Man kann im Rahmen des Grundgesetzes wunderbar den Kapitalismus überwinden. Sahra Wagenknecht

Gegen Feuer hilft nur Wasser

Das Elend des Kapitalismus bekämpfen wir mit kapitalistischen Mitteln. Muss man mehr sagen, um zu begreifen, dass es den Kommunismus braucht?

Eine der überraschendsten Szenen aus Chris Markers Film „Le fond de l’air est rouge” (1977) ist ein Interview mit einem Manager von Citroën. Gefragt, wie er darauf reagieren würde, wenn die Arbeiter ihn ablösen und sich selbst regulieren würden, antwortete der Manager gelassen: „Meine Dienste würden selbst im Fall einer Revolution noch gebraucht.“

Wie wäre es, wirklich in so einer Zeit zu leben, in der sich selbst die Ordnungsfanatiker des Managements den sozialen Wandel vorstellen können?

Wir erleben heute das Gegenteil. Das Bewusstsein dafür, dass der soziale Wandel nötig ist, schwindet dahin. Wie aber kann das sein, wo doch auf der ganzen Welt die Maske des schuldenfinanzierten Konsums gefallen ist und darunter die hässliche Fratze des Ausnutzens, der Privilegien und der Unterdrückung sichtbar wurde?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen historischen Allgemeinplatz verlassen: Es gibt keine automatische Verbindung zwischen systemischer Krise und anti-systemischer Aktivität. Passivität, Reaktionismus und Orientierungslosigkeit sind ebenso übliche Folgen einer Krise und mitunter sogar die häufigeren. Die revolutionäre Stimmung des „roten Jahrzehnts“ zwischen 1967 und 1977 mündete in eine Zeit, die relativ unbeschwert und verbunden mit großen Erwartungen war. In Verbindung mit dem stetigen Verfall des Kapitalismus wurden diese zwar enttäuscht, doch auch die Antiglobalisierungsproteste der späten 1990er-Jahre waren keine subjektiven Reaktionen auf eine objektive Krise.

Radikaler Reformismus neu erfunden

Wir leben in einer „Zeit der Aufstände“, um den Ausdruck des Anthropologen Alain Bertho und des Philosophen Alain Badiou zu gebrauchen. Manche dieser Aufstände wirken wie die Vorboten der Revolution. Ist der Kommunismus die Idee, die aus diesen vielen kleinen Widerständen eine koordinierte große Revolution wachsen lassen kann?

Vieles von dem, was im heutigen Europa als „links“ gilt, repräsentiert nichts weiter als den Wunsch, das Kapital zu domestizieren und auf magische Weise die Kommodifizierung, Enteignung und Ausnutzung von Arbeitern so umzudrehen, dass sie dem Wohl aller dienen. Wenn sich Sozialdemokratie im besten Fall in sozialen Liberalismus verwandelt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die selbst ernannten Kommunisten zu reformistischeren Forderungen übergehen. In diesem Licht lässt sich die Kandidatur des griechischen Linken Alexis Tsipras für die Europäische Kommission sehen: als ein Versuch, den radikalen Reformismus neu zu erfinden. Was aber bedeutet Reformismus überhaupt, wenn die klassischen Dichotomien des Antikapitalismus des 20. Jahrhunderts (Reform oder Revolution, Aufstand oder Revolution) nicht länger gegeben sind?

Hört auf Karl Marx!

Tatsächlich befinden wir uns in einer misslichen Lage: Was für einen radikalen Linken vor einigen Jahren noch als reformistisch galt, wirkt heute wie eine utopische Forderung: Öffentliche Bildung? Soziale Sicherheit? Kleine Anpassungen der Steuergesetzgebung? Und so fort. Dafür gibt es gute Gründe. Selbst in dem Fall, dass die Exzesse des Kapitalismus wirksam unterbunden würden, könnte dieser kein Leben ermöglichen, wie wir es (je nach Ausmaß unserer Nostalgie) mit dem Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit oder dem (schuldenfinanzierten) „Wachstum“ der 1990er-Jahre verbinden.

Deshalb ist die Unterscheidung, die der radikale französische Denker André Gorz vor einem halben Jahrhundert gemacht hat, wohl nicht länger gültig: Reformen sind nicht nur reformistisch oder nur nicht-reformistisch. Denn jede Reform beginnt, nicht-reformistisch zu wirken, wenn – ganz im Gegenteil zu den Phasen kapitalistischen Wachstums und der „Erholung“ vom Radikalismus – business as usual nach Intoleranz und Inflexibilität verlangt.

Oder wie Karl Marx vor 170 Jahren spöttelte: „Um den Gedanken des Privateigentums aufzuheben, dazu reicht der gedachte Kommunismus vollständig aus. Um das wirkliche Privateigentum aufzuheben, dazu gehört eine wirkliche kommunistische Aktion.“ Doch von der wirklich kommunistischen Aktion ist in der politischen Sphäre heute nichts zu sehen. Zudem die Arbeiterbewegung in einem schlechten Zustand ist. Vielleicht müssen wir also unsere Perspektive wechseln.

Das große Rätsel der Gegenwart

Die aktuellen Aufstände und Revolten haben gezeigt, dass der Kapitalismus in seinem stetigen Versuch, sich von der Arbeiterklasse zu emanzipieren, die Reproduktion von Arbeit, sozialen Beziehungen und Menschen in Gefahr bringt. Proletarisierung bedeutet heute weniger die Schaffung von Arbeitskapazitäten, sondern zunehmend die Schaffung entbehrlicher Menschen.

Die heutige kommunistische Aktivität – also das Streben nach Kontrolle über das Sozialleben auf der Basis von Bedürfnissen anstatt Profiten – findet sich größtenteils in Kämpfen über soziale Reproduktion wieder: die Besetzung von Häusern gegen Vertreibung, das Verhindern von Krankenhausschließungen, die Verteidigung (oder eher Etablierung) von öffentlicher Bildung oder, wie wir zuletzt in Brasilien gesehen haben, die Übernahme des öffentlichen Nahverkehrs.

Obwohl Ungleichheit heute an der Tagesordnung ist, ist unsere „Zeit der Aufstände“ auch eine Zeit der Oligarchen. Der Kommunismus kann deshalb nicht mehr nur die Durchsetzung von Gleichheit bedeuten – besonders, wenn unsere Vorstellung von Gleichheit durch den liberalen Individualismus oder die Überbewertung von Geld eingeschränkt ist. Und obwohl die Entstehung des Kommunismus im 19. Jahrhundert eng an die Industrialisierung gebunden war, sollten wir ihn nicht mehr nur im Kontext der Produktion sehen.

Es ist das große Rätsel der Gegenwart: Immer mehr Teilen der Welt fällt es immer schwerer, unter dem Kapitalismus Arbeit, Existenz und Beziehungen zu reproduzieren. Doch sie haben nur den Kapitalismus, um es zu versuchen. Deshalb fällt es so schwer, in der Krise an Alternativen zu denken. Deshalb wird es, je härter die Krise uns fasst, immer schwieriger, sich ein anderes Leben als das der Verelendung überhaupt vorzustellen. Deshalb muss, wenn überschüssiges Kapital nur mit überschüssiger Bevölkerung erzielt werden kann, jedes Nachdenken über den Kommunismus jene Praktiken enthalten, die durch Wiederaneignung Räume zum Überleben schaffen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Herbert Ammon, Herbert Ammon, Ramin Peymani.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 2/2014.

Darin geht es u.a. um die Liebe: Sie ist die letzte Unbekannte in unserer Welt. Wir lassen diskutieren, warum sie immer noch unser Leben diktiert. Weitere Debatten: das Erbe der Großen Koalition, die Grenzen des Teilens und warum die Renaissance des Kommunismus ausbleibt. Dazu Gespräche mit Sahra Wagenknecht, Marina Abramović, und Viviane Reding.

Sie können es hier direkt bestellen.

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