Wie Beziehungsmangel in der Kindheit zur Belastung fürs Zusammenleben wird

Albert Wunsch15.10.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

‘Wir sind Analphabeten im Bereich unseres Gefühlslebens’, lässt der Regisseur Ingmar Bergman den Protagonisten in dem Beziehungsfilm “Das Schweigen” sagen. Und die Psychologin Jirina Prekop ruft dazu auf, die ‘Impotenz des Herzens’ zu überwinden. Dies ist jedoch in einem durch überzogene Selbstverwirklichungs-Postulate gekennzeichneten gesellschaftlichen Klima gar nicht so einfach. Denn wie können Paare ‚emotionale Kälte’ überwinden wenn ihre Beziehungsbedürfnisse unerfüllt blieben und/oder Beziehungs-Brüche im Erwachsenenleben einen tief gründenden Selbstwert-Verlust auslösen? Was muss geschehen, dass solche Erfahrungen sich nicht als Generationen-Muster ‚vererben’?

Die Vorbereitung auf Partnerschaft, Ehe und Familie beginnt einen Tag nach der Geburt

So die Start-These eines Wochenend-Seminars für Paare. Verwunderung und Stirnrunzeln. Der Referent meinte: ‘Vierundzwanzig Stunden sollten neue Erdenbürger schon die Gelegenheit haben, ohne Lernstress das Umfeld zu erkunden.’ Schnell wurde jedoch klar, dass es nicht ums Kind, sondern um die erzieherische Grundhaltung der Eltern geht. Erhält es von Mutter und Vater Nähe und Zuwendung, die es stabil macht, oder wird diese nur ansatzweise eingebracht? Wird das Kind herausgefordert oder verwöhnt? Führt die Erziehung in die Eigen-Verantwortung oder die Ent-Mutigung? Hat es die Chance, eine Identität als Junge oder Mädchen entwickeln zu können, oder soll ein ‘politisch korrektes’ Gender-Neutrum heranwachsen? Wird ihm Erotik und Sexualität als bereichernd oder verklemmt vermittelt? Werden ihm altersgemäße Konflikt-Lösungen zugetraut oder per Harmonie-Sucht erstickt? Kann es genügend Abwehrkräfte gegenüber einem schillernden Lebens-Stil zwischen Genuss-Streben, sofortiger Wunscherfüllung, einer Sucht nach dem leichten Sein entwickeln?

Von den alltäglichen Lebens-Erfahrungen wird es abhängen, ob sich ein durch Selbständigkeit und Eigenverantwortung geprägtes stabiles Selbst entwickelt. Denn nicht nur in Partnerschaft und Ehe, sondern auch in Beruf und Freizeit benötigen wir durch Empathie, Widerstands-Fähigkeit, Durchhalte-Kraft und Verantwortungs-Bewusstsein geprägte ich-starke – kurz resiliente – Menschen.

Ungeschuldet Liebe in der Kindheit als Basis für beglückende Partnerschaften und Ehen

Häufig wird ausgeklammert, dass die Intensität und Kontinuität beglückender Bindungs-Erfahrungen in der Kindheit die Basis dafür ist, in welchem Umfang Erwachsene überhaupt bindungsfähig sind. Denn wer nicht ein durch Urvertrauen, Selbstwirksamkeit und ungeschuldete Liebe geprägtes ‘Kind-Selbst’ im kontinuierlich-behutsamen Kontakt mit fürsorglich-liebevollen Bezugspersonen entwickeln konnte, wie soll dieser als Erwachsener die Voraussetzungen für ein liebevolles und tragfähiges ‚Erwachsenen-Selbst’ entwickeln? So werden durch grundlegende Mangel-Erfahrungen geprägte Kinder als Erwachsene schon auf kleine Unsicherheiten oder Defizite im Partnerschafts-Alltag über-reagieren. So fragen sich mit einem großen Sicherheitspolster ins Leben gestartete Menschen, wenn der Partner/die Partnerin später als erwartet nach Hause kommen, welche betrieblichen oder verkehrstechnischen Probleme wohl entstanden sein könnten, während bei unsicher Aufgewachsenen schnell düstere Untreue-Szenarien entstehen. Ich bin jedes Mal überrascht bzw. erschüttert, wenn ich über meine Hochschultätigkeit solch negativen Mutmaßungen von Studierenden mitbekomme.

Jede aufs gegenseitige Geben und Empfangen gerichtete Beziehung gibt dem Leben Sinn und Kraft. So ist das Fehlen einer positiven Beziehung – auch zu sich selbst – imeist viel schwerer zu ertragen als körperliche Beeinträchtigungen. Besonders unsichere gesellschafts-politische Zukunfts-Bedingungen und ein harscher beruflicher Wettkampf stärken die Sehnsucht nach Ausgleichs- und Auftank-Orten. In diesen wird dann Nähe, Schutz, Beachtung, liebevolle Zuneigung und Verbundensein gesucht, um so den Hauch eines Lebens in Fülle zu spüren. Aber die allermeisten ‘Erwachsenen’ zivilisierter Gesellschaften suchen noch so stark nach Anerkennung und Liebe, dass sie als Bedürftige Beides kaum geben können. Sie sind demnach unfähig für eine nachhaltige und tragfähige Beziehung. Menschen, welche häufig zwischen einem ‘Rumpf-Selbst’ und einem ‘Herrschsüchtigen-Ego’ pendeln prägt ein mangelhaftes gereiftes ‚Selbst’ und damit die Bereitschaft zu einer ‘bedingungslosen Liebe’ als Basis eines beglückenden Zusammenlebens.

Die Kennenlern-Zeit besser nutzen und gezielter in die Start-Voraussetzungen investieren

Mit dem Traum von der ewig jungen Liebe beginnen die meisten Par­t­ner­schaften. Wenn diese Paare sich dann nach einer Zeit des Ken­nen-Lernens ein gemeinsames Leben wirklich zu-trauen, heiraten sie meist. Handelt es sich bei diesen Ehe-Willigen um Christen, wollen viele – ge­rade in einer durch Unverbindlichkeit geprägten Welt – ihren Bund unter den Segen Got­­tes stellen, so dass ER durch das Ehe­sa­kra­ment zum Dritten im Bun­de wird, wie dies Dr. Heiner Koch – der heutige Bischof von Berlin – als Stadtjugendseelsorger in Neuss innerhalb von Ehevorbereitungs-Seminaren oft formulierte. So schaffen sich lebendige und stabile Par­tner­schaf­ten eine solide Basis, um finan­ziel­le Beeinträchtigungen, berufliche Rück­­schlä­ge, störende Partner-Eigenschaften, heimtückische Krank­­heiten und damit meist verbundene Be­­gren­zun­gen des erstrebten Lebens-Stils zuversichtlicher mit-tragen oder er­tra­gen zu kön­nen.

Besonders amerikanische Sozialforscher haben den Lebensalltag daraufhin untersucht, durch welche Faktoren die Selbst-Entwicklung begünstigt wird. So hatte die aktive Eingebundenheit in religiöse Gemeinschaften z. B. nicht nur eine äußerst positive Auswirkung auf die Aufbauleistung in ärmlichen und sehr zerstörten Stadtteilen von New Orleans nach dem verheerenden „Hurrikan Katrina“, sondern dies zeigte sich auch beim Integrations-Erfolg von US-Immigranten unterschiedlichster Herkunft. Auch belegen etliche Untersuchungen, dass bei religiös geprägten Paaren, verstärkt wenn diese spezielle kirchliche Ehevorbereitungs-Seminare besuchten, die Scheidungsrate wesentlich geringer und die Zufriedenheit im Zusammenleben wesentlich ausgeprägter ist.

‚Geben-Können’ anstelle von ‚Haben-Wollen’ als Basis eines beglückenden Lebens

Beziehungen in Geborgenheit stiften Sinn, bieten Sicherheit und wirken wie ein Airbag, wenn zu viele Anforderungen auf einen Menschen einprasseln. Sie schützen uns vor ‘Aufgeben’ und ‘Rückzug’ und beflügeln durch ein kräftiges ‘Selbst-Wert-Polster’ unseren Lebensmut. Sind die Voraussetzungen für ein solches Miteinander zu mager, wachsen in Beziehungen nicht Können und Vertrauen, sondern Unklares, Missliches und Störendes, bis das Fass überläuft. Aber so wie sich unter negativem Vorzeichen Enttäuschungen, Lieblosigkeiten oder Verletzungen ansammeln, so können auch positive Ereignisse, bereichernde Begegnungen, freudige Überraschungen, verlässliche Übereinkünfte und gezielte Hilfestellungen im Alltag abgespeichert werden. Auch wenn Glück meist limitiert ist und außerhalb unserer Verfügbarkeit liegt, Zufriedenheit ist ein Produkt unseres Wirkens. Sie aktiviert übrigens dieselben Hirnareale, wie dies beim Glücksgefühl der Fall ist. Mit dem daraus resultierenden Wohlbehagen haben wird gleichzeitig den idealen Humus fürs Wachsen und Gedeihen tragfähiger liebevoller Beziehungen in Partnerschaft, Ehe und Familie. Ein Fazit: “Was wir am nötigsten brauchen ist ein Mensch, der uns dazu bringt, das zu tun, was wir können”, so der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson. Uns sollte nichts daran hindern, diesem Menschen täglich neu mit Wertschätzung und Liebe zu begegnen.

 

 

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