ihr stellen.
Ich erinnere mich an die Mauer und an eine ­Gesellschaft, in der Künstler verhaftet wurden, wenn sie kritisch waren. Man kommt aber auch an so einigen Hakenkreuzschmierereien vorbei und es wird einem schnell klar, dass die Ideologien der Nazis mit allen modernen Auswüchsen ständig präsent sind.

Und es gibt die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die willkürlich Kunst indizieren kann und das mit teilweise weltfremden ­Begründungen. Die Politikverdrossenheit ist hoch, heißt es. Ich denke, es geht vielmehr darum, dass das Vertrauen in politische Parteien weg ist oder zumindest schwindet und nicht unbedingt das ­Interesse für die Themen.

Die Piratenpartei hat es bei der Wahl nicht weit gebracht. Denn langsam wird immer mehr Menschen bewusst, wie stark Kreative und deren Rechte unter Dauerbeschuss stehen. Für alle, die mit ihrem Kopf arbeiten, und die schrittweise durch Tech-Giganten enteignet werden, sind die üblichen Predigten aus Silicon Valley der blanke Hohn. Journalisten, Architekten, Musiker, Autoren, Fotografen. Die Liste wird immer länger. Bald werden sich Ärzte, Anwälte und Berufsgruppen dazugesellen,­ die sich noch sicher fühlen.

Eine Kunst, die sich immer stärker über staatliche Gelder finanzieren muss, oder Sponsoring von Konzernen annimmt, ist politisch, weil sie ­politischen Interessen dient. Der Europäische Film ­leidet stark in dieser Struktur.

Wenn Künstler auf die Launen und Gefälligkeiten mächtiger, einzelner Gönner angewiesen sind, also folglich keinen wirklichen Dialog mit dem ­Publikum mehr schaffen und führen müssen, dann ist das die schlimmste Situation für die Kreativität. Da braucht sich niemand etwas vorzumachen. Und die Künstler, die sich dieser Entwicklung verweigern, treffen umso mehr politische Aussagen in ihren Arbeiten. Diese Frage, wie politisch Kunst sein muss, ist also in unserer Zeit schon längst ­beantwortet worden. Schon vor einhundert Jahren.

Brav den Sicherheitsabstand einhalten

Auch wenn wir uns manchmal wünschen, Kunst könnte außerhalb der Gesellschaft existieren, ­unantastbar. Wir schauen sie uns an, als seien wir Touristen, die in Kunstgalerien in einer fremden Stadt gehen, um brav den Sicherheitsabstand einzuhalten … aber wir merken dann schnell, dass etwas nicht stimmt, denn Kunst ist immer politisch. Politik und Kunst lassen sich nicht voneinander trennen. Dessen sollte sich jeder bewusst sein, der mit Kunst in Berührung kommt.

Es geht nicht darum, ob Kunst politisch oder „nur“ Entertainment ist – denn sie ist immer beides. Sondern es geht darum, auf welcher Seite du stehst. Und ob Kunst dir helfen kann, herauszufinden, auf welcher Seite du dich schon längst befindest. Vielleicht bist du dir darüber gar nicht bewusst?

Wenn es eine Fähigkeit gibt, von der wir auf diesem Planeten im 21. Jahrhundert sehr viel brauchen werden, dann ist es Kreativität. Kunst ist für mich immer eng mit Philosophie verknüpft, hilft uns, dass wir uns orientieren können. Dieser Punkt wird in der breiten Öffentlichkeit zu sehr unterschätzt.

Künstler stürzen sich ins Unbekannte, sie denken voraus oder in Richtungen, die in dem Moment vielleicht unrealistisch erscheinen. Trotzdem wundern wir uns oft, wie genau sie die Zukunft schon Jahrzehnte vorher dargestellt haben. Und wenn sie daneben lagen, dann liefern sie uns wertvolle Einblicke in eine vergangene Welt, in der sie kreativ waren.

Europäer werden in einer globalisierten Welt nur bestehen, wenn sie kritisch denken und flexibel auf schnelle Veränderungen reagieren können, um dann zu handeln. Kunst sollte ihnen dabei helfen.

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