Wie steht es um die Bildung in Deutschland?

Albert Wunsch2.09.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Bildung bedeutet heutzutage wohl schon der Umfang der Unterbringung von Kindern in Ganztags-Kitas und -Schulen. Aber das kann doch nicht als prägendes Qualitätsmerkmal von Bildung gelistet werden, moniert unser Autor.

„Es liegt an den größeren Trinkgefäßen, anders ist die hervorragende Qualität des Bayrischen Bieres nicht zu erklären,“ so die Äußerung eines begeisterten Nordländers. – „Solch einen Quatsch habe ich noch nicht gehört, von Bierhumpen oder Großgläsern auf den Inhalt zu schließen“, meinte ein Gegenüber. „Es muss an der Zusammensetzung und am Brauverfahren liegen. Qualität lässt sich doch nicht durch quantitative Merkmale erklären.“ Aber die Argumente halfen nicht, unser einfältiger Gerstensaft-Fan blieb bei seiner Auffassung. – Dieses Gespräch ist fiktiv. Real sind die unisono zu hörende Rufe von Politikern unterschiedlichster Richtung und vielen Medienvertretern: „Ganztags-Kitas und -Schulen fördern ein gutes Lernklima und verbessern den Bildungsstand“

Nun greift Birgit Kelle im Newsletter Frau 2000plus vom 23.8.2019 kritisch die „Hiobsbotschaften des sogenannten Bildungsmonitor 2019 über den Status Quo der (einstigen?) Bildungsnation Deutschland auf.“ Nach Bewertung von rund 93 Indikatoren haben die Macher dieser Untersuchung die einzelnen Bundesländer in ein Ranking gepresst, wonach sich Sachsen zum wiederholten Male als Sieger feiern darf, gefolgt von Bayern, Thüringen und dem Überraschungsaufsteiger Saarland. Schlusslicht in jahrelanger Tradition: NRW, Brandenburg, Bremen und natürlich Berlin.  „Frei nach dem Motto: Glaube nur der Studie, die du selbst in Auftrag gegeben hast“, stellt sich jedoch die Frage, was sagt dieses Ranking überhaupt über tatsächliche Bildungsstandards aus und wer legt eigentlich fest, was als positives und was als negatives Beispiel gewertet wird? Auch scheint es für eine gute Lebens-Bildung unerheblich zu sein, in welcher Intensität die Schulen mit den Eltern als Erziehungsverantwortlichen zusammen arbeiten, um so ein gemeinsames Lern- und Handlungskonzept zu entwickeln.

Was ins Auge springt, dass – neben anderen Kriterien – der Umfang der Unterbringung von Kindern in Ganztags-Kitas und -Schulen als prägendes Qualitätsmerkmal von Bildung gelistet ist. Häufig wird dann argumentativ an die Pisa-Erfolge von Finnland angeknüpft. Zur Veranschaulichung nutzten Viele eine alte christliche Tradition und wurden zu PISA-Pilgern mit Kurs auf Finnland. Der Tross neugieriger Journalisten und Bildungspolitiker auf der Suche nach Erleuchtung, um die Düsternis in deutschen Klassenräumen zu überwinden, risst nicht ab.

Dort stellten sie verwundert fest, dass die Finnen weitgehend ein deutsches Modell kopierten. Unser modernistisches Denken gäbe ihm keine Chance, schließlich sind die Grundzüge schon über 150 Jahr alt. Aber dank einer intensiven skandinavischen Fröbelbewegung prägt sein pädagogischer Geist, welcher Mitte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert ins Erziehungssystem Einzug hielt, bis heute das dortige Schulwesen. Fröbel, Pfarrerssohn aus Thüringen und Schüler des schweizer Pädagogen Pestalozzis gründete 1817 in der Nähe von Rudolstadt bei Weimar eine Privatschule, die bis heute existiert. Seine erzieherischen Gedanken veröffentliche er 1826 in dem Hauptwerk: „Die Menschenerziehung“. Im Jahre 1847 schuf er den ersten „Allgemeinen deutschen Kindergarten“, welcher zum weltweiten Impulsgeber wurde. Fröbel setzte sich früh für eine individuelle und ganzheitliche Förderung mit ‚Kopf, Herz und Hand’ ein. „Sie beginnt bei der Mutter, wenn sie ihr Kind kost, dazu singt, Fingerspiele spielt, Bilder einbezieht.“ Auf diese Weise wird in einer Lehr- und Lerngemeinschaft des Vertrauens gegenseitige Achtung erfahren. So entsteht ‚kategoriale‘ Bildung, wächst Basiskompetenz als entscheidende Voraussetzung für ein lebenslanges Lernen, so eine Verdeutlichung von Prof. Helmut Heiland von der Uni Duisburg unter der Überschrift: „Das vergessene Erfolgsrezept“.

„Ja, an finnischen Schulen sieht alles ganz hervorragend aus. Schlaue Schüler, motivierte Lehrer!“ Schulen wie ein Adventkalender, hinter jeder Tür verbirgt sich eine pädagogisch vorbildliche Überraschung. Die markanten Unterschiede: Finnland hat die Schulaufsicht abgeschafft. Die Schulen haben weitgehend Budget-Hoheit, die Haupt-Verantwortung liegt bei den Kommunen. Jährlich findet eine Evaluation der Lehre statt, ähnlich der PISA-Studie. Jede Schule erfährt ihr Ergebnis im Vergleich zum Landesdurchschnitt. Auftretende Probleme mit schwierigen Kindern werden sofort – gemeinsam mit den bei der Schule angestellten Sonderpädagogen – gezielt aufgegriffen. Eine intensive Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schülern und Lehrern ist obligatorisch. Das Ansehen der Lehrer ist beträchtlich, die Motivation hoch. In der ‚verbindlichen Gesamtschule‘ wird durch individuelle Förderprogramme eine große Chancengleichheit für Schwache und Begabte erreicht. Ebenfalls ist wichtig: In keinem europäischen Land gibt es so viele kleine Schulen. Und der Ganztagsunterricht entsprang nicht ideologischen Vorgabe, sondern ist der großen Entfernung zwischen den im Land verteilten Mini-Ortschaften und den zentraler gelegenen Schulstandorten geschuldet. Private Nachhilfe ist in Finnland unbekannt.

Dies als Kurzlektion für alle die – wie unser naiver Bierfreund – meinen, mit einer Schule als Ganztagsbetrieb könnten die finnischen Erfolge in unser Bildungssystem importiert werden. Vieles spricht jedoch dafür: Wenn die dort als selbstverständlich betrachten Qualitätsstandards übernommen würden, käme eine wirklich gute Halbtagsschule heraus. Die stärkste Relativierung dieser ‚abstrusen Denke’ um die Wichtigkeit von Ganztags-Schulen brachte ein langjähriger Schulleiter wie folgt auf den Punkt: „Was haben wir davon, wenn wir das Elend des Vormittages auch auf den Nachmittag ausdehnen.“

Hier finden Sie den Link zum sogenannten Bildungsmonitor 2019 mit allen Einzelergebnissen im Vergleich: https://www.insm-bildungsmonitor.de/

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